Fokus

Im Kern dreht sich das Projekt um die Frage, warum Menschen und ihre Organisationen mit falschen Zukünften operieren und warum diese trotzdem funktionieren.

Zukunftsentwürfe legitimieren und priorisieren, sie geben Orientierung geben und stiften Identität. Mich interessieren Verzerrungen des Zukunftsdenkens und die dahinterliegenden «Verzerrungsmaschinen». Was wurde in der Vergangenheit unter- und überschätzt und was wurde ganz übersehen?

Ziel des Projekts ist nicht die Schadenfreude über misslungene Prognosen, zumal es aus Sicht der Geschichtswissenschaften keine «falsche Zukunft» gibt. Zukünfte folgen aus historischen Konstellationen und sind als solche Zeugnisse ihrer Entstehungszeit. Aus den aktuellen Zukunftsentwürfen lässt sich folglich etwas über die Gegenwart lernen.

Diese Analyse ist umso dringlicher, als dass Gen-KI die Selbstverstärkung von falschen Zukünften intensiviert. Die Trainingsdaten der Tech-Konzerne bevorzugen die dominanten, plakativen Zukunftsentwürfe der Vergangenheit während sie die leisen und differenzierten Stimmen marginalisieren.

Methodik

Um Antworten zu finden, greife ich beim Schreiben auf zwei methodische Hilfsmittel zurück. Ich führe Arbeitsgespräche mit Profis, die sich täglich mit der Zukunft und ihrer Geschichte befassen: mit etablierten Futuristinnen aber auch mit Historikern, die sich mit der Zukunft der Vergangenheit befassen.

Parallel stöbere ich in Büchern, die in Phasen ausgeprägter Zukunftsbegeisterung entstanden sind: um 1890, 1960 und 1990. Diese Zeitdokumente zeigen, wie das Kommende gedacht und verzerrt wurde. Ein Projekt über «falschen Zukünfte» muss deshalb auch prüfen, welche Zukünfte heute im Fokus stehen und warum diese kaum die Wirklichkeit von Morgen wiedergeben.

Kapitelübersicht

  • Lucian Tobias Hölscher (1948) ist ein deutscher Historiker und lehrte von 1991 bis 2014 an der Ruhr-Universität Bochum als Professor auf dem Lehrstuhl für Neuere Geschichte und Theorie der Geschichte. Hölscher ist Experte für die Geschichte der Zukunft und Autor des Standardwerks «Die Entdeckung der Zukunft». Im Januar ist sein neustes Buch «Virtual Reality» erschienen.