Plastikzukünfte sind Zukunftsbilder, die glänzen, leicht zu konsumieren und massenkompatibel sind. Es mangelt ihnen an historischer Tiefe, sie ertragen keine Widersprüche und haben keinen Anspruch, Grundlegendes zu verändern. Das macht sie ebenso langweilig wie kurzlebig. Dazu kommt: Plastikzukünfte bevorzugen Schreihälse und bringen die Ungehörten zum Schweigen.

Plastikzukünfte sind überall

Die offensichtlichsten Plastikzukünfte begegnen uns in den sozialen Medien und haben mit dem Begriff «Workslop» mittlerweile grosse Bekanntheit erlangt. Sie stehen für hochwertig aussehenden Schrott, der inhaltlich, emotional und ästhetisch geglättet wurde.

Paradebeispiel für Plastikzukünfte sind belanglose Posts über die KI-Zukunft, die automatisiert von Bots erstellt wurden. Ihre Auftraggeber brüsten sich, regelmässig zu posten, verstopfen aber vor allem die digitalen Kanäle. Genauso paradigmatisch sind die eingespannten Bots, um Inhalte millionenfach abzurufen und zu verbreiten. Sogar Drake nutzte Botting, um seine Popularität künstlich hochzujazzen.

Plastikzukünfte finden sich auch überall dort, wo etwas Hochwertiges vorgetäuscht wird. Plastikleder. Plastikparkett. Plastikzähne und Plastiklippen. Plastikzukunft heisst zum einen: immer mehr Sehnsüchte werden durch maschinengenerierte Bilder angeregt. Zum anderen prozessieren sich die Menschen so, dass sie und ihre Lebenswelten in diese Bilder passen.

Plastikzukünfte sind hochprozessiert

Durch ihre Hochglanz-Ästhetik fügen sich Plastikzukünfte perfekt in die glatte Scroll-Logik digitaler Medien ein. Sie wirken stimmig, sauber und fehlerfrei. Doch genau darin liegt das Problem: Es fehlt die Provokation, Widersprüche wurden weggepromptet.

Plastikzukünfte lassen sich zwar endlos wiederholen, aber sie füllen sich nicht mit Leben. Durch das Prozessieren gehen die Unschärfen, Kontraste und Fehler verloren, die zum Diskurs anregen würden. Es verfängt nichts, kaum etwas irritiert. Plastikzukünfte blasen die Finanzen auf, sie lösen aber keine Probleme.

Mit der Hochprozessierung der Ideen geht eine Einebnung des Leistungsniveaus einher. Zwar wird alles ein wenig besser – aber auch ein wenig mittelmässiger. Mit ChatGPT & Co lassen sich problemlos durchschnittliche Narrative und Designs der Zukunft generieren oder Beiträge für ein Feuilleton ohne Anspruch erstellen.

Plastikzukünfte sind spiegelglatt

Plastikzukünften fehlt die geschichtliche Tiefe. Sie interessieren sich einzig für den Moment und werden kommentarlos wiederholt. Das verlängert ihre Präsenz, steigert aber auch die Belanglosigkeit.

Im Fokus auf Wirkung und Anschlussfähigkeit fehlt ihnen der Sinn für Wurzeln. Sie wissen nicht, woher sie kommen. Sie kennen weder ihre Erfinder:innen noch ihre Gegenargumente. Gleichzeitig ignorieren sie die Fakten, die für die Arbeit an der Zukunft relevant wären – sei es das Klima, die Geopolitik, die ungleiche Vermögensverteilung oder die wachsende Antibiotika-Resistenz. Plastikzukünfte blenden die Gründe aus, weshalb etwas geändert werden müsste, und setzen sich über ihre Nebenwirkungen hinweg.

Sie argumentieren, als gäbe es nur eine einzige Plastikwelt und dazu eine einzige, alternativlose Zukunft. In dieser Fixierung werden alle anderen Weichenstellungen, die jetzt in der Gegenwart ebenfalls passieren (müssen), übersehen.

Plastikzukünfte haben fossile Hintergründe

Plastikzukünfte sind auf fossile Energie angewiesen und folgen der Logik «drill–use–burn». Damit stehen sie im Widerspruch zu langfristig gedachten, zirkulären Zukünften. Deshalb sind sie Wegwerfzukünfte: Sie funktionieren nur, solange das Fossile billig verfügbar ist, zu Plastik verarbeitet und sorglos verbrannt wird.

Plastikzukünfte überschätzen den Einfluss des Menschen auf die Zukunft. Sie tun so, als könne der Mensch seine Zukunft kybernetisch planen und den Weg dorthin kontrollieren. Dazu müssen die Grenzen und Kräfte der Natur grosszügig übersehen werden. Der Einfluss der Tiere als Zukunftsvektoren wird genauso ignoriert wie jener anderer nicht-menschlicher Akteure: Viren, schmelzender Eisflächen oder demografischer Verschiebungen ganzer Regionen.

All das verurteilt die Plastikzukünfte zum Scheitern. Sie untergraben ihre Voraussetzungen: eine verlässliche Energieversorgung, funktionierende Märkte sowie geopolitische und innenpolitische Stabilität. Das gilt sogar für den fossilen Kern der Plastikzukunft: Peak Oil ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein verhüllter Elefant im Raum.

Strategien gegen Plastikzukünfte

Plastikzukünfte lassen sich brechen, wenn Stimmen zu Wort kommen, welche die glatt polierten Oberflächen kritisch hinterfragen, vertiefen und in Kontrast setzen. Um raffinierte Zukünfte zu erhalten, können wir die Obrigkeiten (die Algorithmen, Bros oder Bundesrätinnen) kritisieren oder aber selbst an der Oberfläche des Plastik kratzen. Wir können…

  • … Orte der Vertiefung unterstützen: indem wir statt Netflix und Marvel-Filme zu schauen, in Museen gehen, Bibliotheken unterstützen oder uns in Lesezirkeln austauschen. Diese Orte der Vertiefung ermöglichen das Nachdenken und fördern soziale und inhaltliche Durchmischung. Das alles unterstützt uns darin, die Realitäten hinter den Plastikzukünften zu entdecken.
  • … die Lautstärke der dominanten Stimmen abdrehen: Um den Plastikzukünften ihre Glattheit zu nehmen, braucht es die differenzierten, leisen, ungewohnten Stimmen. Sie zu hören, kann voraussetzen, die Lauten zu beschränken. Wir senken ihre Lautstärke, wenn wir nicht das Grelle klicken, das Regionale und das ohne Marke kaufen. Wenn wir spazieren und Probieren statt uns von Ratings und Maps leiten lassen.
  • … die (Digitale) Enthaltsamkeit einüben: Wir können uns Tage ohne Ratschläge und Optimierungen durch KI gönnen, das eigene Posten begrenzen, uns aus sinnbefreiten digitalen Endlosschlaufen befreien, ein Buch lesen oder uns mit der Geschichte befassen. Wir können Leere aushalten und sparen, uns ab und zu das Teure zu leisten.