Wien, 2012

Nach Wien zu fahren, bedeutete an den Ort zurückzukehren, wo ich die ersten Ferien ohne Eltern verbracht hatte. In frühen Jahren war ich zweimal in verschiedener Besetzung in Wien gewesen. Ich war beeindruckt von den Grosszügigkeit der Stadtplanung und von der Verbindung von neu und alt. Jetzt, viele Jahre später, erschien mir die Stadt nüchterner, geschrumpft. Es fehlte die Spannung, die man mit zwanzig empfindet, wenn man in eine neue Stadt reist und das Gefühl hat, zum ersten Mal alles zu dürfen.

Nach Wien zu fahren, bedeute auch einen Teil der bewährten Reisegruppe wieder zusammenführen, die bereits in Berlin und London funktioniert hatte. Es ist praktisch, wenn die Freunde sich für bestimmte Zeit im Ausland niederlassen und man die Möglichkeit erhält, das Fremde auch unter der Oberfläche kennenzulernen. Ja, ich gehöre einer verwöhnten Generation an, die es sich leisten kann immer wieder in die Ferien zu fahren und den ganzen Planeten zu besichtigen. Und ja, ich fliege etwas zu oft in diesen Monaten.

Wir landeten spät in Wien und der erste Auftrag bestand darin, die Wohnung eines Freunden einer Freundin unseres Freundes zu finden. Dieser hatte uns sein Heim überlassen, wir sollten uns gemäss Begrüssungsschreiben wie zu Hause fühlen. Dazu mussten wir zuerst die in die Jahre gekommene Vermieterin wecken, die uns schlaftrunken und mit Stickereien unter dem Seidenpijama die Tür öffnete. Es sollte nicht die letzte sein, denn bis zur Wohnung mussten wir gefühlte fünfzehn Türen öffnen und schliessen. Die Vermieterin machte einen paranoiden Eindruck, wies sie uns doch mehrmals an, bei jedem Verlassen des Hauses alle Türen zu schliessen.

Der Besuch in Wien begann dort, wo London aufhörte, im Speisesaal eines türkischen Restaurants und einer Meseplatte mit gemischten türkischen Vorspeisen. Nach etwas Schlaf ging es weiter mit Essen, Frühstück in der Hitze, irgendwo am Ende des türkischen Viertels. Gestärkt fuhren wir zum Schloss Schönbrunn und seinen Gärten, die mich auch beim dritten Besuch ins Staunen versetzten. Die Hitze drückte. Wir fuhren ins Zentrum, vorbei an Burgtheater und Museumsquartier und liessen uns in einem Café nieder. Die Omelette war fettig, die Sachertorte kein Original und deshalb eine grosse Enttäuschung. Lerne: nur wo Sachertorte drauf steht, ist auch Sachertorte drin.

Am zweiten Tag sollte ich die Gelegenheit erhalten, eine echte Sachertorte zu geniessen. Im Café des Hotels Sacher trafen wir neben der Originaltorte auch durch die Kleidung (Häubchen!) erniedrigtes und miesgelauntes Personal, Plüschsofas, Schlag und russische Touristen. Er 50, autoritär im Ton. Sie 30, Lederhosen, Fellgilet. Unsere Stimmung war etwas katrig, sah der Abend vorher doch neben Schnitzel, Bier auch den Besuch einer illegalen Whiskey-Bar und einer elektronischen Party vor. Dort wiederum hatte ich zum wiederholten Male das Gefühl, in einem Jugendzentrum gelandet zu sein. Entweder die Clubs verrotten oder ich werde älter oder noch wahrscheinlicher: beides.

Der zweite Tag stand ausserdem ganz im Zeichen der Kultur: Brunch im Café der Kunsthalle (wo ich endlich meiner Leidenschaft für Gastrobetriebe in Museen nachgehen konnte) und Besuch der Ausstellung von Urs Fischer, einem mir bisher unbekannten Schweizer Künstler. Der formt sich als Kerze nach und brennt sich dann nieder. Amüsant. Vor allem wenn ein Museumswärter zuerst seinen Bohrer vor uns verstecken will (wirkte wie der Mörder in No Country for Old Men) und dann doch Löcher in die Kerze bohrt (wir zweifelten, ob das so ablief, wie es sich der brennende Urs Fischer vorgestellt hatte). Am Abend Kinobesuch mit Jonny Depp & Tim Burton (was offenbar nur mir wirklich gefiel und zu Diskussionen darüber geführt hatte, ob eine Reiseteilnehmerin eingeschlafen war). Abschluss mit indischem Nachtessen (noch so eine Leidenschaft, die ich selten teilen kann).

Der Besuch von Wien endete im Museumsquartier und mit der Suche eines Cafés, wo wir uns einen Schlummertrunk gönnen wollten. Die Suche führte zur Konfrontation mit der Frage, wie müde, alt und lärmempfindlich wir geworden sind. Auf jeden Fall sind wir so alt geworden, dass die Energie kaum für mehrere komplette Tag-Nacht-Programme in Folge mehr reicht. Die Spannung der Jugendjahre ist verflogen und wurde durch die beginnende Gelassenheit des Alters ersetzt. Immerhin.

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