Trondheim, 2013

Braun, beige, rot, weiss , schwarz und blau. Das sind die Farben des winterlichen Norwegens. Auch hier sagt man mir sei es ein langer Winter gewesen, in dem der Schnee nicht aufhörte, auf dem Boden zu kleben. Selten fangen sie ein Gespräch an diese Norwegerinnen und Norwerger. Aber sie sind niemals unfreundlich, und wenn sie ihre Introvertiertheit überwunden haben, sind sie aufrichtig neugierig. Wie ich.

Ich sitze in einem gemütlichen Kaffe in einer diesen Gassen nahe des Flusses, der Trondheim, ählich wie Bern, wie eine Geliebte umschlungen hält. Ich habe mich entschieden, auf dieser Reise durch Norwegen keine Massenbriefe in die Heimat zu schicken. Das Gefühl, mich durch meine Reisen und deren Dokumentation zu exponieren, ist mir in diesen Tagen zu wieder. Ich muss mich zwingen, die Reise trotzdem festzuhalten. In diesen Tagen gelingt es mir endlich, das Schattenzeitalter auszuformulieren. Ich habe eine Form gefunden, die mich zur Struktur zwingt und mich meine Gedanken rasch niederschreiben lässt. Für das Reisetagebuch bleibt wenig Zeit, ich muss mich zwingen, um später einmal nicht die fehlenden Erinnerungen zu bereuen.

Ich bin bereits im Zug nordwärts. Die Reise hat vor einigen Tagen in Olso begonnen, wo ich die Tätowierung meines Arms fortgesetzt habe. Die Tätowierungen sind ähnlich wie der Arm etwas, das mich exponiert, je mehr ich tätowiert sein werde, umso mehr. Die Lust sich dadurch zu exponieren wechselt sich mit dem Wunsch ab, in Ruhe gelassen zu werden. Das Tätowieren bleibt ein Hilfsmittel, um unbewusst zu verarbeiten, um Dinge abzuschliessen und neu anfangen zu können. Die Tätowierung ist nur die Oberfläche und der Abschluss des Erlebten. Es sind sichtbar gemachte Verletzuungen der Seele. Der Tätowierer scheint mir diese Mal unglücklich, frustriert, nicht ganz bei der Sache, psychisch irrend.

Im Gegenteil dazu erlebe ich klare Wochen. Mein Inneres scheint mir ähnlich geordnet wie das kleine Schachbrett von Trondheim. Ich laufe dem Fluss entlang, die Hügel auf und ab. Die Wildheit der umgebunden Natur entzückt mich. Ich streife durch das trondheimische Schachbrett, meine Laune wechselt ähnlich schnell wie das Wetter hier. Aber ich verliere mich nicht, finde immer wieder zur Zuversicht, so wie ich diese Tage zurück ins Manuskript des Schattenzeitalters finde. Gewisse, ich lasse nicht los, das Netzwerk nicht, die Arbeit nicht, die in das Ungewiss verlaufenden Chats auf Grindr nicht, mich selber nicht. Aber vielleicht spielt das keine Rolle, weil das Fundament zurzeit genügend stabil ist.

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