Tokyo, 2014

Du da, ich da

Heidi Happy, 2014

Nach einem langen Tag schrieb ich auf eine Postkarte: Es fühlt sich an, wie nach Hause zu kommen und doch gibt es so viel zu entdecken. Dieses Jahr einen Skulpturenpark fern der Hektik der Grossstadt oder die Quartiere Shimo-Kitazawa und Meguro. Ich bin erst seit ein paar Tagen zurück in Japan und doch voller Gewissheit, dass ich mich mit diesem Land auf eine seltsame Art und Weise verbunden fühle. Gestern sollte ich dies an einer durchgeknallten Vernissage einer britischen Editorin erklären, die hier das buddhistische Gedankengut vertritt. Als Monolinguit kam ich nicht weit vom Fleck.

Beim Schreiben fällt es mir bekanntlich leichter, die Gedanken zu ordnen. Es ist das Zusammenkommen von Tradition und Zukunft, von West und Ost, von Tempo und Entschleunigung, von Disziplin und Individualität, das mich fasziniert. Trend und Gegentrend. Entsprechen tut mir auch die Technologiefreundlichkeit der die Ästhetisierung des Alltags. Pommesfrites werden als Kunstwerk serviert, zum Tee gibt es eine Sanduhr, damit man den optimalen Moment des Genusses nicht verpasst. Vor den Türen werden Topfpflanzengarten stolz und liebsam gepflegt. Trotz der grossen Entfernung zur Heimat, der offensichtlichen Andersartigkeit oder den unlesbaren Schriftzeichen fühle ich mich niemals fremd aber in vielen Momenten vom Fremden inspiriert.

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An der Oberfläche scheinen sich die Lebenswelten und -gewohnheiten nicht gross von den unsrigen zu unterscheiden. Langweilig wird es nicht, weil alles asiatisch interpretiert ist. Im Vergleich zum Gewohnten sind sowohl die Ordnung als auch die Ausbrüche aus dieser extremer. Jede Metrostation ist penibel mit einer Nummer und einer Zahl angeschrieben. Dabei ist vorgeschrieben, auf welcher Treppenhälfte man in die Schichte hineinsteigt und wo wieder hinaussteigt. Regeln helfen das Tempo einzuhalten und die in den Stosszeiten grossen Menschenmassen zu kanalysieren. An der Vernissage aber auch an den Kreuzungen der Trendquartiere beobachte ich, wie man zumindest modisch und in den Rollen der DJane oder der Bourlesque-Tänzerin aus dem Alltag ausbrechen kann.

Es ist das Zusammenkommen von Tradition und Zukunft, von West und Ost, von Tempo und Entschleunigung, von Disziplin und Individualität, das mich fasziniert.

Die oft kritisierte Devotheit des Volkes kann ich nur bedingt bestätigen. Ja, man hält sich an Rollen und an Regeln, was zuweilen irritieren kann. Immer wieder trifft man im Erkunden der Stadt auf meterlange Menschenschlangen und fragt sich welches Spektakel im Gange ist – nur um dann zu entdecken, dass sich die Jugendlichen geduldig vor einem trendigen Popcorn- oder Schokoladenladen stauen. Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass man innerhalb der Regeln mehr Freiheiten als bei uns geniesst. Zumindest könnten das ausgelassene Feiern aber auch die auffällige Häufung von Androgynen, Trans- und Intersexuellen in gewissen Vierteln als solche Zeichen gelesen werden. Auch über Männer in Leggins (mit Shorts darüber) oder in gelben Plüschjacken macht man sich keine Gedanken. Der modische Ausdruck ist Teil der persönlichen Freiheit.

Seit meinem letzten Besuch sind die Klapphandies den Smartphones gewichen, was mich dazu verleitet, davon auszugegen, dass sich die Werte und Gewohnheiten im Sinne einer Apple-, Twitter- und Tinderwelt noch mehr angeglichen haben. Die Digitalisierung des Alltags ist dort weit fortgeschritten, wo man es sich leisten kann. Die Ubahn passiert man mit RFID-Karte, die Toiletten sind Minicomputer, inklusive Sitzheizung und Analdusche. Die Technologie schliesst Menschlichkeit nicht aus. Ich erlebe die Japaner offener und freundlicher als in den Besuchen zu vor. Im Hotel kommt der junge Rezeptionist und fragt nach, ob sich meine eingeschleppten Halsschmerzen über Nacht gebessert haben. Beim Staunen vor einer unendlich scheinenden Metrokarte fragt mich eine junge Mutter, ob sie mir den Weg zeigen kann. Im Kleidergeschäft schenkt man mir ein Mixtape, nachdem ich mich nach der Musik erkundet hatte.

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Das tolle an Tokyo ist der flächendeckende quartierähnliche Charakter der Stadt. Man ist selten mit stark frequentierten Strassen konfrontiert und kann diese wenn man will auch ganz umgehen. Die meiste Zeit verbringe ich in Strassen mit höchstens dreistöckigen Häusern. Oft ist es wahnsinnig still und man würde sich in einem Wald glauben, wüsste man es nicht besser. In diesen Strassen trifft man immer wieder auf Fahrräder oder kleine Topfpflanzengarten. Überhaupt schenkt man dem Detail sehr viel Liebe, was sich auch im Essen zeigt. Auf dem Nachhauseweg kann man sich einfach eines der zahlreichen Restaurants mit maximal 10 Tischen auswählen. Es ist fast nicht möglich schlecht zu essen und dies für etwa 10 Franken. Der Absturz des Yen tut das seine dazu.

Schliesslich gibt es keinen Tag in Japan, an dem man nicht auf eine Kuriosität trifft, die einem zum Schmunzeln bringt. Teenies im Schulmädchenlook zeichnen vor Graffitiwänden Videoclips auf, nebenan tun Breakdancer dasselbe. Hunde werden in eigens für sie entwickelten “Kinderwagen” durch die Stadt gefahren, mit Schuhen ausgerüstet oder zum Coiffeur geschickt. In der Hotellobby werden bekannte Lieder gespielt, die aber von Japanerinnen neu eingesungen wurden. Brilliant designte Schokoladentörtchen werden wie Geschenke und mit Kühlmittel für den Transport verpackt. Brillen werden ohne Gläser getragen. Jung und alt gehen mit Atemmasken durch die Tage, sie schützen die Atemwege ebenso wie die Intimität, scheinen aber auch als Hilfsmittel der modischen Identität zu dienen. Kinder tragen Masken mit Kätzchen, Gangster Baneähnliches Schwarz.

Der Frühling erwacht. Die Kirschblüten warten auf das Entfalten, reife Orangen auf ihre Ernte. Nächster Halt: Hiroshima.

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