Tiflis, 2011

Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als Heute – Die Zeit wandelt uns nicht. Sie entfaltet uns nur.

Max Frisch, Tagebuch 1946-1949

Eigentlich ist es viel zu heiss, um einen Brief in die Heimat zu verfassen. Die Hitze fordert den Körper, fordert den Geist. Meine Augen brennen, die Buchstaben auf dem Weiss verschwimmen. Es war heute wieder 37°, vielleicht noch heisser, aber immerhin trocken. Die morgige Weiterreise zwingt mich, den vorletzten Bericht zu verfassen. Morgen werde ich erstmals auf meinen Reisen die Städte verlassen und in die Natur aufbrechen. Ich weiss nicht, ob es im Kaukasus Internet geben wird und ich weiss nicht, was besser für mich wäre, eine Internetpause oder eine Fortsetzung des parallelen Daseins. Unabhängig vom potenziellen Verlassen des Netzes, will ich mit der selber auferlegten Regelmässigkeit gar nicht brechen, vielleicht ist die schriftliche Reflexion längst zum Zwang geworden. Festhalten, um nicht zu vergessen. Festhalten, um das Bewegte zum Stillstand zu bringen. Klischiert: Die Reise, das Ich als Prozess. «Und eigentlich sind nicht wir es die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heisst: sich selber lesen», auch das aus dem Tagebuch von Frisch.

Der Weiterreise aus Odessa fehlte es nicht an kleinen Heiterkeiten. Im Taxi zum Flughafen von Odessa stellte sich heraus, dass der Transport zwischen Zentrum und Flughafen nicht wie bei der Hinreise 300, sondern eigentlich nur 18 Geldeinheiten kostet. Der alte Herr hatte es bestens verstanden, den Markt zu verzerren. Am Flughafen angekommen, war es knapp möglich, einen Espresso zu erbitten. Ich flog ab Gate 2, wobei es nur zwei Gates gab und auch nur das eine benutzt wird. Beim ersten Röntgen des Gepäcks wurde neugierig und mit einem Lächeln die in Kiev erstandene Kunst inspiziert. Beim zweiten Röntgen schauten sich die Uniformierten unzüchtig in die Augen und es war keine Frage, dass diese Frau und dieser Mann am Abend das Bett teilen würden. Da ich gewohnheitsgemäss völlig verfrüht am wörtlich übersetzten Flug-Bahnhof angekommen war, blieb genügend Zeit für ein Augenspiel. Für kostbare und gleichzeitig schmerzhafte Minuten war ich verliebt, mein Gegenüber war schön wie die Nacht. Das Besteigen des Flugzeugs sollte zeigen, dass ich beim webbasierten Boarding das grosse Los gezogen hatte. Ich sass neben der Schnappsdrossel, die auf der ganze Reisen mit ihrem Mann lautstarke russische Gespräche führte. Er erinnerte mich an einen Zuhälter. Sie war das Gegenstück, hatte wasserstoffgefärbtes dauergelocktes Haar, die Shorts waren für einen Flug gewagt kurz. Sie zog an einer künstlichen Zigarette, die beim Ziehen rot glühte und der Kabine ein scheues Räuchlein überliess. Beide hatten neben ihrem persönlichen, nicht verschweissten Alkohol je eine Literflasche Bier an Bord gebracht. Es dauerte nur wenige Minuten und die Flaschen hingen lustlos in der Tasche des Vordersitzes. Die Dame stand etliche Male auf, um den Rausch nicht abklingen zu lassen, sie füllte ihr Glas mit Martini, das Glas ihres Mannes mit einem nicht identifizierbaren braunen Alkohol.

Das Schauspiel fand ein Ende, als ich über einen Lichterteppich in die neue Stadt einflog. Ich sah ein glühendes Menschenmeer, das aus der Distanz so sanft, so stillend war. Ich war mir sicher, dass ich hier eine gute Zeit verbringen würde. Ich bin in Georgien angekommen, in diesem mir völlig unbekannten Land, das den Ausschlag für meine Reise gegeben hatte. Im »Kampf um die zweite Welt» von Parag Khanna werden die Augen der Lesenden für Länder geöffnet, die sie bisher nur durch Schlagzeilen wahrgenommen haben. Ich sah mich plötzlich mit der fixen Idee konfrontiert, hinter die Schlagzeilen von Georgien zu sehen. Das Land zeichnet sich gemäss der Khanna-Enzyklopädie durch eine einzigartige Flora und Fauna aus. Viele Tiere und Pflanzen seien endemisch, sind also einzig und alleine hier zu Hause. Georgien ist wie die Türkei ein Bestandteil des Erdteils, der den asiatischen und den europäischen Kontinent miteinander verbindet. Es ist kaum zufällig, dass diese Region Zuhause vieler Reiche war, der Perser, der Osmanen, der UDSSR. Der Wechsel der Bewohner und Eroberer hat allerdings dazu geführt, dass zumindest Tiflis, auch Tbilissi oder ტფილისი, immer wieder zerstört und neu aufgebaut wurde. Gegenwärtig ist die Stadt eine riesige Baustelle. An allen Ecken wird geputzt, poliert, errichtet.

Die Grenzstreitigkeiten mit Russland sind nicht mehr oder weniger spürbar als die Wunden, die alle anderen Eroberer hinterlassen haben. Wer herrschen will, dem wird Distanz, Gleichgültigkeit, vielleicht Sarkasmus entgegengebracht und Visionen sind erst dann glaubwürdig, wenn sie Realität geworden sind. Oder wie der Hausherr mir bei der Fahrt in das neue Zuhause erklärt hatte, in Georgien gibt es 4 Millionen Einwohner und in Russland gibt es 7 Millionen Menschen, die in einer Irrenanstalt sitzen. Es ist als spürte man diese Gleichgültigkeit gegenüber dem Äusseren und die gleichzeitige Hingabe an den Moment. Die Menschen sind hilfsbereit, gastfreundlich, bescheiden, gutmütig, warmherzig. In meiner Hobby-Ethnologie glaube ich zu sehen, dass die Georgierinnen und Georgier den Moment leben, das Savoir Vivre weit entschlüsselt haben. Man ist gemeinsam, es wird diskutiert, geraucht und getrunken. Zumindest erlebe ich dies in einer Künstlerpension etwas ausserhalb der Stadt. Ich fühle mich eher auf Besuch bei Freunden, denn in einem Gasthof. Die Pension ist das Zuhause eines Künstlers und seiner Frau. Es ist das Zuhause von Reisenden, die hier eine Unterkunft finden. Es ist aber auch immer wieder das Zuhause von Verwandten, Nachbarn und Freunden, die hier zum Essen und Diskutieren zusammenfinden. Als Gast werde ich liebevoll umsorgt, ich werde eingeladen, ein Teil der Gemeinschaft zu sein. Der Tisch ist immer gedeckt und am Abend gibt es Melonen, an einem Abend Wassermelonen, am nächsten Abend Honigmelonen.

Im Gespräch erfahre ich von den Zeiten der Sowjetunion. Sie benutzen das Bild des Vorhanges, um zu verdeutlichen, dass sie in einer anderen Welt gelebt haben. Man erzählt, wie die Ministerien durch Netzwerke besetzt wurden, dass man nur kommunistische Staaten bereisen konnte und dass der Grossvater für den Konsum von Pornographie zwei Jahre ins Gefängnis gehen musste. Da letzteres mit Gekicher erzählt wurde, war ich mir nicht sicher, ob ich der Erzählung Glauben schenken sollte. Der Systemwechsel ist Thema, die Vorteile von Kapitalismus und Kommunismus werden miteinander verglichen und es ist angesichts der Wirtschaftskrise, welche die Region hart getroffen hat, kaum verwunderlich, dass das neue System nicht nur positiv aufgenommen wird. An den Gebäuden steht Fuck Capitalism oder Where is the other Georgia? Der Preis für Brot und Zucker hat sich bei bescheidenem Lohnniveau verdoppelt. Wikipedia gibt eine schier unglaubliche Arbeitsquote von 60% an und den Beleg für die Zweifelhaftigkeit des angeblich besseren Systems erkennt man, wenn man durch die Aussenquartiere streift und den Menschen zusieht, wie sie in Garagen durch den Verkauf von Melonen oder das Putzen von Teppichen ein kleines Einkommen erwirtschaften. Die vielen Taxis, die überall in der Stadt zirkulieren, sprechen dieselbe Sprache.

Ich bin hier unverhofft mitten in die Gemeinschaft von Menschen gelangt. Der Ego-Trip fand ein jähes Ende und findet nun zeitgleich mit anderen statt. Ich kann mich den Menschen, der Gleichzeitigkeit, der Gemeinsamkeit nicht mehr entziehen. Wenn ich mit der Hausherrin Angela und ihren Freundinnen auf englisch über vergangene Zeiten oder mich nach Mitternacht mit Frances, einer Schweizer Performerin über die conditio humana unterhalte, dann gebe ich mich ganz dem Moment hin. Verlasse ich die Räume, kehre ich zurück in die Sicherheit des Alleinseins. Erleichtert, weil es doch meine Absicht war, auf dieser Reise alleine in fremden Kontext zu sein. Irritiert, weil das Menschliche in der Einsamkeit doch nicht ganz fassbar ist. Zurück im eigenen Zimmer kreisen die Gedanken, wirr, fast fiebrig, zusammenhangslos, ziellos. Ich schlafe spät und unruhig ein. Nicht einmal dem runtergeladenen Batman aus den 80er Jahren ist es gelungen, mich in einen ruhigen Schlaf zu überführen. Die Mücken singen, die Grillen zirpen. Es ist so heiss, dass ich heute erst spät am Nachmittag in die Stadt zurückgekehrt bin. Ich habe erkannt, dass die Ferien nicht besser sind, wenn ich mich zu Programm zwinge, ich versuche Freiheit in der Langsamkeit. Was man in Tiflis sieht, ist tatsächlich eine Mixtur von Kulturen und Geschichten, etwas Orthodoxes, etwas Turk, etwas Westen, in Form des Korianders ein Hauch Asien und natürlich etwas Pop-Kultur. Auf dessen physische Vertreter trifft man selten, die Strassen zeigen wenig Jugendliche und man glaubt einen Beleg für die rückläufige Bevölkerung entdeckt zu haben. Kennzeichnend für die Stadt sind farbige hölzerne Balkone und Schriftzüge, die an 1001 Nacht erinnern. Die georgische Schrift ist schön anzusehen, verrät aber rein gar nichts über den Inhalt. Ich denke an das Arabische, was es aber offenbar nicht ist oder nicht sein soll. Das Arabisch liest sich von links nach rechts, das Georgische umgekehrt. Man sieht alte Kirchen, touristisch anmutende aber trotzdem gemütliche Cafés und Architektur, die das Alte in das Neue überführen soll. Die Prachtbauten werden renoviert, in die alten Ministerien werden Luxushotels einquartiert. Die Hauptallee, der Rustaweli-Boulevard soll den bekannten Strassenzügen des Westens in nichts nachstehen. Die Luxushotels stehen bereit für die Touristen, die mithelfen sollen, dass Land in neue, modernere, bessere Zeiten zu führen. Wenn der Boulevard von den Autos befreit ist, wird er zweifelsohne zu den elegantesten Strassenzügen Europas gehören.

Der Umbruch scheint mir das passende Muster dieser Stadt zu sein. Das Renovierte steht neben dem Zerbrochenen, dem Zerfallenen. Tiflis befindet sich wirtschaftlich, politisch und architektonisch im Umbruch. Die alten Zeiten sind noch nicht vergessen, sie bleiben kleben. Die neuen Zeiten sind in Sichtweite. Der Tourismus ist die erhoffte Brücke vom gestern in das morgen. Es wird eine Weile dauern, bis die zahlreichen Baustellen geschlossen und die vielen Bettler aus den kühlen Unterführungen verschwunden sein werden. Was bleiben wird sind die malerischen Kirchen, die schwarzen Witwen und die in der ganzen Stadt verteilten Skulpturen. Sie beobachten steinern die Touristen, wie sie auf und ab gehen, hier und dort ihr Geld liegen lassen und drohen den Ort zum Nicht-Ort zu machen. Noch ist vieles Ort und deshalb lohnt sich ein baldiger Besuch, für alle die neugierig geworden sind.

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