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Sicher unsicher

Wenn das sexuelle Ich vor lauter Unsicherheit zerbricht

Mit freundlicher Genehmigung des Stämpfli Verlags, zuerst erschienen in Ph. Juchli, M. Würmli & D. Haunreiter (Hrsg.), Sicherheit als wirtschaftliches, rechtliches und kulturelles Phänomen (S.391-418). Bern: Stämpfli.

Inhaltsverzeichnis

Das Sexuelle als Anschauungsmaterial

Sicher erscheint in den Zeiten, in denen wir momentan unser Dasein fristen, vor allem eines, nämlich, dass gar nichts mehr sicher ist, dass die beruhigenden Sicherheiten vielmehr einer allumfassenden, einer ständig grassierenden Unsicherheit gewichen sind. Unsicher fühlt er sich, dieser Mensch. Er fliegt im freien Fall, frei von Sicherheit und Stabilität. Dieses unheimliche Gefühl der Unsicherheit wird von den verschiedenen im Diagnosekittel praktizierenden Soziologen mit unterschiedlichen Etiketten versehen (vgl. SCHMINANK, 2003). In der Risikogesellschaft ist es die Vervielfältigung der Risiken (vgl. BECK, 1996), in der Entscheidungsgesellschaft die Ansammlung von Entscheidungen (vgl. SCHIMANK, 2005) und in der Multioptionsgesellschaft das Zerfallen der Optionen (vgl. GROSS, 1994), welches beim einzelnen Menschen das Gefühl der Unsicherheit auslöst.

Mit welchen Worten die Verunsicherung des Individuums beschrieben wird, ist optional. Die Vielfalt und die daraus resultierende Unklarheit bezeugen ja gerade die Unsicherheit, die unseren Leben die Sicherheit raubt. Und wenn wir schon die Unsicherheit repräsentierende Optionalität des sprachlichen Ausdrucks bzw. die Optionalität der verschiedenen Perspektiven akzeptiert haben, warum sollten wir dann nicht gleich im argumentativen Fahrwasser von Peter Gross verweilen? „Die Steigerung der Erlebens-, Handlungsoptionen und Lebensmöglichkeiten, die Optionssteigerung, ist der augenscheinlichste Vorgang der Modernisierung“ (ebd., 1994, S. 14 f.). Was sich auf der Ebene der Gesamtgesellschaft noch abstrakt, abstrahiert, theoretisch und damit unpersönlich und unbedeutend anhört, erklingt in den Ohren des Individuums schon wesentlich bedrohlicher. „Ob man durch Warenhäuser schlendert, sich in Menükarten vertieft, an Auktionen teilnimmt, Ferienpläne schmiedet, das abendliche Fernsehprogramm studiert, im Internet flaniert oder am Abend vor dem Einschlafen seine Gedanken wandern lässt: überall dasselbe Bild“ (GROSS, 2007, S. 34). Das Bild führt Optionen und noch mehr Optionen vor. Und einen Menschen, der in der Flut der Optionen um sich selber ringt, sich aus den Augen verliert und ängstlich, nackt und einsam erwacht.

Die Anhäufung der Optionen zwingt zum Entscheiden und trägt damit immer auch die Unsicherheit des falschen Entscheids in sich. Entscheiden bedeutet Scheiden. Verwerfen. Dagegen sein. Entscheiden strengt an. Und wer weiss schon, ob er sich richtig entschieden hat oder ob sich nicht doch die angefallenen Opportunitätskosten seit dem Moment der Entscheidung ungemütlich vermehrt haben? Zusätzlich verunsichernd wirkt die Tatsache, dass die Optionen in einem ständigen Modus der Vermehrung ausharren. Karnickelartige oder vielleicht sogar fruchtfliegenartige Fortpflanzung ist angesagt. Optionen zerfallen in Optionen zerfallen in Optionen zerfallen in Optionen. Aus Optionen werden Optionsoptionen. Die gesellschaftlichen Systeme differenzieren sich in Teil- und Teilsysteme aus. Und am Ende der Kette explodiert das Individuum in ein Sammelsurium von Möglichkeiten. So vieles könnte es sein. So vieles will es sein. So vieles kann und wird es niemals sein (das Wirkliche wird immer nur ein kleiner Bruchteil des Möglichen sein).

Hinter dieser Dynamik, hinter dieser unaufhörlichen Steigerung, dieser Steigerungswut (ebd., S. 34) steht der soziale Urknall. Ich schlage im Kindheitserinnerungen hervorrufenden Sternenbuch nach, um in seinem Glossar dem Urknall auf die Spur zu kommen. „Nach einer weitgehend akzeptierten Theorie war der Uranfang des Universums vor 15 bis 20 Milliarden Jahren, bei dem das Weltall explosionsartig aus einem Zustand unendlicher Dichte hervorging“ (Time Life, 1991, S. 134, Hervorhebung JLC). Auch der soziale Urknall verändert explosionsartig das Bestehende. Über Jahrzehnte hinweg ist er in der Theorie der Multioptionsgesellschaft das Zusammenspiel der Kräfte, welche die Moderne hervorbringt. Und sie ständig fortschreiten lässt. Er ist die Wechselwirkung von Entobligationierung, Optionierung und Individualisierung (vgl. GROSS, 2003). Er findet im Moment statt, in dem sich die Menschen aus der göttlichen Vorhersehung ihrer Leben lösen und ihr Schicksal in die eigenen Hände nehmen. Der Tod Gottes gleicht einer sozialen Explosion, welche die Menschen im Dunkel des Nichts stehen lässt. „Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht alle wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“ (NIETZSCHE, 2005, S. 514). Das Paradies wurde verschlossen und der Mensch irrt verunsichert durch die dunklen endlosen Strassen der weltlichen Lebensräume. „Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war. Und er trieb den Menschen hinaus und liess lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens“ (Genesis, 4.4).

Die Nacht umhüllt auch die sexuellen Welten des Individuums. Die Dunkelheit der Last der sexuellen Entscheide beginnt im Moment, indem die Sexualität nicht mehr den Gesetzen und dem Willen Gottes unterstellt wird. Sexualität wird von der Fortpflanzung und später von der Liebe losgelöst (vgl. BAUMANN, 2002). Sexualität wird Teil der umfassenden Erlebnisgesellschaft (vgl. SCHULZE, 2005). Sexualität wird unter das Schmiedeisen des individuellen Glückjägers gelegt. „Sexualität als theoretisches, ästhetisches und moralisch-praktisches Problem ist Bestandteil einer profanen Kultur, die an jener Schnittstelle entstand, welche der Zerfall der religiösen Weltsicht und das Aufkommen des Kapitalismus im Abendland bilden. […] Politökonomisch gesehen, ist unsere Sexualität eine Frucht des Kapitalismus, die nur heranreifen konnte, weil die Not der Menschen nicht mehr überwiegend Hungersnot war und gleichzeitig alle menschlichen Vermögen und Kräfte isoliert und als solche fetischisierend vergesellschaftet wurden“ (SIGUSCH, 2005, S. 21, Hervorhebung JLC). Dem heutigen Menschen wird nicht eine fixe Form der Sexualität aufgedrängt, sondern es zeigt sich ihm ein üppig und mannigfaltig schimmerndes Buffet an sexuellen Spielen, Spielzeugen und Spielwiesen, aus welchen er im Zustand der Verunsicherung die zu ihm passenden Optionen auszuwählen hat. Wer kommt mit mir die Früchte ernten?

Identität als Lebensaufgabe der Moderne

Der soziale Urknall ist der Zeitpunkt, in welchem den Individuen die Aufgabe der Identität auferlegt wird. „Die möglicherweise einzige Definition von Identität, die für alle historischen Formationen gelten kann, ist folgende: Sie ist ein Reflex der Struktur. Für die Gesellschaften, in denen die Struktur alles bestimmt, kann sie vernachlässigt werden“ (KAUFMANN, 2005, S. 71). Im Zuge der Optionierung aller Lebensbereiche aber verwandelt sich der Reflex in eine unendliche Reflexion, die der Herstellung von Identität unterworfen wird. „Von zentraler Bedeutung ist sie in den Gesellschaften, in denen sich der Reflex notwendigerweise in Reflexion verwandelt, eine zutiefst persönliche Reflexion, eine Reflexion über sich selbst“ (ebd., S. 71). Die Identität ist zwar immer noch ein Reflex der Struktur, aber einer Struktur, die sich in ihrer Pluralität kaleidoskopartig zeigt und nur im reflexiven Modus erschlossen werden kann. Die Selbstverständlichkeit über die eigenen Rechte und Pflichten ist einer umfassenden Reflexion gewichen. Man verharrt in einem giftig-süssen Zustand der Selbstreflexion.

Identität als Zauberwort der Moderne wird hundertmal anders definiert und durch das endlose Bestreben der Wissenschaft doch nicht eingefangen. Im Gegenteil, Identität bleibt verschwommen, unklar, unerreichbar. Und was am Ende der Identitätsarbeit, am Zielstrich der Ichjagd (GROSS, 1999) resultiert, ist trotz Bücherstapeln, Experimenten, Psychotherapien, angestrengter Hermeneutik und wissenschaftlichen Kongressen doch nicht fassbar. Das liegt nicht nur am Misslingen des wissenschaftlichen Untersuchungsprozesses. Identität ist schlicht endlos. Das Ich kann sich noch so verwirklichen und sich in sich suchen gehen, es bleibt in sich gefangen. Ein Ich verlässt sich nicht. Die Reflexionen führen zu keinem Ende, so angestrengt sie auch unternommen werden. „Entscheidender und gleichzeitig geheimnisvoller ist etwas anderes: Die Entfesselung stösst auf etwas Hartes. Ihr enthüllt sich ein geheimnisvoller Stumpf, ein Rest, etwas Unverfügbares“ (GROSS, 2007, S. 36, Hervorhebung JLC). Ob nun dieser Rest als niemals zu entdeckendes Rest-Ich oder als göttliches Überbleibsel gedeutet wird, spielt im Rahmen dieses Textleins keine Rolle. Wesentlich erscheint dafür die Einsicht, dass das, was wir als Ich, als Selbst oder als Identität seit Jahrzehnten versuchen zu definieren, in den Händen eines Prozesses viel besser aufgehoben scheint als in den undurchlässigen Zäunen wissenschaftlicher Definitionsversuche. In einem Prozess, der erst auf dem Totenbett sein Ende nimmt.

Wer eine Identität will, hat sich als Ich zu jagen. „Die Metapher von der Ich- Jagd muss mit einem Abstand zwischen einem Ich, das jagt, oder einem Ich, das gejagt wird, oder einer Differenz zwischen einem jagenden und einem gejagten Ich operieren“ (GROSS, 1999, S. 77). Als Jagdrevier dienen die Optionen, die sich im Stundentakt vermehren und im virtuellen Datennetz spiegelbildlich ihre Spuren hinterlassen. Die Psychologen wissen, dass der Prozess der Identität in einem ersten Stadium einem unaufhörlichen Konsum von Optionen gleicht. Eine zweite Phase des Entscheidens und Versicherns folgt erst dann, wenn die Exploration abgeschlossen ist. „Wer sich weder um etwas kümmert noch Verpflichtungen aufbaut, der befindet sich in einem Stadium der Diffusion. Wer sich wenig aktiv um eigene Positionen bemüht, sondern lediglich vorgegebene Positionen übernimmt, der bewegt sich auf einem Pfad der Identitätsarbeit, den Marcia ‚foreclosure’ genannt hat, übersetzbar als ‚voreilige Festlegung’. Wer sich intensiv um eine Position bemüht, aber noch nicht festgelegt ist, der befindet sich im jugendtypischen Stadium des Moratoriums. Wer nach langem Bemühen zu einer Position gelangt ist, der hat das Stadium der Identitätsreife erreicht“ (FEND, 2003, S. 408, Hervorhebung JLC). Die Identitätsreife schenkt sich nur, wer grosse Anstrengungen auf sich genommen hat und sich anschliessend klar zum Gefundenen bekennt. Identitätsarbeit ist Schwerstarbeit. Und es gibt niemanden, an den diese Arbeit delegiert werden könnte. Niemanden!

Im Zeitalter der Multioptionsgesellschaft wird es ständig schwieriger, das Stadium der Identitätsreife zu erreichen. Mit den Optionen vervielfältigen sich auch die möglichen Identitäten. Wir stehen zu vielen Möglichkeiten gegenüber, als dass wir uns kurzfristig entscheiden könnten, als dass das Entschiedene für immer gültig sein könnte. „Das Problem der Identität in der Moderne hängt also mit der Überforderung des Individuums durch Differenzierung und Pluralisierung zusammen“ (ABELS, 2006, S. 295). Je mehr sich das Bestehende in Optionen auflöst, desto mehr Optionen stehen dem Individuum zur Degustation zur Verfügung. Das Individuum muss sich durch all diese Optionen durchfressen, um am Ende dieser erschöpfenden Fressorgie ein Ich in den Händen zu halten, das in etwa dem entspricht, was man sein will und sein könnte. Dass dabei immer Differenzen zwischen dem Möglichen und dem Wirklichen entstehen werden, ist klar. Diese Differenz ist der Antrieb, der Anreiz, der Kontrast, die appenzellische Kräutersulz des Lebens. Jedenfalls scheint die Aufgabe der Herstellung von Identität aufgrund der Optionierung schwieriger geworden zu sein, weil das Angebot an Möglichkeiten unaufhörlich steigt. Die gesellschaftlichen Systeme differenzieren sich in Sub- und Subsubsysteme und letztlich bildet jedes einzelne Individuum ein autopoietisches System. Ich bin die Gesellschaft. Freilich ist jedes Ich in eine Vielzahl von grösseren Systemen eingespannt, die aus anderer Deutung in ihrer Summe die Identität des Individuums ausmachen. In zahlreichen Anspruchsgruppenrollen nimmt es Teil an der Wert- und Schadschöpfung der zahlreichen Organisationen, die unsere Leben alltäglich bestimmen. „Danach kann man Identität als individuelle Variation der Kombination von kultureller Bindung, sozialer Erfahrung und spezifischer Rollenkonstellation verstehen“ (ebd., S. 297). Aber die Optik bleibt in jedem Einzelfall dieselbe. Es ist die Optik des unsicheren Ichjägers.

Rufen wir uns in Erinnerung, dass Identität nicht nur Selbstbestimmtheit sondern auch Einzigartigkeit voraussetzt (vgl. SCHIMANK, 2002), erscheint uns das wachsende Angebot an Optionen zunächst einmal dienlich. Das Produzieren von Einzigartigkeit empfinden wir als einfacher in einer Welt der zahlreichen Optionen, die im Sinne der Kombinatorik durch individuelle Auswahl eine Unendlichkeit an möglichen Identitäten offeriert. Aber die Optionen verunsichern. Deshalb ist der Mensch auch Massen- und Herdentier. Er kopiert und lässt sich leiten, wenn nicht verführen oder manipulieren. Er will gar nicht immer wählen und entscheiden. Er will gar nicht immer alleine in seiner Einzigartigkeit auffallend dastehen. „Der Massenmensch ist so in der Tat im gängigen Verständnis das genaue Gegenteil des Individualisten. In der Masse sind alle gleich, ohne eigene Besonderheit; und in der Masse ist jeder fremdbestimmt, kein freies Subjekt, sondern Objekt massenhaften Treibens. Ob man die johlende Meute auf den Zuschauerrängen des Fussballstadions nimmt, oder die erschöpften Scharen, die jeden Werktag um Fünf aus den Fabriktoren strömen, ob die Tausende erwartungsvollen Teilnehmer einer politischen Kundgebung oder die Dutzende ungeduldiger Kunden, die sich an einem Freitagabend an jeder Kasse des Supermarktes drängen: In jedem dieser Fälle verschwindet die Identität der Person und der Massenmensch gewinnt die Oberhand“ (ebd., S. 166). Damit sei nicht gesagt, dass der moderne Mensch nur vom Typus des Massenmenschen sei. Es sei nur gesagt, dass der moderne Mensch nicht immer auffallen will und auch nicht immer auffallen kann. „Wir müssen und können ertragen, zeitweise, vielleicht sogar meistens in der Masse unterzugehen“ (ebd., S. 166). Wir haben nicht unendliche Ressourcen, um in der Masse ständig aufzufallen. Und jeder Trend kennt einen Gegentrend, der aber genauso Option wie der Trend selber ist. Das ist der Witz der Multioptionsgesellschaft. Zum Lachen ist diese zermürbende Identitätsarbeit trotzdem nicht.

Zentral für den Zustand der Identitätsreife ist nicht der Dauerzustand eines individuellen Daseins, sondern die Möglichkeit, diese Individualität im Zweifelsfalle ausspielen zu können. Der moderne Mensch ist latent einzigartig. Die Einzigartigkeit ist vor allem dann ein Problem, wenn das Individuum nicht über sie verfügen kann. „Doch wenn wir keine Chance mehr sehen, wieder aus ihr [der Masse] aufzutauchen, geraten wir in eine existentielle Krise“ (ebd., S. 166). Genau hier liegt die Schwierigkeit der Einzigartigkeit verborgen. Das Individuum muss selbständig spüren, in welchen Situationen es angebracht ist, seine Einzigartigkeit auszuspielen. Es muss abwägen, wann es Teil der Masse sein will und wann es sich als Individuum preisgeben will. Denn das Präsentieren des Individuellen ist immer auch mit dem Bezahlen eines Preises verbunden. Seine Individualität zu offenbaren, heisst immer auch, sich von den Anderen abzugrenzen, gegen den Strom zu schwimmen und sich in der Masse der Anonymität oder dem Sog der Gewohnheit zu exponieren. Hier bin ich. Man gafft und staunt. Man erschrickt und erstaunt. Und immer bleiben alle Entscheide am Individuum hängen. Armes Ich.

Exponieren kann sich nur, wer in seinem Innern auf Entdeckungsreise gegangen ist und dabei Expeditionen in den inneren Kern seines Inneren unternommen hat. An der Oberfläche wird vergebens nach Einzigartigkeit gesucht. Die Reisen ins Innere sind keineswegs nur angenehm. Es lauern Fallen und Umwege. Lost. Wer nach sich jagt, wird unweigerlich mit Unerfreulichem konfrontiert werden. Er wird einem Ich begegnen, das schwach ist. Sie wird einem Ich begegnen, das hässlich ist. Er wird einem Ich begegnen, das von den gängigen Vorstellungen eines normalen Ichs abweicht. Sie wird ein Ich vermissen, das da sein sollte. Er wird ein Ich finden, das fehl am Platz ist. Sie werden sich unsicher werden. Diese unerfreulichen Begegnungen werden der Grund sein, weshalb einige von uns die Verdrängungsstrategie wählen. Sie fürchten sich vor den dunkeln, verlassenen und abgestandenen hässlichen Kammern in ihrem innersten Ich. Nun scheint aber gerade das Präsentieren des Unverwechselbaren und Einzigartigen über diese unangenehmen Schlupflöcher des eigenen Ichs zu führen. Die Moderne zeichnet sich durch die Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit den intimen Stigmas aus. „Ein Individuum, das leicht in gewöhnlichen, sozialen Verkehr hätte aufgenommen werden können, besitzt ein Merkmal, dass wir uns bei der Begegnung mit diesem Individuum von ihm abwenden, wodurch der Anspruch, den seine anderen Eigenschaften an uns stellen, gebrochen wird. Es hat ein Stigma, das heisst, es ist in unerwünschter Weise anders, als wir es antizipiert hatten“ (GOFFMAN, 1967, S. 13). Lang lebe das Stigma. Denn wir alle tragen Dinge in uns, die für die Anderen Gründe sein könnten, um sich von uns abzuwenden.

Aufgrund der Suche nach Einzigartigkeit wird das Entdecken und Zeigen seines Stigmas in einer Welt der Pluralität, in der alles erlaubt scheint, zum Erfolgsrezept. GROSS (2007) spricht von der modernen Notwendigkeit, seine Stigmas vor den Augen der Öffentlichkeit vorzuführen. Wir leben im Zeitalter der Ichlaufstege. Und auf diesen führen – oder halt!, ist dies nur eine persönliche Wunschvorstellung? – immer mehr Individualisierte das Kranke, das Deformierte, das Schräge, Hässliche und Abnorme vor. „Durch Selbststigmatisierung, durch das Bekennen und Zeigen der Stigmata, wird versucht, die eigene Identität und Individualität zu steigern. Stigmatisierung erhält damit eine aktive Bedeutung, eine Bedeutung, die mit den gesellschaftlich erwünschten Selbstdifferenzierungs- und Selbstverwirklichungsvorstellungen korreliert. Und natürlich mit der nach dem Tode Gottes erwünschten Selbsterlösung! Kein Messias mehr, dem Male beigebracht werden und der uns in seinem Leid erlöst. Unser Leid ist selbst die Erlösung. Jeder Mensch ist sein eigener Messias und spielt das Drama der Erlösung in sich zu Ende – in der er sich erlöst in der Akzeptanz seiner Unerlöstheit“ (ebd., S. 69 f., Hervorhebung JLC). Doch so einfach geht es nicht. Selbsterlösung geschieht nicht nach dem Hokus-Pokus Prinzip. Selbsterlösung gleicht einem langen beschwerlichen Weg, der zuerst über die eigenen Unzulänglichkeiten führt. Auch im Sexuellen. Und zuvor im Körperlichen.

Der unsicher gewordene Körper

Gewiss, einen Körper hat man. Er ist. Aber der Körper steht auch zur Disposition. Unser Körper ist genauso Teil unserer Identität, wie die von uns erlebten Emotionen oder das von uns gesammelte Wissen. „Identität meint also einen Prozess der Selbstreflexion, der sich auf die eigene Person in ihrer Gesamtheit bezieht. Dabei lassen sich eine kognitive (Selbstkonzept), eine emotionale (Selbstwertgefühl) und eine motivationale Komponente (Kontroll- überzeugungen) von Identität unterscheiden. Zudem muss eine körperliche Ebene von Identität angenommen werden, ein immer nur teilweise bewusstes Bild vom eigenen Körper, das sich als Körperkonzept oder Körperselbst bezeichnen lässt“ (FALTERMAIER et al, 2002, S. 65). Der Körper, das Körperkonzept, das Körpergefühl ist nicht nur ein Prozess. Sondern der Körper wird auch immer mehr der Gestaltung unterworfen, wir könnten sagen der Optionierung ausgesetzt. Der Körperprozess wird einem Optionsmanagement unterstellt. Und unterbewusst sind Körper und Geist eng verbunden und umschlungen.

Wir lassen das Unbewusste und wenden uns dem Bearbeiten der Oberflächen zu. Was früher einmal beim Coiffeur begann und sich beim Kieferorthopäden und später beim Dermatologen fortsetzte, führt heute in die Stuben der Tätowierer, Piercer und Brander. Und in die Praxen der Schönheitschirurgen, welche in ihren weissglänzenden Praxen an den besten Lagen Brüste aufblasen, Penisse annähen und Lippen sinnlich spritzen. Selbstverständlich dürfen es auch Korrekturen an der Nase oder das Absaugen von überflüssigem Fett an allen erdenklichen Stellen sein. Der Körper wird zum Potential, zur Gestaltungsebene, zur Selbstverwirklichungsmasse. Jung und knackig soll er sein. Auffällig und einzigartig. Nur frisches und gelüstiges Fleisch wird gejagt. „Die Alltagskultur wird geprägt durch jung gehaltene Körper, bewirkt durch Jogging und Walking und Facelifting. Mit Tattooing, Piercing und Branding wird die Aussenhaut des Körpers ornamentiert und verändert. Körperschmuck greift in den Körper ein. Die Botschaften solcher Körpermodulationen sind freilich nicht eindeutig. Sie verweisen einerseits auf traditionsschwere rituelle Formen und Handlungen, auf subkulturelle Spuren. Sie markieren den menschlichen Körper aber auch als eine disponible, notfalls durch Silikon veränderbare Grösse, über die man bei Bedarf verfügen kann. War bisher die Kleidung als eine Art zweite Haut auswechselbar, veränderbar, jederzeit ‚ablegbar’ so ist es jetzt auch die erste Haut und sogar das Körperinnere selbst: Material, zur Bearbeitung freigeben“ (SCHNEIDER, 2000, S. 13 f.). Der Körper hat nicht mehr nur zu sein, er hat im visuellen Zeitalter etwas darzustellen.

Das androgyne Wesen ist der Prototyp einer Armee perfektionierter Körper, die gefühlslos den Befehlen der Wirtschaft gehorchen.

Als Modelle der Bearbeitung und Veredelung dienen die Mannequins, welche in den Hochglanzmagazinen kühl lächeln oder sich auf metergrossen Plakaten unverschämt räkeln. Kennen Sie zum Beispiel NADINE und PATRICIA aus Helvetien, die sich in New York eine gemeinsame Wohnung suchen? Sie werben für Marken und weisen uns den Weg zum richtigen Stil. Sie bieten wie das Sexobjekt Sportler Projektionsflächen und Identitätshilfen an (vgl. CACHELIN, 2007). In ihnen erkennen wir uns wieder. Oder zumindest das, was wir sein könnten und sein wollen. Und ob Mann oder Frau, der Trend weist in die Richtung des androgynen Wesens. Dorthin, wo dem Kopf nach das Geschlecht des menschlichen Wesens nicht mehr erkannt werden kann. Endlich: Gleichberechtigung. Frauen mit männlichen Gesichtern sehen Männern mit weiblichen Gesichtern zum Verwechseln ähnlich. Sie posieren gleichgültig in ihren durch Regenmaschinen künstlich genässten Pelerinen. Gewiss verbleiben die Überreste des letzten Jahrhunderts. Grossbusige Blondinen und mächtige Adoniskörper. Vielleicht sind sie auch gar keine Reste, sondern im Gegenteil das Kontrastprogramm zum androgynen Einheitsbrei. Aber irgendwie wirken Barbie and Ken seltsam veraltet. Sie verweilen als Stereotype anderer Zeiten in unseren Erinnerungen, während die geschlechtlosen Androgynen im Stechschritt die Hauptstrassen in Bern, Ljubljana und New York abmarschieren. Die Androgynen scheinen zu einem Zeitalter zu passen, in dem die aus dem sozialen Urknall geborenen Steigerungsmaschinen alles perfektionieren wollen. Vorwärts, Marsch! Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir haben keine Zeit für Emotionen.

Das androgyne Wesen ist der Prototyp einer Armee perfektionierter Körper, die gefühlslos den Befehlen der Wirtschaft gehorchen. Man nennt sie Avatare und Cyborgs, die Wesen, die uns bald unter die Arme greifen und uns viel später einmal als perfektionierte Menschen ersetzen werden. Sie bedrohen das Konzept der zeitgenössischen Identität, welche auf Individualität beruht. „Diese Entwicklung bedeutet für ein Wesen wie den Menschen, dessen Identität unmittelbar mit seiner Gestalt zu tun hat, eine radikale Attacke auf das Konzept der Subjektivität selbst. Wenn ich in meinem möglicherweise endlos verlängerbarem Leben nahezu jede beliebige Form annehmen kann, wer ist dann ‚Ich’? Mit einer endlosen Anzahl von Permutationen wäre selbst das beste Gedächtnis überlastet, das die Erinnerungen an den Ich-Kern wahren will. So weit sind wir noch nicht, aber schon in der Entwicklung hin auf diesen Punkt ist das verstärkte Auftreten von identitätsbezogenen psychischen Krankheiten und die verstärkte Attraktivität von Weltanschauungen, die das Konzept der Subjektivität negieren, wahrscheinlich. Spassig könnte diese ‚Karnevalisierung der Gesellschaft’ durchaus sein. Fragt sich nur für wen, wenn die Frage nach dem Ich nicht mehr zu beantworten ist“ (BOSSHART et al, 2004, S. 42). Noch feiern wir nicht am Karneval der Zukunft. Noch zieht die Gegenwart durch unsere Gassen.

Unter den Modelkörpern leiden in erster Linie die Normalsterblichen, deren Körper nicht mit den Idealen und Vorbildern mithalten können. Man ist zu klein, zu dick, zu männlich, zu weiblich. Man hat unreine Haut oder schiefe Zähne. Aus Gesprächen mit Besoffenen, weiss ich, dass Schönheitsflecken, rötliche Haare, falsche Körpergrössen und missratene Körperproportionen durchaus hinderlich bei der Einstellung eines Wohlgefühles sein können. Die körperliche Identität ist kein Selbstläufer. Man kann unreflektiert akzeptieren, was Mutter Natur einem geschenkt hat. Oder man kann mit Haarspray, Silikon und Besuchen beim Dentisten nachhelfen. Aber das Pimpen kennt Grenzen. Der Körper ist (noch) nicht beliebig formbar. „Die Möglichkeitsfülle, die der Leib hinsichtlich seiner Gestaltung aufweist, hat indes ihre Grenzen; wiederum besteht die Kunst darin, diese Grenzen kreativ auszuschöpfen und zu verschieben. Einschränkungen bestehen nicht nur aufgrund materialer Gegebenheiten, sondern auch aufgrund gängiger, sozial erlernter Schemen der körperlichen Selbstgestaltung“ (SCHERGER, 2000, S. 247). Hier taucht sie wieder auf, die von GROSS rauf und runter gepredigte zentrale Herausforderung der Moderne. Das Mögliche wird immer mehr sein als das Wirkliche. So lässt sich das Geschlecht nicht einfach wechseln. Biologisch nicht. Und auch sozial sind die Spiele mit dem Geschlecht nach wie vor ein Spiel mit dem Feuer. Wenn ROLF BODER, 2003 noch Mitglied des Züricher Kantonsparlaments im Landboten zum Besten gibt, „Ich habe eine gute Figur und als Lady Michelle grosse Erfolge“ (LÜSSI, 2007), so ist dies ein garantierter Schenkelklopfer am bierseeligen Stammtisch. Noch ist nicht alles ersetz- oder änderbar. Noch gibt es keine künstlichen Ersatzlungen für die Raucher. Noch ist das Leben nicht unendlich. Noch ist unser Köper aus Fleisch und Blut. Noch fliesst Blut durch unsere Adern. Und noch gibt es Tabus und Ordnungshüter.

Auch die vermeintlich Perfekten, diejenigen, die mit ihren Körpern zufrieden sein könnten, leiden unter dem Diktat der Schönheit. Denn der auf den Laufstegen der visuellen Gesellschaft eingesetzte Köper ist doch nur ein Körper. Eine Hülle ohne Inhalt. Die Körper sind leer oder innerlich verfault. „Da sitzt man nun mit einem perfekten Körper. Man kann nichts mit ihm anfangen. Der Körper ist hermetisch abgeschlossen“ (TERREHORST, 1996, zit. in GROSS, 1999, S. 122, Hervorhebungen JLC). Das tatsächliche Ich versteckt sich hinter Maskeraden und Oberflächen. „Heute verbirgt man sich, indem man sich entbirgt und seinen getunten und überarbeiteten Körper vorzeigt. Das Ich, das mit Kleidern zum Strahlen gebracht wurde, maskiert sich mehr und mehr als Körper, glänzend, makellos, wie ohne ein Inneres, ein leeres, herausgeputztes Kloster“ (GROSS, 1999, S. 147). Oder liegt im Innern doch verkümmert, vernachlässigt oder sorgfältig versteckt etwas, was wir als Hartes, als Restich und Stigma kennengelernt haben? „Während die Faszination der Puppen im Schaufenster darin liegt, dass ihre Bekleidung und Drappierung etwas Kahles, Kaltes, ohne Haare, ohne Geruch und ohne Schweiss verhüllt, rührt die

Faszination des Models auf dem Laufsteg umgekehrt daher, dass unter der glänzenden Hülle des Kleides und des an seinen sichtbaren Stellen geschminkten und maskierten Körpers ein mit Organen gefüllter warmer Leib, dass unter der repetitiven Choreographie eine verborgene Anstrengung, unter dem gefrorenen Lächeln vielleicht heftiger Schmerz präsent ist; ein Schmerz, eine Pein, die im kurzen Aufblitzen des ausschreitenden Beines gezeigt und verborgen wird“ (ebd., S. 149). Auch die schönste Schönheit erkennt vor dem Spiegel hinter ihrer Haut die Schmerzen, die sie plagen, die Leere, die sie nicht erfüllt. Die Risse im eigenen Inneren sind tief geraten. Ob wir das, was in unserem Innern hinter der makellosen Oberfläche versteckt als Leere, Unsicherheit oder Schmerz bezeichnen, ist egal. Weniger egal ist, dass in unserem Innern etwas faul ist und dass diese Fäulnis im Gegensatz zu den polierten Oberflächen unserer Zeit steht. Man darf nicht schwach sein, aber eigentlich sind wir es alle. Mit Emotionen geladen. Von Unsicherheit durchtränkt.

Wir sind dem Gegensatz, dem Spannungsfeld, der Diskrepanz auf die Spur gekommen, die den Kern der Unsicherheit auszumachen scheint. Zwar präsentieren die Individuen nach Aussen einen rein gehaltenen und optimierten Körper. Es glitzert und glänzt. Es funkelt und blitzt. Wir bewundern Makellosigkeit und Wohlproportioniertheit. Wir degradieren uns selbst zum Objekt. Man schreitet als ein die sorgenlose Moderne symbolisierendes Model über die Laufstege der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Zwar ein Cüpli in der Hand, aber wohl wissend, dass diese Laufstege nichts anderes als die Märkte sind, auf denen man sich täglich zu präsentieren hat. Man wird als Objekt behandelt und lässt Rangverkündungen und Prämierungen über sich ergehen. Man hat sich selbst zu unternehmen (vgl. BRÖCKLING, 2007), um nicht dismissed zu werden. “Das individuelle Streben nach Glück verlagerte sich auf die Sphäre des Konsums, und dieser versprach nicht länger die serielle Befriedigung normierter Bedürfnisse im Rahmen fordistischer Massenkultur, sondern lockte mit Abenteuer und Selbstverwirklichung und liess materielle Ungleichheiten im Lobpreis der Differenz verschwinden. Konsumistischer und unternehmerischer Imperativ fielen zusammen: Als Konsument sollte der Einzelne sein Genusskapital akkumulieren und hatte sich zu diesem Zwecke so innovativ, risikobereit und entscheidungsfreudig zu erweisen, als müsse er ein Unternehmen zum Markterfolg führen“ (ebd., S. 51). Ja, der moderne Mensch wird als Unternehmen konzipiert, das sich als Individuum auf den Märkten auszustellen und im besten Licht zu präsentieren hat, um Angebot und Nachfrage möglichst effizient abwickeln zu können. Nicht nur wenn es um den Körper geht, auch im Büro oder in der Freizeit wartet die Konkurrenz und hat sich der Wettbewerb eingenistet.

Die Arbeit am Körper ist ein Endlosprojekt

Gerade wenn es um den eigenen Körper und dessen textile Verpackung geht, scheint es zunehmend unmöglich geworden, diesen nicht als Kapital zu behandeln, mit dessen Hilfe man sich auf den zahlreichen Marktplätzen der Moderne zu präsentieren hat. Positionierung lautet das dazupassende Schlagwort der Marketingfachleute. „Bei der Positionierung stellt sich einem Unternehmen die Aufgabe, eine vorteilhafte Stellung gegenüber seinen als relevant erachteten Anspruchsgruppen zu erarbeiten sowie Mittel und Wege zu überlegen, wie es eine solche erreichen kann“ (MÜLLER / STEWENS, 2003, S. 141). Die Positionierung verrät, warum eine Organisation oder ein Mensch anders ist. Sie beschreibt seine relativ vorteilhafte Einzigartigkeit. Der Körper, in seine Eigenarten verstärkende Gewänder umhüllt, übermittelt dem Gegenüber die nötigen Botschaften, um im Wirrwarr der Moderne kommunizieren zu können. „Meine zentrale These besagt, dass Produkte davon leben, dass sie kulturelle Konzeptionen des Wünschenswerten benützen und zusammen mit all den ideologischen Ordnungsmustern, die damit verknüpft sind, transportieren“ (KARMASIN, 2004, S. 208). Hier ein Logo, dort ein Frisürchen, hier ein bestimmter Stil, dort eine misslungene Nachahmung. Die mit den Produkten und Dienstleistungen transportierten Codes (ebd., S. 203) erleichtern es den Menschen, Angebot und Nachfrage in Übereinstimmung zu bringen. Dabei gilt, dass selbstverständlich auch No Logo ein Logo darstellt. Der naturbelassene Köper, die nichtmarkierte Kleidung sind ebenso starke Logos wie diejenigen der multinationalen Grosskonzerne.

Der Körper ist auch die zentrale Ressource, wenn es darum geht, auf den sexuellen Märkten aktiv zu werden. Man hat seine Reize zu managen. „Der Leib ist also Teil des Selbst, das Gestalter und zu Gestaltendes gleichzeitig ist“ (SCHERGER, 2000, S. 247). Nicht nur dient er als Verpackung im Sinne des Marketings. „Die Verpackungsgestaltung bezeichnet das Bestimmen von Design und Art des Behälters oder der Umhüllung für ein Produkt“ (KOTLER/ BIEMEL, 2001, S. 764). Die Verpackung dient, die Funktionen der Information und der Verführung zusammengefasst, der Kommunikation. „Die Verpackung muss insbesondere auch als Instrument zur Kommunikation mit dem Markt betrachtet werden“ (ebd., S. 247). Der Körper ist zumindest äusserlich auch die Materie, an der die sexuelle Vereinigung vollbracht wird. Die Arbeit am Körper, verstanden als Marketinginstrument oder als Plattform der Selbstverwirklichung ist wie die Identität ein Endlosprojekt. „Die kunstvolle Konstruktion von Identität ist ein nie endender Prozess, der allein begrenzt wird durch den natürlichen Tod des Subjektes. Ein Ergebnis in Form einer unverrückbaren, feststehenden Identität kann es nicht geben: Das sich gestaltende Selbst schafft sich immer wieder neu, so dass Zeitlichkeit und Vergänglichkeit nicht – wie in einer traditionellen Vorstellung eines ‚Wesens’, einer ‚Seele’ – ausgeschlossen werden, sondern als wesentlicher Bestandteil von sich immer wieder anders konstruierender Identität einbezogen sind“ (SCHERGER, 2000, S. 237). Und glauben wir HOUELLEBECQ (vgl. insb. 2002), dann ist das Leben ein einziger Verfallsprozess.

Sex als gegenseitiges Dienstleisten

Im gegenseitigen Dienstleisten, in der Hingabe im sexuellen Akt, nimmt die im Körperkonzept begonnene Aufbauarbeit der Identität ihre Fortsetzung. Der Vergleich des sexuellen Aktes mit einer Dienstleistung erfolgt an dieser Stelle, um sein technisches Moment zu verdeutlichen. „Dienstleistung ist eine auf den Prozess- und Kundennutzen ausgerichtete Leistung, die an einem Menschen oder am Objekt, ohne Transformation von Sachgütern erbracht wird“ (BIEGER, 2002, S. 7). Wenn wir uns mit einem anderen Menschen zum Vollziehen des sexuellen Aktes zusammenfinden, dann deshalb, weil wir den ausgesuchten Menschen als geeignet empfinden, um unsere sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Man schenkt sich Lust. Man schenkt sich Höhepunkte. Auch im Ausleben der eigenen Sexualität entsteht und festigt sich das Individuelle. „Wenn aber Sexualität als eigener Erfahrungsbereich erst konstruiert werden muss, konstruiert und nicht etwa als natürliche Konstante gegeben ist, so kann diese Konstituierung des Selbst als Subjekt der Sexualität auch Teil der kunstvollen Selbstgestaltung sein“ (SCHERGER, 2000, S. 248). Und überhaupt ist gerade das Sexuelle im Sinne von ERIKSON (vgl. 2004, 2005) eine Möglichkeit, um nach erfolgreicher Bewältigung der Attacke der Identitätskonfusion die Identitätsarbeit im Spannungsfeld zwischen Intimität und Isolation fortzusetzen. „Aber erst nachdem ein einigermassen sicheres Gefühl der Identität erreicht ist, ist eine wirkliche Intimität mit dem anderen Geschlecht (wie übrigens auch mit jedem anderen Menschen und sogar sich selber) möglich“ (ERIKSON, 2004, S. 115).

Der jugendliche Erwachsene strebt danach, Teile seines Ichs in einem Anderen zu finden, sich dadurch selbst zu erkennen und weitere Schritte auf dem Weg zur Identitätsreife zu unternehmen. Nur im Verschmelzen mit dem Anderen wird es ihm gelingen, dieses Stadium zu erreichen. „Junge Erwachsene, die eben die Zeit der adoleszenten Suche nach einem Identitätsgefühl hinter sich haben, können sehr begierig und bereit sein, ihre Identitäten in wechselseitigen Intimitäten zu verschmelzen und sie mit solchen Menschen zu teilen, die sich in Arbeit, Sexualität und Freundschaft als komplementär zu erweisen versprechen. Man kann oft verliebt sein oder sich auf Intimitäten einlassen, aber die Intimität, die jetzt auf dem Spiel steht, ist die Fähigkeit, sich auf feste Partnerschaften einzulassen, die ernste Opfer und Kompromisse fordern können“ (ERIKSON, 2005, S. 92, Hervorhebungen JLC). Das Komplementäre schärft das Eigene. Und erst das Herumpröbeln und Herumtoben im sexuellen Spiel lässt die Fähigkeit zur Liebe entstehen. Zuerst wird experimentiert und Sicherheit gewonnen, erst dann wird geliebt. „Aus der Lösung der Antithese zwischen Intimität und Isolation entsteht aber Liebe, jener Austausch reifer Hingabe, die eine Lösung für den durch unterschiedliche Funktionen bedingten Antagonismus verspricht“ (ebd., S. 93). Erst nach und nach entdeckt der Mensch, was er ist und welche anderen Menschen sich in Freundschaften, Liebschaften und sexuellen Akten als komplementär erweisen. Nein, das muss nicht immer der gleiche Mensch sein. Und ja, er kann es trotzdem sein.

Noch aber sind wir beim Sex und nicht bei der Liebe. Das sexuelle Leben ist ebenso Ort der Selbstfindung und -verwirklichung wie der dazugehörige Körper. Die Selbstverständlichkeiten verwandeln sich auch hier in eine Unzahl von zu realisierenden Möglichkeiten. Auch im Ausleben der eigenen Sexualität gilt es die Lebenszeit zum Kosten der Optionen zu nutzen. Bittersüss sie schmecken. „Es ist kennzeichnend für die postmodernen Verhältnisse, dass sie die Zeit verflachen und die Wahrnehmung eines endlosen Zeitstroms zum Erlebnis der Jetztzeit kondensieren. Oder aber, dass sie die Zeit in eine Reihe von selbständigen Episoden zerteilen, von denen jede als intensive Erfahrung eines flüchtigen Momentes erlebt und so sorgfältig wie möglich sowohl von vergangenen Einflüssen also auch von zukünftigen Konsequenzen abgeschnitten werden soll“ (BAUMANN, 2002, S. 39). Die einzelnen Sequenzen, seien sie nun sexueller, sportlicher, wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur, dienen nicht nur in der Optik BAUMMANNS als Brutstätten der Optionen dazu, die eigene Sterblichkeit zu überwinden. Die ganze vom Menschen hervorgebrachte Kultur ist Zeugnis des Strebens, die nicht klärbare Frage des Todes zu klären. Sie ist ein Versuch, die menschliche Unvollkommenheit zu überwinden. Der menschliche Mangel der Sterblichkeit wirkt antreibend und anregend. „Aus diesem Mangel resultiert doch die ungeheure Fülle der Kultur: Aus dem Mangel schafft er sich eine zweite Natur; eine Kulturwelt, die ihn vor der Natur schützt, in die er nicht zurückgebettet sein will. Der Mensch hat sich in seiner Geschichte faktisch, nicht theoretisch, immer gegen die Natur entschieden, auch gegen seine eigene. Immer hat er an sich herumprobiert und korrigiert. Die Geschichte ist eine Geschichte seiner Korrekturen. So wird der Mangel in seiner Doppeldeutigkeit erkennbar: als Bedrohung, aber auch als grandioser Ursprung kultureller Vielfalt“ (GROSS, 2007, S. 53 f.). Auch das sexuelle Erlebnis ist Kultur und hilft die Sterblichkeit zu verdrängen.

Das Ausleben der Sexualität wird in der Multioptionsgesellschaft zu einer Aneinanderreihung von Events

Das Ausleben der Sexualität wird in der Multioptionsgesellschaft zu einer Aneinanderreihung von Events, von denen mit dem Vergehen der Geschichte immer mehr zur Auswahl stehen. „Geschichte wird als eine laufende (und prinzipiell überspielbare) Aufzeichnung angesehen; Kunstwerke, einst dazu ausersehen, ‚den Tod zu überdauern’ werden durch bewusst kurzlebige Happenings und Einweg-Installationen ersetzt; jene Identitäten, die dazu ausersehen waren, gewissenhaft errichtet zu werden und das ganze Leben über zu bestehen, werden durch Identitäts-Bausätze ersetzt, die unverzüglich montiert und wieder abgerissen werden können. Die neue, postmoderne Version der Unsterblichkeit bedeutet, den Augenblick zu leben und das Hier und Jetzt zu geniessen; sie ist keine Geisel mehr des unbarmherzigen und unkontrollierbaren Laufes objektiver Zeit“ (BAUMANN, 2002, S. 40 f.; Hervorhebung JLC). Von allen Seiten werden wir in einer zu Ende befreiten Sexualität (SCHULZE, 2006, S. 39) dazu aufgerufen, unsere Sexualität auszuleben, uns im Sex auszutoben, uns im Sexuellen zu finden, uns sexuell zu verwirklichen, uns sexuell ins Szene zu setzen. „Als Sünde gilt das Versäumen erotischer Gelegenheiten“ (ebd., S. 40) und nicht etwa der teuflisch angehauchte Geschlechtsakt, der allerdings auch erst mit seiner Loslösung von der Fortpflanzung seine Unschuld verlieren konnte. Man schickt uns köstliche Früchte im sexuellen Garten suchen zu gehen. „Wer experimentiert, auch mit anderen als den herkömmlichen heterosexuellen Aktivitäten, kann viel köstlichere sinnliche Fürchte der Sexualität ernten“ (BAUMANN, 2002, S. 42). Und zu guter letzt, werden wir von den Sexualwissenschaftlern dazu verpfiffen, unseren Perversionen nachzugehen. „Jenen aber, die die Perversion denunzieren, ist offenbar nicht bewusst, dass sie das wünschen, was sie so laut verleugnen und verfolgen. Sie reagieren so abwertend, weil sie dunkel ahnen, dass sie all das, was die Perversen erleben oder krankhaft tun müssen, vom sexuellen Rausch bis hin zum lebensbedrohlichen Ich-Zerfall, selbst erlebten oder täten, wenn in ihrem bisherigen Leben nur eine Weiche anders gestellt worden wäre“ (SIGUSCH, 2005a, S. 80). Und was ist nun schwerer, pervers oder normal zu sein?

Der Aufruf zum perversen Lebensgenuss kennt auch seine Schattenseite. „Mit der Rationalisierung, der Zerstreuung, der Kommerzialisierung und dem Zwang zur Vielfalt ist eine generelle Banalisierung des Sexuellen verbunden. Sexualität ist kulturell etwas weitgehend Selbstverständliches geworden, wie Mobilität oder Egoismus. Aus dem revolutionären Eros zur Zeit des Fordismus ist Lean sex geworden, der sich der postfordistischen Lean production zur Seite stellt. Das allgemeine Modell der neosexuellen Revolution kann als Selfsex bezeichnet werden, der selbstdiszipliniert und selbstoptimiert ist. Dazu passen die neosexuellen Selbstpraktiken, die sich mit grosser Selbstverständlichkeit inszenieren“ (ebd., S. 39, Hervorhebungen JLC). Selfsex wird dann praktiziert, wenn man aus Partnermangel oder Langeweile viermal täglich onaniert. Selfsex wird praktiziert, wenn man vor der Webcam akrobatische und schmerzhafte Kunststücke aufführt, die ein Master am anderen Ende der Welt befohlen hat. Selfsex wird praktiziert, wenn man masturbiert und sich gleichzeitig auf x-tube masturbieren sieht. Selfsex schliesslich wird praktiziert, wenn man sich in Online-Profilen genaustens kartiert, um einen Partner zu finden, der die dazupassende Dienstleistung am eigenen Körper praktiziert. Recon (2007) fordert seine Nutzer durch eindeutige Fragen auf, sich sexuell umfassend zu outen. „Unlike other dating sites, at recon we ask our members ‘what are you into?’ which makes it easy to find guys who share exactly the same interests”. Man hat exakt die zum Ich passenden Optionen auszuweisen. Virtuelle Sexpässe machen sich breit. Wie gerne übernimmst Du die sexuell aktive Rolle? Stehst Du auf Bondage? Und wie sieht es mit Fisting aus? And what about CBT and DD?

Die Hinwendung der Menschen zum Selfsex bedroht das Individuum. Wieder einmal zeigt sich das Doppelgesicht der modernen Errungenschaften. Zunächst einmal bedeutet die Optionierung der Sexualität die Übertragung der Aufgabe ihrer Gestaltung auf jedes einzelne Individuum. Du darfst. Aber Du musst auch! „Die neu gewonnene Unter-Determinierung ist die Grundlage einer erhebenden, grenzenlosen Freiheit, jedoch auch die Ursache extremer Unsicherheit und Angst. Es gibt keine zuverlässigen Lösungen, nach denen man sich richten kann, alles muss neu und ad hoc ausgehandelt werden. Mit anderen Worten, die Erotik ist zu einem ‚Hansdampf in allen Gassen’ geworden, der verzweifelt nach einem festen Wohnsitz und einem sicheren Job sucht, sich jedoch fürchtet, sie zu finden“ (BAUMANN, 2002, S. 40). Die sexuelle Identität wird zur Baustelle, auf der man zu arbeiten hat. Neben dem Dauerdienst ist Flexibilität angesagt. „Identitäten der postmodernen Männer und Frauen sind, wie die Identitäten ihre Vorfahren, von Menschen gemacht. Nicht länger jedoch müssen sie peinlich genau entworfen, sorgfältig errichtet und felsenfest verankert werden. Ihre höchste Tugend ist Flexibilität. Alle Strukturen sollen so leicht und mobil sein, dass sie sich kurzfristig neu arrangieren lassen, Einbahnstrassen sollen gemieden werden, und keine Verpflichtung sollte so verbindlich sein, dass sie die freie Bewegung einschränkt […]. Die von ihren reproduktiven und Liebeszwängen befreite Erotik passt sehr genau in diesen Entwurf, sie scheint wie dafür geschaffen, ein Massstab der multiplen, flexiblen, vergänglichen Identitäten postmoderner Männer und Frauen zu sein. Der von reproduktiven Konsequenzen und hartnäckigen, langwierigen Liebesbindungen befreite Sex, spielt sich nun im Rahmen kurzristiger Episoden ab. So hinterlässt er keine Spuren auf der stets gepflegten Oberfläche und ist davor gefreit, die Freiheit zu weiteren Experimenten zu verlieren. Frei flottierende Erotik ist deswegen überaus geeignet für das Streben nach einer Identität, die wie alle anderen Produkte für maximale Wirkung und sofortigen Verschleiss bestimmt sind“ (BAUMANN, 2002, S. 41 f.).

Perfekt symbolisiert wird die stets gepflegte, nach Aussen glänzende Oberfläche durch den Gummianzug eines mumifizierten glatt rasierten Menschen. Dieser hat sich vollständig in seine Welt zurückgezogen und wartet darauf, dass ihn sein dominantes Gegenüber durch Stimulierung in einen Rauschzustand versetzt und seine Köpersäfte melkt. In diesem sich Vollständig- Ausliefern, in der genau abgesprochenen Session findet sich die zweite Gefahr des Selfsex und der perfekte Übergang zum nächsten, härteren Kapitel. Denn wer Selfsex betreiben muss, ist nicht nur verunsichert. Selfsex lässt auch vereinsamen. Die Unsicherheit zwingt zwecks Erlangung von Identität und damit Sicherheit zur passgenauen Kartierung der eigenen Bedürfnisse und zur Vereinigung auf dem virtuellen Marktplatz Internet praktisch auffindbaren Gegenstück. What are you into? Dann aber ist Sex nicht mehr als Outsourcing. Man begibt sich zu einem sexuellen Gegenüber, um sich im Sinne des Enabling zu einem besseren Orgasmus zu befähigen. Ein Normaler tut es nicht. Man hat die Möglichkeiten auszuschöpfen. Höher. Schneller. Weiter. Oder einfach: Härter. Man hat das tiefste Innere zu jagen. Was dann aber resultiert, ist nicht Verliebtsein, Liebe oder Leidenschaft, sondern narzisstische Selbstliebe. „Du versprichst mir mit freundlichem Gesicht etwas Hoffnungsvolles; strecke ich die Arme nach dir aus, streckst du sie mir freiwillig entgegen. Lächle ich, lächelst du mir zu; auch Tränen habe ich oft bei dir beobachtet, während ich weinte. Durch Nicken erwiderst du meine Zeichen, und soweit ich aus der Bewegung deines schönen Mundes schliessen kann, antwortest du mir auch mit Worten, die nicht an mein Ohr dringen. – Ich bin es selbst! Ich habe es begriffen, und mein Bild täuscht mich nicht mehr. Liebe zu mir selbst verbrennt mich, ich selbst entzünde die Liebesflammen, die ich erleide. Was tun? Bitten oder mich erbitten lassen? Worum soll ich den bitten? Was ich begehre, ist bei mir. Der Reichtum hat mich arm gemacht. Könnte ich mich doch von meinen Körper lösen!“ (OVID, 2005, S. 51).

SM als Symbol der unterschwelligen Diskrepanzen

Noch sind wir in diesem Text nicht am intensivsten Punkt der sexuellen Selbstverwirklichung angelangt. Die sexuelle Identitätsarbeit kann noch gesteigert werden. Die Annäherung an den eigenen Körper, das Eintauchen ins tiefe innere Ich setzt sich in den härteren, in den intensivierten sexuellen Gangarten fort. In den sexuellen Welten gilt ebenso, was auf unseren Sportplätzen zu konstatieren ist. Das Geregelte, das Normale, der Durchschnitt, das Übliche, das Traditionelle und das Überlieferte reichen nicht mehr aus, um die modernen Menschen in Einklang mit ihren Körpern zu bringen. Gefragt ist mehr. Gefragt ist das Extreme. „Der Körper wird nicht nur fit gehalten, sondern in extremen und z.T. auch gefährlichen Sportarten werden seine Möglichkeiten ausgelotet. Dabei wird sein Verlust riskiert. Wie kommt es, dass solche extremen Sportarten als Ergebnis und Risikofreizeit immer beliebter werden? Es ist eine gängige Behauptung, dass eine authentische Erfahrung von Körperlichkeit nur noch in Extremsituationen zu haben sei“ (SCHNEIDER, 2000, S. 14, Hervorhebung JLC). Dem eigenen Körper wird mehr abverlangt. Abenteuerlich intensiv soll es sein. Authentizität hat sich im Sinne des Innersten einzustellen. „Wenn aber der Körper in dieser Weise bearbeitet und extrem belastet und gestreckt werden kann, dann ist er nicht mehr eine letzte feste Grösse. Dann ist – eine Verlustanzeige – nicht länger Verlass auf ihn. Dann ist er – was als Gewinn erscheinen könnte – aber auch nicht länger mehr das unveränderliche Schicksal […], etwas Gegebenes, Abgeschlossenes. Das Körperinnere, wie auch die Aussenhaut haben sich – vor allem auch in Verbindung mit der Transplantationsmedizin – für Künstliches und Technisches geöffnet“ (ebd., S. 14). Gefragt ist mehr. „Die sinnliche Begierde bis ins Unerträgliche zu steigern und deren Befriedigung immer mehr zu erschweren, das war das Grundprinzip, auf dem die westliche Gesellschaft basierte“ (HOUELLEBECQ, 2005, S. 72).

Nun spielt in sexuellen Begegnungen die Transplantationsmedizin bei der Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse keine Rolle oder zumindest bis anhin nur eine kleine Nebenrolle. Aber auch in der Welt des BDSM, der Welt von Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism, in der wir uns in diesem Abschnitt befinden, werden die Körper seltsam durchlässig und für das Künstliche und Technische geöffnet. Durchlässig werden sie, nicht nur weil beim Sex immer Körperflüssigkeiten getauscht werden, sondern weil in diesen intensivierten Dienstleistungen der Austausch von Natursekt und Fäkalien in gewissen Spielarten zu den Vorlieben der beteiligten Spielpartnern gehört. Künstlich und technisch ist dieser Sex auch aufgrund der Palette an Spielzeugen, die in den verschiedenen Spielen zum Einsatz kommen. An der Wand der Folterkammer hängen Masken, Kerzen, Dildos, Knebel, Reitgeschirr, Peitschen und Handschellen. Das Fixieren des devoten Spielers mit Seilen und Ketten legt die Basis für die Fortsetzung im Dungeon. Auch hier zeigt sich, dass sich das Körpergefühl nur dann einstellt, wenn der Körper über das Normale hinaus stimuliert wird. Der Körper wird fixiert, um dadurch Schmerzen und Zärtlichkeiten, Erniedrigungen und Stimulierungen je nach eingenommener Rolle intensiver zu verabreichen oder entgegenzunehmen. Sind die Menschen aufgrund der Überbeanspruchung ihrer Reize, aufgrund der Abstumpfung ihrer Sinne, aufgrund ihrer Ichbezogenheit nur noch auf eine technische und künstliche Art und Weise fähig, ihr Gegenüber zu spüren und sich damit Zugang zu ihrem Innersten zu verschaffen? Muss heute das Natürliche entweiht und entsinnlicht werden, um die Sinne zur Blüte zu bringen?

Faire l’amour wird zum gegenseitigen Praktizieren, zur totalen gegenseitigen sexuellen Dienstleistung

„In und hinter diesen Vorgängen wird fraglos auch eine Sehnsucht nach Identität deutlich. Was über Jahrhunderte die Suche nach der Seele war, eine Suche bekanntlich ohne greifbares Ergebnis, konzentriert sich weiter auf den Ort der Seelensuche, verwandelt sich aber in die Suche nach dem Körper als einer Suche nach Authentizität und Identität“ (SCHNEIDER, 2000, S. 14). Die Sadomasochisten praktizieren so gesehen also nur eine etwas extremere Form der Identitätsarbeit als ihre durchschnittlichen Mitmenschen. Der Beitrag der sadomasochistischen Praktiken zur Identität wird auch daran ersichtlich, wenn man die Vorlieben hetero- und homosexueller Sadomasochisten vergleicht. Stereotypen werden verdrängt oder umgekehrt geradezu zementiert. Während heterosexuelle Männer mehr auf Knebelungen, Crossdressing und Auspeitschungen stehen, praktizieren die homosexuellen Wrestling und Analsex in Lederoutfits (vgl. NORDLING et al, 2006, S. 49). In den heterosexuellen Szenarien geht es um Demütigungen, in den homosexuellen Szenarien um Hypermännlichkeit (vgl. ebd, S. 52). „However, the gay male participants in our sample accentuate their masculinity, acting in direct opposition of the stereotype. This does not mean that the gay males in the sample are necessarily more masculine than other gay men – accentuating masculinity can be interpreted as a reaction still prevailing stereotypes. […] In light of these findings, the hyper-masculinity of gay men within the sadomasochistic subculture could be understood as a reaction against these stereotypes and a coping strategy to handle the conflict between internalized aspects of such a stereotype and anti-effeminacy attitudes held at the same time. At the same time, some gay men adopt an exaggerated feminine pose probably in an attempt to handle the same conflict by internalizing the stereotype completely and denying any anti-effeminacy attitudes. […] Likewise, the straight men who have sadomasochistic sexual interests may be escaping from the pressure of their narrow gender role demanding that they be strong, masculine, active, dominant and successful” (ebd., S. 55). SM mag die sexuelle Variation des GROSS’SCHEN Selbstvergessens sein. Man will sich von sich lösen. Man will sich selbst vergessen, sich verdrängen und überwinden. „Vielleicht ist es das heimliche Ziel des Selbst, die Spuren des Wilden überall auszulöschen, auch an sich selber, bis das abgetrennte, reine und erhabene Selbst in einer reinen, toten und völlig vorhersehbaren Welt regiert. Ein absolutes Ich versucht, das andere entweder zu vereinnahmen, zu unterwerfen und zu erniedrigen oder beiseite zu schieben und zu vernichten, auch in sich selbst. Selbstalchemie“ (GROSS, 1999, S. 210 f.).

Die SM-Sessionen, die Spiele funktionieren nur dann, wenn sie auf vorher abgesprochenen Regeln basieren. Auch hier zeigt sich das künstliche, das technische Element dieser sexuellen Welt. Es ist eine sterile Perversität, die hergestellt wird. „Diese grösstensteils verbal festgelegten Gestaltungsmecha- nismen und dieses Sich-Absprechen vor einer sexuellen Interaktion führen mit dazu, dass seine sexuelle Begegnung innerhalb der deutschen Szene als Spiel bezeichnet wird. Der Spiel-Begriff suggeriert eine Metaebene“ (ELB, 2006, S. 64). Ja, im SM-Spiel wird auf jene Gleichzeitigkeit verzichtet, die den Kern der spontanen, leidenschaftlichen Liebe ausmacht. „SM ist ein asynchrones sexuelles Verhalten – die Asynchronität wird durch Hierarchien, Gewalt oder Fetische hergestellt” (ELB, 2006, S.36, Hervorhebung JLC). Faire l’amour wird zum gegenseitigen Praktizieren, zur totalen gegenseitigen sexuellen Dienstleistung, zur gefühlslosen mechanischen Befriedigung.

Umgekehrt ist es vielleicht gerade diese künstliche, sterile, asynchrone Insze- nierung, die es den Spielern überhaupt ermöglicht, ihren Alltag zu verlassen. Die gemeinsam vereinbarten Spielregeln reduzieren die Komplexität der alltäglich erlebten Multioptionsgesellschaft. Die Spielregeln befreien von Entscheidungszwängen. „In diesem Ausleben nicht-sexueller Elemente von SM kann der Versuch gesehen werden, sich gegenüber der zivilen Alltagswelt, mit ihren regulierenden, determinierenden, einengenden und langweiligen Bedingungen eine andere – aber deswegen nicht weniger reale – aufregendere und erfüllender Welterfahrung auszusetzen, ähnlich religiösen Lebenswelten und spirituellen Erfahrungen“ (ELB, 2006, S. 66). Die Berücksichtigung der Regeln, das vollständige Sichfallenlassen in den Spielwillen des Gegenübers unterstützt im Falle des devoten Teilnehmers den Rausch, welcher durch die körperliche Stimulation ausgelöst wird. „Die physiologische Grundlage der Transformation von Schmerz (und anderen körperlichen Folgen von Stress) in körperliche Empfindungen, welche diesen Schmerz verarbeitbar machen, besteht in der Ausschüttung von körpereigenen Opiaten, vor allem sogenannten Endorphinen. Diese Endorphin-Ausschüttung kann eine rauschhafte Befindlichkeit im Gehirn, die an sich schon euphorisch erlebt wird – von SMerInnen oft als Kopforgasmus bezeichnet – erzeugen“ (ELB, 2006, S. 50). Religiöse und spirituelle Erfahrungen schaffen Identität. Und offerieren Sicherheit.

Zuletzt kehren wir innerhalb dieses spekulativen Abschnittes zur Gefahr des Narzissmus zurück. Jedes körperliche Verschmelzen mit einer anderen Person hinterlässt Spuren im Innern der Beteiligten. „Die körperliche Selbstgestaltung hinterlässt Spuren: Das Selbst und sein leiblicher Aspekt sind nicht ohne Gedanken und Geschichte. In den Prozess der Deutung der eigenen Selbstgestaltungen können diese Spuren, die sich zeigen als Einschreibungen vergangener und gegenwärtiger Selbstgestaltungen in dem Leib, miteinbezogen werden“ (SCHERGER, 2000, S. 248). Der Körper erarbeitet sich ein Gedächtnis. Er speichert Gefühle und Erinnerungen. I got you under my skin, um einmal mehr Madonna (2000) zu zitieren, die – welch Zufall – im Video zu Human Nature in Latex gekleidet, ihr Handwerk im Schwingen der Peitsche vorführt. Und wenn wir schon bei Madonna sind, dann richtig und zur Lektüre dieses Textes passend: Did I say something wrong? Oops, I didn’t know I couldn’t talk about sex. I musta been crazy. Did I stay too long? Oops, I didn’t know I couldn’t speak my mind. What was I thinking? (Madonna, 1997).

Madonna hin oder her stellt sich die Frage, inwiefern das verschmelzende Zusammenspiel im Dungeon, in der Folterkammer des 21. Jahrhunderts, dem Aufbau der Identität der Beteiligten wirklich dienlich ist. Oder ob in diesen Spielen nicht vielmehr an einer Identität gearbeitet wird, die gerade das Verschmelzen mit dem Anderen vermeidet und verhindert, weil sie auf sich selber zählt und sich im SM-Spiel zusätzlich stärken will. Wird hier nicht ein zu starker Ichbezug, ein endloses Verirren und Versteifen auf das Ich provoziert? Und doch müssen wir die Argumentation hier gerade wieder in eine andere Richtung lenken. Denn weshalb sollten die SM praktizierenden Menschen nicht alle (legalen) sexuellen Möglichen ausschöpfen, um im Wirrwarr der Optionen ihr Ich so zu stärken, damit es eben dieser Fülle der Optionen gewachsen ist. Ist SM nicht der zur Multioptionsgesellschaft perfekt passende Sex? Ich schliesse mit HOUELLEBECQ (2003), der die tragisch traurige Seite des SM brillant beobachtend festhält: „Eine Sache macht mir dabei angst, fuhr sie fort, und zwar dass es überhaupt keinen körperlichen Kontakt mehr gibt. Die Leute tragen alle Handschuhe und benutzen irgendwelche Geräte. Nie kommt die Haut des einen mit der des anderen in Berührung, sie küssen sich nicht, sie streifen sich nicht, sie streicheln sich nicht. Für mich ist es das genaue Gegenteil von Sexualität“ (S.182). Damit wäre die Argumentation wieder gedreht. Aber ein Urteil darüber zu fällen, ob SM gut oder schlecht, der Identität förderlich oder hinderlich ist, verbietet sich einem Verfechter der Pluralität sowieso. Heute gibt es nur das unsichere Ich, das zum Urteilen berechtigt ist.

Liebe als Marktversagen

Wenn Houellebecq den Einsatz von Geräten und Handschuhen während der sexuellen Vereinigung anklagt, dann beklagt er sich über die Trennung von Sex und Liebe. Ein zu Ende befreiter Sex muss aber zwingenderweise so aussehen, wie dies im SM-Abschnitt dieses Aufsatzes zu beschreiben versucht wurde. Es ist Sex, bei dem es tatsächlich nur um die sexuelle Befriedigung gehen kann. Es ist Sex, der zwecks Optimierung des sexuellen Aktes von der Liebe frei gesprochen wurde. Es ist liebloser Sex, der die Befriedigung der Lust völlig in den Vordergrund stellt. Es ist Sex zwischen Maschinen, die sich gegenseitig erleichtern. Dabei kann Liebe, die wirkliche Verschmelzung mit dem Anderen, keine Rolle spielen, denn sie würde die egoistische sexuelle Befriedigung stören. Zu Ende befreiter Sex muss egoistisch und narzisstisch sein. Er entspricht voll und ganz der gegenseitigen Dienstleistung. Einer Dienstleistung, die freilich ohne den Austausch von klassischem Geld auskommt. Einer Dienstleistung aber, die auf einem der zahlreichen um die Menschen herumgebauten sexuellen Dienstleistungsmärkten gegenseitig angepriesen, vermarktet und schliesslich getauscht wird. Angebot und Nachfrage müssen sich finden und finden sich aufgrund der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien auch immer besser. Das sexuelle Verlangen wird damit transparent. Ich weiss, dass ich mich nur vollständig sexuell befriedigen kann, wenn ich mich vollständig oute. Erst perfekte Information räumt den Markt.

Und doch gibt es neben dem Sex noch etwas anderes. Die sexuellen Märkte werden durch das menschliche Bedürfnis nach Liebe verrauscht und gestört. Der Mensch strebt nicht nur nach körperlicher Befriedigung. Er ist nicht nur Körper, sondern auch Geist. Und der Mensch strebt nicht nur nach Selbstverwirklichung. Er ist auch ein soziales Wesen. Er braucht Liebe. Zärtlichkeit. Geborgenheit. Unspektakuläre Zuwendung. Perverser Sex alleine nährt uns nicht. „Liebe […] ist der emotionale und intellektuelle Überbau, den die Kultur über die Unterschiede der Geschlechter und ihre sexuelle Wiedervereinigung errichtet hat, um dadurch dem Sex eine reiche und dehnbare Bedeutung zu verleihen, die seine Macht, Sterblichkeit in Unsterblichkeit zu verwandeln, schützt und stärkt. Liebe ist das kulturelle Abbild der Überwindung des Widerspruchs zwischen der Vergänglichkeit sexueller Körper und der Dauerhaftigkeit ihrer Reproduktion, wie sie tatsächlich im sexuellen Akt vollbracht wird“ (BAUMANN, 2002, S. 38).

Die sexuellen Märkte werden durch das menschliche Bedürfnis nach Liebe verrauscht und gestört.

Auch das Spiel mit den Gefühlen ist von soziologischen Fragestellungen durchtränkt. Liebe ist eine soziale Konstruktion. Wir haben sie selbst erfunden und verfestigen sie mit den Erzeugnissen unserer Kultur. Liebesgrüsse nicht aus Moskau, sondern aus Hollywood und Bollywood. Erlebnisberichte im samstäglichen Magazin. Videoclips und Fotoromane im BRAVO. Die Liebe ist die perfekte Reaktion der Gesellschaft auf den nimmer endenden Optionsregen der Moderne. „Die moderne Gesellschaft ist polykontextural, also nicht einheitsfähig. Das Bewusstsein in der Umwelt dieser Gesellschaft kann von dieser Form nicht unbeeinträchtigt bleiben. Unter dieser Vorraussetzung könnten evolutionäre Sozialformen begünstigt werden, in denen es um die Einheit des Bewusstseins geht, und unsere These ist zunächst die, dass eine dieser begünstigenden Sozialformen die Erfindung der modernen Liebe ist. Denn wenn etwas für diese Form bezeichnend ist […] dann genau die Idee, dass (zwei) Menschen füreinander exklusiv da sind und unter Einrechnung alles dessen, was der Andere an seiner Stelle ist. In der Liebe geht es um die EINS des Anderen, um die Komplettberücksichtigung des Anderen oder um die Komplettzugänglichkeit des Anderen (auch im Blick auf den Körper) – und zwar genau in dem Moment, in dem diese EINS, diese Komplettheit durch die Differenzierungsform der Gesellschaft ausser Kraft gesetzt wird“ (FUCHS, 2003, S. 24). Im Kontext der Komplettberücksichtigung des Anderen bleibt wenig Raum für die Befriedigung von ausgefallenen egoistischen sexuellen Bedürfnissen.

Diese egoistischen Bedürfnisse werden gerade zugunsten des geliebten Anderen zurückgestellt und zurückgebunden. Sie spielen eine untergeordnete Rolle, wenn durch Sex nicht nur mechanisch Bedürfnisse befriedigt, sondern auch Liebe gefühlt und geteilt werden soll, wenn Gleichzeitigkeit zelebriert werden soll. In einer Liebesbeziehung steht das Ausleben der sexuellen Perversionen nicht im Vordergrund. Hier geht es um das gemeinsame Verschmelzen. Um den gleichzeitigen, synchronen Orgasmus. Es geht um das gemeinsame alt – oder moderner – älter werden. Es geht um das gemeinsame Ertragen der multiplen Optionen. Es geht um die Reduktion von Komplexität. Es geht um das gemeinsame und gleichzeitige Schaffen von Identität. Selbst wenn damit die Liebe zum begehrenswerten Gut der Moderne wird, behält sie ihre mystische, heilende Wirkung. „Auch als Fetisch ist unsere Liebe lebenserhaltend. Sie ist eine erwärmende Rauschdroge in der gesellschaftlichen Kälte, die dem Leben einen Sinn zu geben vermag, die vereinsamende Distanzen und furchterregende Abstraktionen überstrahlt. Wo denn sonst könnten wir uns verstanden, geborgen und nahe fühlen, wenn nicht in unseren Liebesbeziehungen?“ (SIGUSCH, 2005a, S. 18). Die Kostbarkeit der Liebe zeigt sich daran, dass sie nur anfänglich durch die Herstellung oder Erleichterung von Kommunikation an die Märkte der Multioptionsgesellschaft gebunden ist. Je länger eine Liebe zwischen zwei Menschen andauert, desto mehr handelt es sich um ein selbstreferentielles System, welches sich allen Märkten der Multioptionsgesellschaft entzieht. „Die Liebe kann nicht hergestellt und nicht gekauft werden. Das aber ist in einer Welt des Machens und des Kaufens phantastisch“ (ebd., S. 19). Liebe kann man weder kaufen noch tauschen. Man muss an sie glauben und auf den Augenblick warten, in welchem sie uns verwandelt.

Es wäre dümmlich, in der Multioptionsgesellschaft die Optionen Liebe und Sex gegeneinander aufzuwiegen. Es scheint im Gegenteil in der späten Moderne nötig, beide Optionen in Anspruch zu nehmen, um sich selber kennenzulernen, sich weiterzuentwickeln und das Stadium der Identitätsreife zu erlangen. Liebe und Sexualität, beide unterstützen sie die Identitätsarbeit der unsicheren Menschen. In einem Falle liegt der Fokus auf der körperlichen, egoistischen Kurzfristigkeit, im anderen Falle auf einer geistigen, gemeinsam geteilten Langfristigkeit. „Ist der Liebe wie dem Sexuellen seelisch und sozial die Funktion zugewiesen, gesellschaftliche Leere zu überbrücken, Lücken aufzufüllen, Sinn vorzutäuschen, Lebendigkeit einzublasen, die Menschen überhaupt noch etwas Menschliches spüren zu lassen, so tun beide eben dies alles, das Sexuelle und die Verliebtheit eher kurz-, die Liebe eher langatmig“ (ebd., S. 18). Liebe und Sex, beide gehören sie zum modernen Menschendasein. Neu ist nur die Herausforderung, mit ihrer modernen Trennung umgehen zu können. Neu ist die Unsicherheit, die aus dem Wegfallen des animalischen Überlebenskampfs und der göttlichen Vorhersehung resultiert. Neu ist die sichere Unsicherheit. Für Dich. Und mich.

Literatur

ABELS, H. (2006). Identität. Wiesbaden: VS.

BAUMANN, Z. (2002). Über den postmodernen Gebrauch der Sexualität. In G. Schmid & B. Strauss (Hrsg.), Sexualität und Spätmoderne. Über den kul- turellen Wandel der Sexualität (S. 29–49). Giessen: Psychosozial-Verlag.

BECK, U. (1996). Die Risikogesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

BIEGER, T. (2002). Dienstleistungsmanagement. Einführung in Strategien und Prozesse bei persönlichen Dienstleistungen (3. Aufl.). Bern: Haupt.

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