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Shanghai, 2010

Auf einer Reise lernt man nicht nur die Welt, sondern auch das Ich kennen. Die Begegnung mit dem Fremden wird zur Begegnung mit dem ganz eigenen. Und ich glaube zu entdecken, dass mein Ich kein reisendes Ich ist. Es ist ein Ich, dass die Ruhe, die Nähe und das Zuhause schätzt. Mein Ich will nicht unterwegs sein, es will kein Tourist sein. Mein Ich will vertraut mit der Welt sein, in der es sich bewegt. Ich orientiere mich an der Tiefe statt an der Breite. Das Andere, das Fremde; gewiss ist es anders, aufregend und spannend. Aber mein Zuhause ist es nicht.

Zurück zur Welt. Mein zwiespältiges Wahrnehmen hat sich in Shanghai fortgesetzt. Es gab Momente, in denen mir der Atem vor Entzückung und Begeisterung gestockt hat. Es gab andere Momente, in denen ich am liebsten sofort und direkt nach Tokyo weitergeflogen wäre. Nun, kurz vor der offiziell geplanten Weiterreise, hat sich das Warnehmungs-Termometer etwas oberhalb der Mitte eingependelt. Das Programm, das die Wahrnehmung herbeigeführt hat: Nachtwandeln im Kapitalismusparadies, Wandern am Bund, Schifffahrt in der Dämmerung, Expo, Künstlerviertel M50, Hineingucken in die vom Tourismus verseuchte «Altstadt». Mein liebes Shanghai, ich habe den Fehler gemacht und mich zu oft an Deiner Oberfläche aufgehalten. Deine Oberfläche ist skandalös exzentrisch und grenzenlos luxuriös. In der Nacht funkelst und glitzerst Du, so dass ich vor Bewunderung stehen bleibe. In der Nacht öffnet sich das Tor zum grössten Disneyland für Erwachsene, das ich je gesehen habe. Die globalen Marken sind mit zu huldigenden Tempeln präsent. In den Farben des Konsums erwacht die kapitalistische Seele. Sie möchte mehr, viel mehr, mehr von allem. Auf dem Boot beruhige ich mich. Die Skyline lädt zum Verlieben ein. Man möchte wie Alice im Wunderland die Uhren für eine kurze Ewigkeit zum Stehen bringen.

Dieselbe Oberfläche ist tagsüber langweilig, wenn nicht trostlos. Ich war enttäuscht über die Fantasielosigkeit, betrübt über die Omnipräsenz der Verführungen zum Konsum. Ich war genervt ob der zahlreichen Menschen, die einem bedrängen. Sie drängen. Sie schupsen. Sie stossen. Sie hupen. Sie lassen mich nicht aussteigen. Es scheint, als hätten sie in jedem Moment Angst, nicht mehr zum Futtertrog zu kommen. Ich werde den bedrückenden Eindruck nicht los, dass die Menschen (trotz Futterneid) sehr diszipliniert und kontrolliert sind. Die Selbstkontrolle wirkt auf mich so streng, dass sie mich zu nerven beginnt. Im Flugzeug schlafen alle, niemand spricht, die Fenster werden zugeklappt, bis man den Passagieren befiehlt, sie wieder zu öffnen. Niemand reklamiert, man folgt der Befehlsausgabe kommentarlos. So äussert sich die Arroganz der Freiheit.

Das negative Empfinden kam gewiss mit einer Phase der Reisemüdigkeit zusammen. Es gipfelte in der Expo, die eine einzige Enttäuschung war. Die Sicherheitsagenten sind auch hier präsent. Auf der falschen Seite der Ausstellung angelangt, fand ich die grossen chinesischen Staatskonzerne mit ihren Pavillons aufgereiht. Die Überquerung des Flusses war zu Fuss nicht möglich, dauerte dann mit dem Bus mehr als 30 Minuten, für die Fähre hätte ich mehr als eine Stunde anstehen müssen. Auf der anderen Seite des Flusses traf ich endlich auf die Weltausstellung. Dieser Begriff ist allerdings irreführend. Die Welt ist zwar ausgestellt, als Besucher aber nicht präsent. Auf 10.000 Asiaten kommt etwa eine Vertreterin eines anderen Kontinents. Vieles ist nur in den unverständlichen Zeichen beschriftet. Für die Besichtigung des helvetischen Pavillons hätte ich über vier Stunden anstehen müssen. Nun, lassen wir die Chinesen ihr Fest feiern. Vielleicht geht es uns gar nichts an.

Dass die Expo unter dem Motto «Better City, better Life» geführt wird, fand ich in diesen Tagen mehr als einmal ironisch. Die Stadt befindet sich nahe am Kollaps. Zu Stosszeiten ist es unerträglich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Mit dem Taxi wäre es nicht viel besser, weil die Strassen vollgestopft sind. Das Klima ist unangenehm feucht und heiss. Die Sonne scheint, auch wenn der Himmel nicht blau ist. Es gibt zu viel von allem. Zu viele Menschen, zu viel Autos, zu viel Smog, zu viel Armut, zu viel Abfall. An der Expo hat man sich gar nicht erst die Mühe gemacht, mit so etwas wie Mehrweggeschirr oder so zu experimentieren.

Ach Schweiz. Wie liebe ich Deine Natürlichkeit, Deine Nachhaltigkeit und Deine Ruhe. Wie liebe ich Deine kleinen Strukturen. Wie liebe ich Deine ausgezeichneten logistischen Fähigkeiten. Du bist Dir nicht einmal bewusst, dass Du ein Weltmeister der Logistik bist. Ach Schweiz, wie liebe ich Deine Lebensqualität.

Ich habe gelernt, mich unter die Oberfläche der Stadt zu begeben. Ich habe die Hauptstrassen verlassen und bin dem Herzen der Kultur kleine Schritte entgegen gelaufen. Hier habe ich kleine Bars, kleine Läden, Strassenstände und Armut entdeckt. Unter ihrer Epidermis wird die Stadt interessanter. Ich bin nicht in das chinesische Herz vorgestossen. Dafür müsste ich länger hier sein, die Sprache sprechen, mutiger agieren. Auch zwei Schichten unter der Oberfläche, gibt es viel Bekanntes und Vertrautes. So anders als ich sie aus dem Westen kenne, sind die bisherigen Städte nicht. Das Globale ist überall global. Das Hippe ist überall hipp. Das Teure ist überall teuer. Rückblickend war Peking radikaler. Strenger und gleichzeitig bunter. Ich habe dort mehr Energie gespürt. Mehr Kraft, mehr Spannung. Kurz: Auch mehr Potenzial zur Revolution.Weiter als zwei Querstrassen weg von der Oberfläche habe ich mich nicht getraut. Man könnte beschimpft und ausgeraubt werden. Man könnte verloren gehen. Mein Ich sucht keine Abenteuer. So ist mein Ich und es ist gut so.

Ermunterndes zum Schluss. Hier gehöre ich zu den grossen Menschen. Das ist ganz angenehmen einige Tage zu erleben. Birkenstock und diese farbigen Plastik-Schuhe mit den grossen Löchern sind hier sehr angesagt. Ja, ich war sündig und habe geshoppt. Aber ich lebe noch. Ich hatte bisher keinen Durchfall und fühlte mich immer sicher in diesen Riesenstädten. In Shanghai trägt man stets einen Regenschirm. Im Normalfall gegen die Sonne und wenn es wie heute doch einmal regnet, gegen den Regen.

Mein Ich ist ein kritisches, mit der Welt und mit sich selber. Darum konnte leider nicht mehr Positives berichtet werden. Trotzdem: Die Reise füllt und erfüllt mich. Ich lerne die Welt und mich besser kennen. Nun freue ich mich auf Toyko, von dem ich so viel gutes gehört habe. Dann wird es bereits Zeit, der Welt den Rücken zu kehren und in das gemütliche Schneckenloch zurückzukehren.

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