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Seto, 2015

Und dann bin ich endlich am offenen Meer, zumindest an der Küste des Binnenmeers. Die Schritte im Sand fühlen sich befreiend an. Im Sand entdecke ich ein winziges Seeigelskelett, kindlich begebe ich mich auf die Suche nach noch mehr Resten aus dem Meer. Und vergesse mich. Keine Klicks, keine Informationen, keine Termine, keine Entscheide, fast keine Gedanken mehr.

Das Alte wird erhalten, aber neu erfunden. Ein Jeanslabel kauft Fabrikarbeitern ihre getragenen Jeans ab, das Töpferhandwerk wird wieder entdeckt

Warum ich Japan auch so mag? Wegen seiner Vielseitigkeit. Am Binnenmeer lerne ich das Land wieder von einer neuen Seite kennen. Auch hier Zersiedelung, aber man ist umzingelt von Inseln, von Inselchen. Japan ist hier wirklich Archipel. Viele von ihnen erreicht man nur per Schiff. Wie sehr ich die Wege auf dem Wasser mag. Den Kopf in den Wind halten, die Augen schliessen, mit dem blau-grauen eins werden.

Am Wasser von Otomichi ist das Leben einfacher, langsamer. Touristen gibt es nicht. Die blühenden Zeiten liegen in ferner Vergangenheit. Beim Besteigen der verrosteten Seilbahn wage ich es kaum aufzustehen und über die zahlreichen Tempeldächer zu schauen. Die Stadt spielte einst eine wichtige Rolle als Hafen, die Tempel sind den Göttern des Wassers gewidmet. Heute aber ist vom Prunk vergangener Zeiten nichts mehr übrig. Die Stadt zerfällt.

Es wird in Japan hunderte solcher eingehender Städte geben – mit Jungen, die in die Metropolen abwandern. Die Beobachtungen sind deshalb auch Einblicke in die Zukunft. Shrinking Cities. Wie sieht das Japan der Zukunft aus? Der Verfall raubt meine Sympathie und Neugierde nicht. Im Gegenteil. Ich mag die leerstehenden Fabrikhallen, die verlassenen Tempel und das Wetter der Küste, das in wenigen Minuten wechseln kann.

In gedankenversunkenen Momenten, reizt es mich auszuwandern. Ich könnte einen Tempel kaufen, ein verlassenes Schloss in eine Diskothek umwandeln.

Das einfache Leben lässt einem atmen und die Jungen, mit denen man ins Gespräch kommt, sind überaus freundlich. Sie kichern und entschuldigen sich ohne Ende, wenn ihnen ein Wort nicht einfällt. Ich glaube zu erkennen, wie ältere Japaner kritisch schauen, wenn sich junge Japaner mit mir unterhalten. Man traut ihnen noch nicht ganz, den Gaijin. Anders als in den nördlicheren Grossstädten scheinen mir die Menschen hier offener, gesprächiger, extrovertierter.

Neben dem Verfall sieht man die Keime des Neuen blühen. Phoenix steigt aus der Asche. Das Alte wird erhalten, aber neu erfunden. Ein Jeanslabel kauft Fabrikarbeitern ihre getragenen Jeans ab, das Töpferhandwerk wird wieder entdeckt. Vor einigen Wochen eröffnete einer der ersten Co-Working Spaces Japans. In einer ungebrauchten Werft wird ein Hotel einquartiert. Die Gendrification ist der einzige Weg damit die Stadt überleben kann.

Einen anderen Weg geht die Region rund um Naoshima. Hier werden die Inseln zu Museumsstädten umgebaut, mit überteuerten Hotels und Gärten voller Skulpturen. Das ist nicht ohne Reiz. Aber es fehlt hier das Leben, das ich in Onomichi kennengelernt habe. Alles ist seltsam leblos. Gelangweilte Touristen schlendern herum, bevor sie sich mit dem Flugzeug woanders hinfahren lassen.

Auch ich mache das. Ich bin traurig, Japan zu verlassen und gleichzeitig froh, mit einer letzten Destination noch etwas Neues kennenzulernen und dann gestärkt und erfrischt nach Hause zurückzukehren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ein Reisender bin, der wochenlang aus dem Koffer leben kann. Aber ich bin mir sicher, dass ich zurück nach Japan kommen werde. So viel gibt es noch zu entdecken. Noch immer kreise ich an der Oberfläche. Arigato.

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