Seoul, 2015

Im ersten Moment erschlägt es mich. Wieder ein Moloch. Wieder eine neue Zeichensprache, die man sich aneignen muss, bevor man erste Schritte im neuen Labyrinth gehen kann. Seoul. Meine ersten Eindrücke sind geprägt von meiner Liebe zu Japan. Ich lese eine neue Stadt mit der alten Optik. Jede neue Destination hätte es schwer gehabt zu bestehen. Ich vergleiche, traure dem Gewohnten nach. Wünsche mir die höflichen, lustigen, besonnenen Japaner zurück, ihre kleinen Kaffees und ihre tolle Patisserie, die ruhigen menschenverlassenen Strässchen jenseits der Achsen. Es braucht einige Tage, bis ich mich vom Vergangenen löse und mich dem Neuen hingebe. Auch hier: Lebensschule im Miniatur.

Die Unterschiede zwischen den Hipstern in Gangnam und den Omas, die auf dem Boden schmuddeliger Ubahnhöfe Gemüse rüsten, sind enorm

Ausser wenn man in der Dämmerung in die Spitzen der zauberhaften Hochhäuser mit futuristischen Silhouetten blickt, sieht man hier nicht viel schönes. Sauber ist es auch nicht, die Hintergassen Itaewons gleichen Kulissen für Kleinkriminelle. Aber man soll sich ja nicht von Äusserlichkeiten leiten lassen. Und interessant, ja interessant ist es schon. Ich wollte mir Seoul anschauen, weil man Südkorea eine hohe Digitalisierungsreife zuspricht. Die ersten Eindrücke bestätigen die These. Es gibt viele offene WIFIs, alle in der Metro haben Smartphones, man zahlt mit Kreditkarte und unterschreibt auf einem Tablet.

Doch die Unterschiede zwischen den Hipstern in Gangnam und den Omas, die auf dem Boden schmuddeliger Ubahnhöfe Gemüse rüsten, sind enorm. Den Gangnam-Style kann sich eigentlich niemand leisten und doch wirkt er verführerisch, antreibend, einend. Offensichtlich will man zur digitalen Elite gehören, aber die Versprechen werden nicht überall eingelöst. Das Internet ist zensiert, die WIFIS sind langsam, die digitale Gesellschaft umschliesst letztlich eine kaufkräftige Elite. Das spiegelt sich auch in einer Infrastruktur, die vielerorts an Grenzen stösst. Man wird sich wieder und wieder bewusst, wie reich und digitalreif die Schweiz ist.

Während meiner Ferienlektüre bin ich im NZZ-Folio auf den Schleimpilz Physarum polycephalum getossen. Er erfreut die Wissenschaft, ist er doch dem Menschen in der Planung von Verkehrsströmen überlegen. An Seouls Metronetz hätte er gar keine Freude. Das Netz reiht Linien aneinander, die parallel von links nach rechts die Stadt durchziehen. Von A nach B zu reisen ist kaum möglich, ohne mindestens zwei mal umzusteigen. Auch der Privatverkehr befindet sich nicht nur durch Smog an Grenzen. Beim Ausflug zu einer 30 Meter güldenen Buddhastatue (früh aufgestanden, 3 Stunden für einen Weg und dann war das Gold tatsächlich wegen Bauarbeiten verhüllt), bin ich im wochenendlichen Pendlerverkehr stecken geblieben. Das möchte man nicht wöchentlich erleben.

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Die Digitalisierungsreife ist sicherlich auch auf Samsung zurückzuführen, ein globaler Player im digitalen Wettrüsten. Nicht überraschend verdient sich das Unternehmen in der Rüstungsindustrie zusätzliche Erträge. Da wird einem etwas bange, wenn man sie in der Metro auf die Smartphones gaffen sieht und um die Zensur weiss. Zumal man sich im Krieg befindet. Daran lassen weder die Propaganda im Airport-Epxress (die bösen Japaner) noch die jungen Soldaten Zweifel, die man immer wieder beim Ubahnfahren trifft. Zudem ist Seoul eine Militärbasis der USA, Itaewon das Ausgangsviertel der Soldaten. Nordkorea ist nicht weit weg, und noch mehr ins Gewicht fallen als die Diktatur dürfte der Rohstoffreichtum in Kombination mit dem Ressourcenhunger des Digitalisierungstreibers Samsung (Stichwort seltene Erden).

Um ihre starke Akne zu verbergen, schminken sich auch die Männer. Gleichzeitig nutzt man die Schminke, um seinen Tein aufzuhellen.

Die Vergleiche zwischen Japan und Südkorea drängen sich schon alleine aufgrund ihrer Nachbarschaft auf. Mit dem Schnellboot sind die Länder nur zwei Stunden voneinander entfernt. Die Bevölkerungspyramiden zeigen was der Ausblick in der Ubahn erahnen lässt, es gibt hier mehr Junge. Wolframs Alpha hilft beim weiteren Vergleichen. In den Ferien hat man ja Zeit, auf die Suche nach solchen Zahlen zu gehen. Tokyo Yokohama ist der grösste Ballungsraum der Erde, Seoul Incheon der zweitgrösste. Japan ist etwas grösser als Deutschland und fast viermal grösser als Südkorea. Japan hat das 34. grösste BIP/ Einwohner, Südkorea rangiert auf Rang 45. Und und und.

Das gesellschaftliche Klima ist kompetitiver, aggressiver als in Japan. Das zeigt sich in der Kultur des Ubahnfahrens. Die Passagiere steigen gleichzeitig ein und aus, Rempeleien sind trotz Markierungen unvermeidbar. Ich geniesse die unterirdischen Fahrten als beobachtende Sozialstudie oder als Theaterbühne. Ich sehe, wie die meisten Jungen unter starken Akne-Problemen leiden (und auch meine Haut wird täglich unreiner). Vermutlich ist das auf die schlechte Ernährung zurückzuführen. Zugegeben, in Seoul war ich auch nicht sehr angestrengt in der Nahrungsmittelbeschaffung – aber während meines Aufenthalts hatte ich – unabhängig vom Menu – stets das Gefühl auf farbigem fettigen Karton ohne Nährstoffe herumzubeissen. Hochwertige Lebensmittel sind vermutlich (ähnlich wie in den USA) nur für die Elite erhältlich (in der Saftbar wurde ein halber Liter frisch gepresster Orangensaft für 17 Franken angeboten).

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Allem Meckern zum Trotz, der Aufenthalt ist durchaus reizvoll. Man kann bestens beobachten, wie die (besser gesagt unsere) (digitale) Zukunft entsteht (wobei ich mir gleichzeitig die Frage stelle, welche Zukunft Europa hervorbringt). Jedes Ubahnticket hat einen RFID-Chip, alle tragen Notstromaggreatoren für Ihre Smartphones mit sich (hängt jetzt auch an meinem Schlüsselbund), in Kleidergeschäften gibt es Bodyscanner, im Hostel setzt man auf antibaktierelle Chemikalien (vielleicht auch ein Grund der Akne?). In Unbahnhöfen experimentiert man mit intelligenten Wänden (projizierte Spiele), Strassenlaternen werden zu Informationssäulen (mit integrierten Selphie-Kameras). In Katzencafés kann man gegen Gebühr mit zwanzig Katzen (eine Art Arche Noah, von zwanzig Arten gibt es je ein Stück) Kaffee trinken (der Tierschutz wäre nicht erfreut). Auf Spielplätzen trainieren Senioren gratis ihre Muskeln (Die Gerätschaften zeigen wie im Fitnesscenter, was trainiert wird).

Sehr angesagt sind John Lennon-Brillen. Beim Beobachten steigere ich mich in einen Wahn, irgendwann sehe ich nur noch Kreisbrillen, auch solche ohne Glas. Genauso angesagt sind Parkas mit Pelzkrägen. Die besonders Hippen tragen sie in rot und mit echtem Pelz. Gesichtergaffen ist natürlich eine tolle Unterhaltung beim Ubahnfahren. Zum Hipstertum gehören Caps mit Ledervordach und latexähnliche Hosen. Um ihre starke Akne zu verbergen, schminken sich auch die Männer. Gleichzeitig nutzt man die Schminke, um seinen Tein aufzuhellen. Das wird mir erst nach ein paar Tagen bewusst. In den Unbahnhöfen weisen riesige Werbeplakate auf mögliche Schönheitsoperationen hin. In der Rubrik Style muss man schliesslich der Zunft der Friseure ein grosses Lob aussprechen. Die Frisuren in Gangnam sind wirklich erster Güte und räumen endgültig auf mit der asiatischen Pilzfrisur. Wann man einen Mundschutz trägt, dann ist dieser aus schwarzem Stoff.

Der Monat ist um. Ob die Rückreise “erst” oder “schon” passiert und ob ich mich genug erholt habe, wird sich weisen. Ich setze die Auszeit mit zwei Wochen UHU-Ferien fort. Als erstes gilt es den entlaufenen Kater wieder zu finden. Durch den Transit in Japan erlebe ich den Nozomi (schneller und mit weniger Haltestellen als die Shinkansen) und das Kapaselhotel. Das für sein Design bekannte 9 Hours Hotel (1 Stunde Einchecken, 7 Stunden schlafen, 1 Stunde Auschecken) hat einen Ableger mitten im Terminal 2 von Narita eröffnet. Beim Besteigen meiner Kapsel fühle ich mich wie in einem Raumschiff. Es müssen gegen 60 Kapseln sein, in einigen wenigen ist noch Licht. Weisse Äpfel leuchten aus dem Dunkeln. Ein seltsames Wohlbefinden stellt sich ein. Die Kapsel ist grösser als ich gedacht habe, mit Strom und Internet ausgerüstet. Man schläft massenabgefertigt und doch verleiht die Nähe zu Fremden Geborgenheit. So wird es sein, wenn wir einst die Erde verlassen oder das natürliche Ökosystem zerstört haben.

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