Selbstgespräch über das Selbstgespräch des Managers

Ursprünglich erschienen in: D. Haunreiter (Hrsg.), Kommunikation in Wirtschaft, Recht und Gesellschaft (S.113-121). Bern: Stämpfli.

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Der Titel verweist auf die Absicht. Ich will im Selbstgespräch über das Selbstgespräch sprechen. Die Kommunikation mit sich selbst ist ein Aspekt der Kommunikation, der schnell vergessen geht. Was meinst Du? Wollen wir beginnen? Ich habe nachgeschaut, der Abgabetermin ist erst im nächsten Jahr. Es bleiben einige Wochen, gar Monate, um den Text auszuarbeiten. Jetzt, wo ich ein letztes Mal die Freiheiten des Bands der Assistierenden nutzen will, um mein Selbstgespräch vor Lesern uraufzuführen. Warum nicht gerade jetzt beginnen? Gerade jetzt, am Ende dieses sonnigen klaren Herbsttages. Jetzt, an diesem Samstagnachmittag, vor dem Essen und dem Gang ins Kino. Jetzt, wo niemand stört und im Hintergrund die neue Scheibe von Stiller Haas läuft. Jetzt, Wochen später, in denen ich den Text mitten in der Nacht überarbeite. Jetzt, drei Wochen vor der Abgabe, als sich die Zeit schneller als erwartet fortbewegt hat. Jetzt muss ich beginnen und die Entwürfe zu einem Text formen. Jetzt, lese ich den Text ein letztes Mal durch. Mal schauen, wie ich auf mich werken werde. Geschossene Fotos muss man akzeptieren. Geschrieben Texte kann man korrigieren. In beiden Fällen ist man selten völlig zufrieden.

Ist das Selbstgespräch Grundlage zur Bewältigung oder Folge der Herausforderungen unserer Zeit?

Ich will die Form des Textes seinem Inhalt anpassen. Das Selbstgespräch soll im Selbstgespräch besprochen werden. Ob dies Sinn macht und Wert schafft, muss der Leser bestimmen. Ich setzte das Gespräch mit mir selber so oder so fort. Ich bin das Gespräch mit mir gewohnt. Der Selbstdialog reisst nicht ab. Vom ersten Moment des Tages bis kurz vor dem Schlaf spreche ich mit mir selber. Vielleicht setze ich sogar im Traum die Kommunikation mit meinem Selbst fort. Nicht selten bin ich in den letzten Jahren mitten in einem Selbstdialog erwacht. Er verlief im Nichts und wollte kein Ende finden. Ich habe mich in meinen Gedanken verloren. Dann erinnere ich mich an meinen Freund Prinz, der mich einst gelehrt hat, dass die Probleme des Morgens am Abend zuvor im Bett nicht gelöst werden können. Dann versuche ich weiterzuschlafen. Vorher ein Glas Milch trinkend, die weisse Blofeld-Katze zur Brust nehmend.

Tatsächlich wird der Text seine Struktur erst nach seiner Beendigung kennen. Schreiben passiert im Fluss. Das Ziel kenne ich selten. Wenn ich jetzt im Überarbeitungsmodus zum wiederholten Male am Text arbeite, bemerke ich, dass das Selbstgespräch doch eher zu einem Lehrgespräch, zu einer gewöhnlichen Skizzierung geworden ist. Man kann ein Selbstgespräch schlecht abbilden. Es verläuft wirr, an den Moment angelehnt und bricht abrupt ab. Es findet nur in der Gegenwart statt. Hier aber mischen sich die Zeitpunkte, an denen das Gespräch niedergeschrieben wurde. Es ist weniger einfach die Regeln zu brechen, als man glaubt. Noch schwieriger ist es mit den sprachlichen Normen zu brechen, die einem seit der ersten Schulstunde eingetrichtert werden. Das Selbstgespräch kennt in seiner alltäglichen Form keine Struktur. Ich spreche mit mir, ohne im Moment ein bewusstes Ziel des Gesprächs wahrzunehmen. Das Schreiben eines Textes verlangt ein Minimum an Planung. Vor Tagen habe ich vor dem Einschlafen ein Mindmap gemalt. Die dort gezeichneten Wolken bilden die Skistangen, um die der Text sich schlängeln wird. Die Fahrt führt über die Definition, den Zweck und die Formen des Selbstgesprächs zu einem Lob auf das Selbstgespräch des Managers. Vor wenigen Stunden begann die neue Weltcup-Saison und Anaconda singt, „Es isch es schöne Tag zum skifahre“.1

Der Kontext des Selbstgesprächs

Du da. Im ersten Teil des Textes hast Du eine Einführung geschrieben, die weniger das Thema als die Form einführt. Nun solltest Du den Fokus der Einführung auf den Inhalt legen. Ich will das Selbstgespräch nicht nur der Form wegen führen. Im Selbstgespräch will ich mich mit dem Selbstgespräch des Managers auseinandersetzen oder vielmehr die Bedeutung des Selbstgesprächs für den Manager begründen. Ich will vorne beginnen und dieser Notwendigkeit durch eine angedeutete Gesellschaftsdiagnose auf die Spur kommen. Für eine ausführliche Diagnose der Gesellschaft sei auf die üblichen Verdächtigen verwiesen2. Das Selbstgespräch findet grob skizziert in einem Kontext statt, in dem sich die materielle Welt in eine immaterielle Welt transformiert3. Unsere körperlichen Bedürfnisse sind weitgehend befriedigt. Wir haben genug zu essen und unser Körper wird von der Natur im Normallfall nicht mehr bedroht. Höhere Bedürfnisse rücken in den Vordergrund. Um uns zu verwirklichen und uns zu inszenieren, greifen wir nur noch bedingt auf das Materielle zurück. Das Immaterielle ist bereits vielfach in unseren Lebensräumen vorhanden. Zwar gleicht unser Wohnraum einem Spiegel unserer inneren Zustände. Wir häufen an, was uns gefällt, was zu uns passt und womit wir uns für uns und unsere Gäste inszenieren. Aber es macht nur bedingt Sinn, Möbel, Kleider und technische Geräte in hoher Kadenz zu erneuern. Irgendwann ist der Raum überfüllt oder das Konto leergeräumt. Verschwindet das Materielle, so spielt sich das Leben in unserem Kopf ab. Was wir sehen und erleben, basiert auf unseren inneren Konstruktionen4.

Identität ist die gesamte Sammlung der geführten Selbstgespräche

Unser Alltag ist geprägt von Digitalität, Anonymität, Individualisierung und Einsamkeit. Die körperliche Arbeit ist in westlichen Gesellschaften eine Seltenheit geworden. Die meisten Menschen vollbringen ihre Arbeit vor einem Bildschirm. Dieser wird immer grösser und ist immer mehr fähig, das reale Leben zu simulieren. Das erinnert mich an einen anderen Freund. Eri(ch) bereist in diesen Wochen Südamerika und erwartet in jedem Text das Wort Avatar. In diesem Falle sei nicht von Avataren im allgemeinen gesprochen, sondern vom gerade erschienenen Film vom James Cameron. Wer „Avatar“ in allen drei Dimensionen sieht, erlebt wie die Simulierung des Realen jährlich Fortschritte macht. Die Verbreitung der Bildschirme verändert die sozialen Kontakte. Die sozialen Beziehungen werden nicht unbedingt weniger. Vielleicht erhöhen sie sich durch die Möglichkeiten der sozialen Vernetzung sogar. Aber sie wandern in das Internet und erhalten durch die Virtualität einen hybriden Charakter. Mit den gleichen Menschen kommunizieren wir sowohl am Handy als auch durch das Netz und am Stammtisch am Freitagabend. Der Mensch lebt in Städten. Die Begegnungen mit unseren städtischen Mitmenschen sind anonymer, kurzweiliger, unverbindlicher und unter dem Strich unbedeutender als im Dorfleben. Wir treffen mehr Menschen, erleben aber weniger gemeinsam. Das Leben in der Grossstadt will effizient bewältigt werden. Das geht am besten, wenn man einzig auf sich selber Rücksicht nimmt. Wir verbringen immer mehr Zeit alleine. Die Anzahl der Einpersonenhaushalte nimmt ständig zu. Die Eheschliessung und die Geburt werden zugunsten des Erkunden und Erlebens von Optionen aufgeschoben. Wir leben in einer Single-Gesellschaft, in der wir auf der Suche nach Sinn, Glück und uns selber sind. Das Individuum hat sich zu individualisieren und sein Leben als Künstler zu gestalten. Erlaubt ist alles, was sinnvoll ist, all das, was zu uns passt. Individualisierung setzt Inszenierung voraus. Was nicht auffällt und sich von anderen abhebt, kann schwerlich individuell sein. Ich will nicht leugnen, dass die Suche anstrengt und erschöpft[^6]. Die Möglichkeiten das Leben zu führen sind charmant, pikant und verlockend. Aber wir bleiben in Routinen, Ängsten und Zwängen verhaftet. „D’Müglichkeite wärde immer meh, aber warum nimmt Freiheit nid zu? Gäu mir leres äuä bis zum Ändi nid, d’Ärde nie zum Paradis wird“5.

Um uns sozial zu integrieren, um Sicherheit und Identität zu erlangen, wird das Immaterielle immer wichtiger. Wir kaufen Zugang zum Internet. Wir sind mobil, mit unserem Körper und unserem Geist. Unsere technischen Geräte erlauben es uns, pausenlos Teil des Internets zu sein. Wir sind sozial vernetzt und wissen potenziell überall immer alles. Wer hat es nicht erlebt, wie ein Iphone gezückt wurde, als am Biertisch Unsicherheiten entstanden sind? Die Statussymbole verändern sich. Zur Elite gehört, wer Informationen ort- und zeitunabhängig findet und weiterverarbeitet. Kreativität wird zur ultimativen Ressource in einer immateriellen Gesellschaft. Sie ist die Grundlage für die Produktion von Aufmerksamkeit und das Schärfen des Images6. Kreativität entspringt der Auseinandersetzung mit unserer Person und unserem Alltag, in dem wir Probleme lösen und uns ständig mit neuen Situationen konfrontiert sehen. Wir treten in einen Dialog mit unserem Selbst, um Digitalität, Anonymität und die drohende Einsamkeit unserer Zeit zu überwinden. Immer wenn ich mit mir spreche, sei es laut oder leise, füge ich meiner inneren Gedankenkette ein neues Kapitel hinzu. Ich lerne mit mir und meiner Umwelt umzugehen. Kaum erstaunlich, dass die NZZ am Sonntag in ihrer heutigen Ausgabe7 schreibt, dass „laut denken hilft“. „Studenten, die beim Lösen einer Mathematikaufgabe laut denken, sind schneller und finden die richtige Lösung eher, als solche, die sich schweigend den Kopf zerbrechen. […] Die Fähigkeit zu gedanklichen Repräsentationen, die sich über Sprache oder über Zeichnungen zeige, spiele eine wichtige Rolle im mathematischen Denken“. Wohl kaum nur im Mathematischen. Das Selbstgespräch konstruiert und vollendet die inneren Welten, in denen das Leben heute stattfindet. Wir leben, um zu lernen.

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Zweck des Selbstgesprächs

Die Beschreibung von Sinn und Zweck des Selbstgesprächs will ich mit der näheren Betrachtung des Wortes beginnen. Wenn ich das Wort Selbstge- spräch in seine Teile zerlege, so finde ich auf der einen Seite das Selbst, auf der anderen Seite das Gespräch. Das Selbst ist Subjekt und Objekt, ist Adressat und Empfänger. Im Selbstgespräch führt das Selbst mit sich ein Gespräch. Das Ich spricht mit sich und steht im pausenlosen Ichdialog. Der Gesprächsfaden reisst nicht ab. Jeder Gedanke ist Teil des Gesprächs, das ich mit mir selber führe. Am Selbstgespräch nehmen viele unterschiedliche Stimmen teil. Wir alle tragen in uns verschiedene Selbst, die je nach Situation und Stimmung zu Wort kommen. Wir sind uns selten einig. Ich ist ein Plural. Unser Selbst vereint zahlreiche Möglichkeiten unseres Selbst8. Das Selbstgespräch steuert die innere Meinungsfindung.

Psychologisch betrachtet, könnte man sagen, dass das Selbstgespräch die Grundlage der Identitätsarbeit bildet. Arbeit an der Identität ist nötig, weil wir in einer reifen Multioptionsgesellschaft9 alle unsere Selbstverständlichkeiten verloren haben. Der Mensch weiss nicht, zu was er geboren wurde. Sein natürlicher Zustand reicht nicht aus, um zu überleben, geschweige denn in der immateriellen Gesellschaft erfolgreich und glücklich zu sein. Digitalisierung, Anonymisierung, Individualisierung und drohende Einsamkeit setzen eine hohe Fähigkeit zum Selbstdialog voraus. Wir sind keine Tiere, deren Instinkte alle Fragen beantworten. Das Selbst will, kann und muss so vieles sein. Es gibt niemanden, der mir sagt, wie ich zu sein habe, was ich erreichen will und wie ich den Weg zum Glück finde. Alles ist möglich. Ich muss selbst definieren, was Glück ist und wann ich glücklich bin. Identität heisst ein Rezept zu besitzen, um die Geschehnisse des Alltags nach einem persönlichen Massstab beurteilen zu können. Identität fügt die Teilaspekte meines Selbst zu einem Ganzen zusammen. Nur dass Ich weiss, wann es sich wo wie warum gefühlt hat. Identität heisst schliesslich, sich selber die Geschichte über sich zu erzählen10. Identität ist die gesamte Sammlung der geführten Selbstgespräche.

Das Selbstgespräch stellt eine permanente und selber geführte Psychotherapie dar. Ich stelle mir Fragen, um das Unbekannte verarbeiten und das Bekannte einzuordnen. Ich verbinde das Neue mit dem Bisherigen. Die Konstruktivisten nennen diese Prozesse Assimilation und Akkommodation. Das Selbstgespräch ist die kleinste Einheit der Selbstkonstruktion. Ist das Individuum nicht zur Kommunikation mit sich selber fähig, leidet seine Identität. Ich bin auf einen reibungsfreien inneren Dialog mit mir selber angewiesen. Misslingt dies, schwindet die Grenze zwischen mir und meiner Umwelt. Ich verschwinde, ich löse mich auf. Ich wandle ziellos, zu vielen Fragen ausgesetzt, verirre mich im Innern meines Selbst, zerfalle in meine Möglichkeiten. Es gelingt mir nicht, mein inneres Theater zu zähmen. Ich lasse zu viele Möglichkeiten zu, ich spiele zu viele unterschiedliche Rollen, ich bin Teil zu vieler verschiedener Systeme. Ich verzettle mich, ich lege mich niemals fest. Ich sehe im Verschiedenen das Ganze nicht. Es fehlt die Einheit, die dem Ganzen einen Sinn und ein Ziel verleihen würde.

Formen des Selbstgesprächs

Für das Führen eines Selbstgesprächs gibt es verschiedene Gründe. Vielleicht gibt es auch keinen Grund, weil das Selbstgespräch gar nie aufhört. Oder vielleicht gibt es nur einen einzigen Grund, das Herstellen von Identität. Und vielleicht sind die vielen verschiedenen Gründe eigentlich dieser einzige Grund. Trotzdem will ich versuchen, einige typische Situationen des Selbstgesprächs zu schildern. Der Dialog mit sich selbst kann helfen, sich einen Überblick über eine Situation zu verschaffen. Wenn ich im Supermarkt einkaufen gehe, dann beschreibe ich mir, was ich sehe. Da hat es Tomaten und dort Orangen. Aber ich suche biologisch angebaute Orangen. Und ich brauche noch Lauch für das Nachtessen. Das Selbstgespräch hört nicht auf. Konzentrier dich und vergiss nicht, Toilettenpapier einzupacken. Würde das Selbstgespräch abreissen, verlöre ich die Orientierung. Ich wäre vom Alltag überfordert und würde in seinen Möglichkeiten untergehen. Das Selbstgespräch hilft mir, mich zu organisieren und die Herausforderungen einer Situation zu erkennen. Ein ähnliches Selbstgespräch führe ich, wenn ich mich in einer Menschenmenge befinde. Ich werde zu meinem eigenen Reporter. Ich kommentiere die mir entgegenströmenden Menschen. Dumme Sau. Geile Sau. Arschloch. Pass doch auf. Armes Ding Du. Ich unterhalte mich und ordne das Gegenüber ein. In beiden Fällen ist das Selbstgespräch eher ein Monolog. Ich stelle mir keine Fragen, ich erkunde keine differenzierenden Meinungen in meinem Selbst.

Das Ich spricht mit sich und steht im pausenlosen Ichdialog.

In Leistungssituationen führe ich ein anderes Selbstgespräch. Ich nehme eine andere Position zu mir selber ein. Auch in dieser Situation spricht nur ein Selbst. Ich gebe mir Anweisungen, um erfolgreich zu sein. Es spricht der Ehrgeiz, die Selbstkontrolle, der Wille zur Selbstoptimierung. Ich wechsle vom „Ich“ auf das „Du“. Ich schaue dann von aussen auf mich und werde zum Selbstcoach. Besonders klar erlebe ich diese Form des Selbstgesprächs auf den Geräten des Fitnessstudios. Ich weise mich an, die Geräte richtig einzustellen. Wenn ich einen Fehler mache, tadle ich mich. Trottel. Manchmal muss ein stilles Ich mich ermahnen, nicht so böse mit mir zu sein. Das Selbstgespräch moderiert das Selbstwertgefühl. Ich ermutige mich, die Übungen noch einige Sekunden länger durchzuhalten. Ich lobe mich, wenn ich aufgrund meiner Leistung das Gewicht erhöhen darf. In der Dusche wechsle ich zurück in das ordnende Selbstgespräch. Ich analysiere, welche Aufgaben nach dem Besuch des Fitnessstudios anstehen und wie ich gedenke, sie erfolgreich zu bewältigen.

Situationen mit grosser Emotionalität stellen weitere Anforderungen an mich. Hier trete ich tatsächlich in einen Dialog mit mir. Ich versuche die verschiedenen Stimmungen in mir aufzusuchen und negative Emotionen falls nötig durch andere Stimmen und Stimmungen zu relativieren. Ich surfe durch mein Inneres. Bin ich traurig, will ich mich trösten. Ich rede mir ein, dass alles nicht so schlimm ist, dass es irgendwie weitergeht. Ich versuche mich daran zu erinnern, welche Gedanken mir in der letzten Trauer Hoffnung gespendet haben. Ich berühre mich und finde Ruhe. Meine Selbstliebe hilft mir, die Tränen zu trocknen und das Licht am Ende des Tunnels zu erreichen. Selbstliebe zelebriere ich auch in den Momenten unbeschreiblichen Glücks. Ähnlich wie der Selbsttrost ist auch die Selbstfeier ein Moment der grossen Ichintimität. Dann bin ich mir ganz nahe. Ich inszeniere mein Glück und fühle mich unbesiegbar. Ich bin selbstverliebt und geniesse den Genuss der nicht-hinterfragten Liebe. Ich kenne beide Elemente des Narzissten, das starke und das schwache Ich. Führt nicht der beschriebene Kontext unserer Zeit dazu, dass wir alle zu Narzissten werden? Dass wir immer und überall unser Ich ins Zentrum stellen. Ist das Selbstgespräch Grundlage zur Bewältigung oder Folge der Herausforderungen unserer Zeit? Haben auch die Höhlenbewohner mit sich selber gesprochen? Ich weiss es nicht. Ich bin kein Historiker. Ich führe nur ein Selbstgespräch.

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Der Auftrag an die Manager

Mit Managementtheorien kenne ich mich besser aus als mit Höhlenbewohnern. Der Manager ist die zentrale Figur der Gegenwart. Überall wird gema- nagt, weil sich unsere Systeme immer stärker ausdifferenzieren und spezialisieren. Systeme wollen zielorientiert, Prozesse effizient und ressourcenschonend gestaltet werden. Auch die Menschen spezialisieren sich. Sie erlernen Berufe und machen Studien, um eine bestimmte Aufgabe in der Gesellschaft zu übernehmen. Manager strukturieren, beobachten und beurteilen die Arbeitsteilung. Sie müssen den Überblick behalten. Weil überall und immer Manager gerufen wurden, wird ihre Verantwortung stetig grösser. Organisationen füllen ein gesellschaftliches Vakuum, weil es an Orientierung und Regeln fehlt. Innerhalb der Organisationen tragen Manager die Verantwortung, Werte gemeinsam mit den organisationalen Anspruchsgruppen zu entwickeln. Gemeinsam. Werden sie von oben herab vorgegeben, sind sie in einer individualisierten Gesellschaft von niemandem getragen und können das angesprochene Vakuum nicht füllen.

Wurden Manager früher gebraucht, um mit Knappheiten umzugehen, rückt nun immer mehr die Bewältigung von Komplexität in den Vordergrund. Die Bewältigung von Knappheit war angesagt, als die Wirtschaft primär materielle Güter produzierte, die Versorgung mit materiellen Gütern tatsächlich knapp war und die Menschen körperliche Arbeit verrichtet haben. Im Zeitalter von Internet und Globalisierung wenden wir uns im Westen mehr und mehr einer immateriellen Gesellschaft mit immateriellen Bedürfnissen und einer immateriellen Wirtschaft zu. Dies verlangt eine Neudefinition von Management11. Die Bewältigung von Komplexität wird wichtiger als die Bewältigung von Knappheit. Die Probleme des Zuviels überwiegen die Probleme des Zuwenigs. Ja, wir haben zu wenig Zeit, zu wenig Ressourcen, zu wenig Energie, zu wenig Boden, zu wenig Gerechtigkeit. Aber wir haben vor allem zu viele Bedürfnisse, zuviel Abfall, zuviel Verschwendung und zu viele Informationen.

Die Reduktion von Komplexität ist die wichtigste Aufgabe von heutigen Managern. Sie bewältigen sie durch das Schaffen von Ordnungen. Ordnung zu schaffen, kann auch als das Erzählen von Geschichten beschrieben werden. Die Manager erzählen ihren Anspruchsgruppen die Geschichten, die das Ver- halten der Organisation und ihrer Mitglieder erklären. Die Erzählungen bestehen aus Wertschöpfungsangeboten, aus Werten und Verantwortlichen. Den Kunden wird erzählt, warum die Leistungen des Unternehmens sie zu einem besseren und glücklicheren Leben befähigt und warum die Leistungen besser oder billiger als bei der Konkurrenz sind. Den Mitarbeitenden wird erzählt, warum die Mitarbeit im Unternehmen sie zu einem besseren und glücklicheren Leben befähigt und dass die Karrieremöglichkeiten hier einzigartig sind. Den Aktionären wird erklärt, warum die Investitionen in das Unternehmen sie zu einem besseren und glücklicheren Leben befähigen und dass die Renditen besser als anderswo sind. Der Gesellschaft schliesslich wird erklärt, dass die Wertschöpfung für die Gesellschaft nützlich ist und sie bei weitem eine allfällige Schadschöpfung übersteigt.

Das Selbstgespräch des Managers

Ordnung zu schaffen heisst, Möglichkeiten zur Identifikation anzubieten. Diesen Auftrag gilt es für alle Anspruchsgruppen wahrzunehmen. Als Übersetzter der Geschichtenwelten von Organisation und Anspruchsgruppen waltet der Manager. Der Aktionär weiss dann, in was er sein Geld investiert. Der Kunde weiss dann, warum er welche Produkte und Dienstleistungen kauft. Die Mitarbeiterin weiss dann, warum sie in jenem Unternehmen arbeitet. Die Handlungen der Anspruchsgruppen dienen dazu, Bedürfnisse zu befriedigen. In der Lesart des Autors können die Handlungen der Anspruchsgruppen auch so beschrieben werden, als dass sie einen Beitrag zur Identitätsarbeit leisten. Aus Sicht der zu managenden Unternehmung werden die Identifikationsmöglichkeiten durch die Marke, den Corporate Brand zusammengehalten. Die Unternehmensmarke ist der kleinste Nenner aller erzählten Geschichten.

Aber das ist hier eigentlich nicht das Thema. Ich wollte über das Selbstgespräch sprechen. Ich wollte den Text dorthin führen, wo der Manager die Arbeit des Managements ohne gefestigte Identität kaum erfolgreich bewältigen kann. Er kann viel besser mit seinen Anspruchsgruppen sprechen, wenn er auch mit sich selber sprechen kann. Die Grundlage des erfolgreichen Gesprächs ist im Selbstgespräch zu finden. Ein erfolgreicher Manager ist sich bewusst, wofür er einsteht und für wen er welche Wertschöpfung erbringen will. Dafür muss er wissen, wer er ist. Er kennt die Geschichte, die er sich über sich selbst erzählt und ist mit dieser Geschichte im Reinen. Er ist sich selbstbewusst. Er vertraut sich selber. Darüber hinaus versteht er die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Identitäten der Anspruchsgruppen und der organisationalen Identität. Er versteht es, im Wirrwarr der Informationen und Ansprüche seinen Platz zu finden.

Management beginnt beim Selbstmanagement. Selbstmanagement ist nichts anderes als der niemals abreissende Dialog mit mir selber. Management wandelt die Geschichten, die sich die Manager über sich selbst erzählen, in Geschichten für die organisationalen Anspruchsgruppen um. Es sind Geschichten, die unsere immaterielle Gesellschaft zusammenhalten. Wir brauchen sie, um nicht an der Anonymität und Einsamkeit der digitalen Gesellschaft zu ersticken. Wir brauchen sie, um uns die Geschichten über uns zu erzählen. Mit dieser Bedürftigkeit der Anspruchsgruppen sollten die Manager gewissenhaft umgehen. Die Bedürftigkeit ist auch Bequemlichkeit des Individuums, ist auch künstlich geschaffene Bedürftigkeit. Die Konstruktion eines hilflosen Individuums verdeckt, dass jedes Individuum viele Geschichten zu erzählen hat. Es lässt vergessen, dass das Individuum ein Lebewesen voller Ideen und Phantasiewelten ist. Häufig fehlt einzig das Gegenüber. In dieser immateriellen Gesellschaft sitzen wir so oft alleine vor unseren Bildschirmen und warten darauf, dass jemand unseren Selbstgesprächen zuhört.

Literaturverzeichnis

Bildnachweis

[1]unbekannt 2 3

  1. STILLER HAAS, So verdorbe, Bern, 2009. 

  2. Für einen Überblick: PONGS ARMIN, In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich, München 2004. Am meisten geprägt hat mich das Werk von Peter Gross. 

  3. Für ein aktuelle Diagnose von Gegenwart und Zukunft vgl. CACHELIN JOËL LUC/ MASS PETER, 2050 - Kompendium der Zukunft, St.Gallen, 2010 (in Erscheinung). 

  4. Vergleiche die Ausführungen der Konstruktivisten ERNST VON GLASERFELD und HEINZ VON GLASERFELD. 

  5. KUTTI MC, König für Immer, Bern 2009. 

  6. ANDERSON nennt Aufmerksamkeit und Image als Nachfolgemedien des Geldes zur Steuerung von Märkten. Vgl. CHRIS ANDERSON, Free, Campus, 2009. 

  7. NZZ am Sonntag vom 3. Januar 2010, S. 51 

  8. Für den Zusammenhang zwischen Möglichkeiten und Identität vgl. GROSS PETER, Ichjagd, Suhrkamp 1999. 

  9. GROSS PETER, Die Multioptionsgesellschaft, Suhrkamp 1994. 

  10. Exemplarisch zur Identität: Abels Heinz, Identität, Wiesbaden 2006; KEUPP HEINER, Identitätskonstruktionen, Reinbek bei Hamburg 2006. 

  11. Vgl. die Ansätze in meiner Dissertation: CACHELIN JOËL LUC, Management in der Multioptionsgesellschaft, Wiesbaden 2009. Vgl. auch die dazugehörigen Grundlagen im Werk von FREDMUND MALIK und PETER GROSS. 

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