San Fransisco, 2014

Die Metro ist so veraltet, dass sie wieder futuristisch anmutet. Mit Plakaten wird man aufgefordert Verbrechen per Smartphone direkt an die Betreiber weiterzuleiten. Ein Strassenmusik covert “Stay with me”. Die Überraschung stellt sich erst ein, als ich auf der Rolltreppe zurück ins Licht fahre. In den ersten Minuten fühle ich mich in Kuba. Hohe Palmen, Farben und Gebäude, wie man sie aus Filmen kennt. Menschen, die mitten in der Dämmerung herumlungern. Auch wenn man einige finstere Ecken umlaufen muss, der Zauber der Stadt ist in der Dämmerung am grössten. Die Hügelzüge, die Lichtreklamen der unterschiedlichsten Kulturen, die exzentrischen Passanten.

An der Rezeption thront ein übergewichtiger Schwuler, der mich fortan mit Namen ansprechen wird. Aber mir ist das zuviel Nähe, ich möchte meine Anonymität bewahren. Überhaupt verstehe ich nicht, was sie in Kaffees, Supermärkten und Läden nuscheln. Es interessiert mich auch nicht. Ich gewöhe mir an die Gespräche sofort zu unterbinden. Ebenso nervig wie das gespielte Interesse sind die übermässig kühlenden und nervig surrenden Klimaanalgen. Schliesslich verbringt man viel zu viel Zeit, wenn man durch das Schachbrett laufend an jeder Kreuzung warten muss. Ich meide die Touristen, streune durch die Strassenzüge, in denen sich die Stadt gerade am stärksten wandelt.

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Die Lebensqualität in San Francisco ist zweifelsohne sehr hoch. Das gilt nicht für alle Strassenzüge, denn das Kaputte wechselt sich mit dem Hippen rasch ab. Die Gentrifizierung ist unübersehbar. Die Lokale sind hyperspezialisiert und präsentierten sich in maximal minimiertem Design. Man spürt wie das hier alles edgy ist. Arbeit und Freizeit verschmelzen, die Startups sind nur ein Häuserblock entfernt, die neusten sozialen Netzwerk und Apps beiläufiges Tischgespräch. Dort wo es hipp ist, setzt man auf vegan, regional und nachhaltig. Durch die hohen Preise sind sie Lokale nur einer Minderheit zugänglich. Es ist dieselbe Elite, die sich auch in Tokyo oder Zürich an den sprechenden Orten wiederfindet. Man versteht sich, weil man dieselben Gewohnheiten und dieselben Marken verinnerlicht hat.

Es gibt hier für alle Platz und doch sind die Normen unübersehbar. Das männliche Schönheitsideal ist präsenter als das weibliche. Man ist weiss, trimmt die Augenbrauen, trainiert den Körper, trägt die entsprechenden Turnschuhe, tätowiert sich klein aber fein. Zu den Trainierten gesellen sich die Hippster, die je nach Quartier die Überhand nehmen. Berlin wird übertroffen, überall Bärte, karierte Hemden, Tattoos, auch auf den Armen der Frauen. Tatsächlich unverkrampfter ist der Umgang mit Homosexuellen. Niemand schaut, wenn zwei Männer durch die Strassen gehen. Der natürliche sanfte Umgang mit der queren Liebe berührt mich.

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In den Quartieren der Hippen gibt es ein ausgeprägte Kaffeekultur, wo die Menschen Schlange stehen und sich Kaffee servieren lassen, der zuvor zwanzig Minuten durch einen transparente Apparatur getröpfelt ist. Ich sitze in den Kaffee, schreibe, beobachte, geniesse die Freiheit der Terminlosigkeit. Freie WIFIS gibt es leider selten – erstaunlich für eine Region, welche die Digitalisierung wie keine andere vorantreibt. Ob die digitale Abstinenze inszeniert oder auf eine generell lausige Infrastruktur zurückzuführen ist, bleibt mir unerschlossen. Offensichtlich ist aber die Unfähigkeit der Stadt die von Silicon Valley erwirtschafteten Gewinne in die Erneuerung der Infrastruktur zu lenken.

Und schon ist es wieder heim zu fliegen. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Es mag verrückt sein so viel herumzufliegen. Es mag ebenso verrückt sein, den Planeten nicht zu entdecken, wenn man die Möglichkeit hat, dies zu tun.

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