Peking, 2010

Der zweite Bericht ist fällig. Die Hälfte der Reise ist bereits vorbei. Ich befinde mich in Peking, für eine Nacht im 18. Stock. Morgen fliege ich weiter nach Shanghai. Ob ich mich einsam fühle? Nein, die Bewegung füllt die Zeit. Und ich habe Euch.Durch das Internet bleibe ich vernetzt. Ihr seid das Netz, das mich nicht fallen lässt. Eure Anwesenheit macht mich glücklich. Eure Reaktionen und Fragen schärfen meine Wahrnehmung.

Das Programm ist rasch erzählt. Verbotene Stadt, Tiananmen Platz, Grosse Mauer, Himmelstempel Park, 798, Olympia-Gelegende. Wer sich für Details interessiert, sei auf die einschlägigen Internetseiten verwiesen. Ich werde mich in meinem Brief auf Beobachtungen und Hintergründe konzentrieren. In der Nähe der Sehenswürdigkeiten wimmelt es von Touristen, vokalem an Einheimischen. Ich bin sicher, dass die noch kleine Anzahl Touristen in den nächsten Jahren explodieren wird.

Mein Eindruck von Peking ist sehr zwiespältig. Der Eindruck passt zu den Gegensätzen, welche die Stadt prägen. Tradition / Moderne. Global / Regional. Jung / Alt. Raum / Enge. Geschlossen / Offen. Streng / Bewegt. Frei / Gebunden. Arm / Reich. Andauernd bewegt man sich zwischen den Gegensätzen. Man fällt rasch von einem Extrem in das andere. Irgendwann wünscht man sich nur noch Ruhe, die vor der Aussenwelt schützt. Je älter der Tag wird, umso weniger erträgt man die Hitze (Montag 40.3°) und die vielen Menschen.

Die Zwiespältigkeit spiegelt sich in meinem Empfinden der Globalisierung an einer anderen Ecke der Welt. Die weit zurück greifende Kultur ist unübersehbar. Wenn man durch die historischen Stätten geht, spürt man die Tradition. Es ist eine unglaublich reiche Tradition. Ich frage mich, ob ich einst als Chinese in einer dieser Bauten zu Hause war. Es fühlt sich merkwürdig wie Zuhause an. Die nicht lesbaren Schriftzeichen erinnern mich ständig, dass ich in der Ferne bin. In 798 habe ich heute so viel Kreativität wie noch nie erlebt. Hier wird verarbeitet und vorbereitet. Inspirierend, kraftvoll, begeisternd, erschlagend.

Das Bewahren der Kultur ist vielerorts leider ein Auf-Bewahren. Man sieht es sich an aber wird nicht Teil davon. Die Kultur wird wie einem Setzkasten ausgestellt. Mancherorts verstaubt sie und wird dem Zeitraffer überlassen. Wo man nicht sofort hinschauen kann, zerfällt die Infrastruktur. Andernorts wird die Tradition unkompliziert und schnell durch das Neues ersetzt, das man in der Spontanität des Augenblicks liebgewonnen hat. Vieles wird dadurch austauschbar. Auf allen Kontinenten verführen dieselben Marken und Standards. Das andere verliert sein anderes. Überall lauern einheimische und ausländische Touristen. Früher war die verbotenen Stadt von der Aussenwelt abgeschottet, für Aussenstehende abgeriegelt. Sie hatte ihren Frieden und konnte weiterleben. Ich frage mich, ob dies nicht die bessere Lösung war.

Das eine oder andere wird schliesslich liebevoll gepflegt, abgestaubt und in neuem Glanz zurück in den Setzkasten gestellt. Aber in einem Setzkasten befindet sich nur das Tote. Man bewegt sich in den Bauten wie in Museen. Nichts darf angefasst werden. Der Besuch ist streng reglementiert. Überall stehen Sicherheitsmenschen. Das Setzkasten-Dasein wird auch durch das Übernehmen von globalen Produkten und Normen gefördert. In den Kaufhäusern läuft Lady Gaga, in den Metrostationen werden Raubkopien von Modern Talking verkauft, als Klingelton erklingen die Backstreet Boys. Lonely Planet zeigt eine Starbucks-Filiale in der verbotenen Stadt (in der Realität habe ich dann allerdings keine gefunden). Wer eine Geschäftsidee rasch realisieren will, erfinde den laufend aktualisierten Reiseführer für den Ipad.

Die Globalisierung will ich dann doch nicht als Teufel abtun. Oder dann als Teufel, der naturgemäss auch das Gute mit sich bringt. Die Globalisierung scheint die Kultur zu öffnen. Das gilt insbesondere für die Jungen. Sie sind farbig, interessiert und doch zurückhaltend. Sie spielen wie bereits in NW 1 angedeutet, mit den Möglichkeiten der Popkultur. Das nächste äusserliche Statussymbol wird die Richtung und Pflege der Zähne sein. Wer eine zweite Geschäftsidee realisieren will, eröffne ein Zahnarzt-Zentrum in Peking. Die Globalisierung schafft die Gelegenheit, mit dem Anderen einfach in Kontakt zu treten. Wir werden alle Teil derselben Gemeinschaft.

Die Anderen, das Fremde, die Globalisierung scheint mir schliesslich nicht überall willkommen zu sein. Dann und wann spürt man die Abneigung gegen die westlichen Touristen. Sie findet nicht direkt statt aber man spürt sie trotzdem. Ich weiss nicht, ob unsere Nähe, unser Einmischen, unsere Gewohnheiten, unsere Oberflächlichkeit, unsere Fixierung auf das Äussere oder unser Reichtum stört. Ich versuche mich unauffällig zu benehmen.

Dass das Andere und Fremde nicht überall willkommen ist, spürt man auch im internen Umgang mit Andersartigkeit. So sind Internet-Portale, die den Meinungsaustausch fördern, nicht zugänglich. Kein Youtube. Kein Twitter. Bevor man in die Metro steigt, muss man jedes Mal seinen Rucksack durchleuchten lassen. Die Regierung hat vermutlich Angst vor Gewalt, die ein Zeichen setzen will. Die Sicherheitsmenschen sind indes freundlich und oft wenig interessiert. Für viele scheint es einfach eine Möglichkeit zu sein, Geld zu verdienen und damit am Aufstieg Chinas am Rande doch irgendwie teilzuhaben.

Falls der Brief in zu negativem Ton geraten sein sollte: Peking ist auf jeden Fall eine Reise wert. Die Stadt ist unglaublich. Riesig, voller Gegensätze, fordernd und fördernd.

Auf bald, seid umarmt

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