Oslo, 2012

Am Donnerstag um 04.00 ging es los. Narz, der Kater wusste, dass er zurückgelassen werden würde und quittierte die Rückführung in die Wohnung mit kläglichem Geheul. Waren es tatsächlich die Katzen, die den Aufbruch unnötig erschienen liessen oder war ich so sehr in die Arbeit und zukünftige Projekte verstrickt, dass mir das Loslassen dieses Mal schwerer als sonst fiel und ich nicht diese Notwendigkeit der Ferien verspürte?

Ich trank den traditionellen Espresso in der hohen Halle des Zürcher Flughafens, stieg ein, grüsste, war froh, dass ich keinen Nachbarn erhielt. Wenige Stunden später war ich in der Fremde ausgesetzt, meine Lese-, Schreib- und Erholungstage konnten beginnen. Falls ich hierher gekommen war, um im jungen Frühling ein paar günstige Ferientage zu verbringen, hatte ich offenbar etwas falsch gemacht. Der Schnee war schon hoch oben in den Lüften ein Thema, als das Flugzeug zusätzliche Schleifen drehen musste, um verspätet auf der schneegeräumten Piste landen zu können. Ebenso schnell war klar, dass die norwegischen Preise die schweizerischen überbieten sollten, spätestens beim ersten Abstecher in ein Restaurant. Ich meide die Mitte, picknicke an geraden Abenden, um am ungeraden Tag teuer, sehr teuer, im gehobenem Ambiente zu dinieren.

Trotz volkswirtschaftlicher Grundkenntnisse kann ich nur erahnen, weshalb sich die Preisniveaus von Land zu Land unterscheiden. Es muss mit dem Reichtum der Länder zusammenhängen, wobei Norwegen den seinigen, in meinem bisherigem Unwissen, zu einem wesentlichen Teil aus seinem Erdölbesitz generiert. So ein Reichtum will geteilt sein - dachte ich mir mit meinen primitiven Kenntnissen über die skandinavischen Gesellschaftsmodelle: Nachdem ich die Oper von allen Seiten besichtigt und bestiegen hatte, wollte ich mir ihr Inneres ansehen. Ich staunte, dass den Besuchern kostenlose Sandwichs angeboten wurden. Innerlich rühmte ich dieses besucherfreundliche und auf das Gemeinwohl orientierte Gesellschaftsmodell - bis ich nach der Rückkehr von der Toilette mitten in einem Kongress für islamische, immigrierte Frauen stand (farbige Kopftücher so weit das Auge reicht) und begriff, für wen die Eingeklemmten tatsächlich gedacht waren.

Ich war nur wenige Stunden in Oslo, als ich einsah, dass ich nicht ewig hier sein wollte. Zu meiner Überraschung wehrt sich mein Ich (Ich-Ich-Ich) in einer Stadt zu sein und sucht das Land, die Weite, die Ruhe. Es zieht mich nach draussen und ich verspüre den Drang vermehrt zwischen Realität und Virtualität zu unterscheiden und mich, das Leben, die Natur mit den Sinnen zu erfahren. Folgerichtig änderte ich das vorgesehene Programm und werde auf der Weiterreise einen Aufenthalt in den Bergen einbauen. Dass ich diese Ruhe suche, wurde mir heute klar, als ich über einen zugefrorenen See in mitten eines Nadelwaldes gelaufen bin. Dort gab es mit Ausnahme einiger Wanderer und Wurst brätelnden Familien mit Kleinkindern nichts, das an Zivilisation erinnerte. Die einzigen Geräusche waren das Singen des Windes und das Echo meiner Gedanken.

Das Muster, das Rätsel von Oslo zu entschlüsseln fällt mir schwer. Vielleicht ist es so schwierig, weil mich das Charisma der Stadt so an mein eigenes erinnert und ich mich gerade deshalb irgendwie fremd hier fühle. Die Stadt ist zurückhaltend, ruhig, unaufdringlich, unspektakulär. Eine grosse Gelassenheit ist spürbar, die Menschen sind introvertiert aber äusserst freundlich. Die Stadt gefällt mir im Zentrum nicht, verlässt man aber die Innenstadt, so läuft man ihrer Schönheit entgegen. In einen Park mit unzähligen Figuren, in aufgeschüttete Neoquartiere am Hafen, in pastell gehaltenene Burgois-Hütten, in Kaffees, die zum beobachten und verweilen einladen. Immer wieder zieht es mich zum Wasser, an den Hafen, dorthin, wo alles beginnt und aufhört, dorthin, wo alles möglich scheint.

Mein Schreiben ist blockiert. Ist es mein zartes, kleines Glück, das mich hemmt zu fühlen, zu spüren, nieder zu schreiben? Ist es das Durcheinander der sozialen Medien, die mich zweifeln lassen, was wem wo gesagt werden könnte, sollte, müsste und ob nicht in dieser spamvollen Zeit Schweigen und Geniessen der passendere Weg wäre. Vermutlich aber bleibt es so, dass dieses einsame Reisen erst dann seine Kraft entfaltet, wenn ich es in die Digitalität spiegeln und mit Euch teilen kann.

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