Osaka, 2012

Der Gegensatz zu den andächtigen Tempeln in Kyoto hätte nicht grösser sein können. Die Hochhäuser ragen wie Balkendiagramme eines aufregenden Datensatzes in den herbstblauen Himmel. Ihre Häufung wurde mir erst bewusst, als ich spätabends aus Langweile in die hochgelegene Hotelbar ein Bier trinken ging. Ich blickte in ein Lichtermeer und dachte mir, dass nachts fahrende Autos so etwas friedliches haben. Ein deutscher Physiker holte mich aus meinen Gedanken. Unbeholfen und kurzatmig beantwortete ich seine Fragen. In diesen Wochen bin ich mein einziger Gesprächspartner, was eine gewisse Menschenunverträglichkeit mit sich bringt. Seine Konferenzmüdigkeit oder meine Zurückhaltung ersticken die Begegnung im Keim. Rasch fühle ich mich wieder in die Stimmung versetzt, die man auch erlebt, wenn man einer im Wasser ertrinkenden Sonne zusieht.

Osaka steht für ein modernes, ein städtisches, schnelles, junges und charaktervolles Japan. Die Hipster beschränken sich nicht wie in Tokyo auf einzelne Quartiere, sondern sind überall anzutreffen. Sie tragen ihre grosse farbige Kappen stirnhoch und dazu Hochwasserhosen, die das bunte Futter ihrer Jeans zur Geltung bringen. Osaka ist eine dieser Städte, die erst erwacht, wenn es dunkel wird. Dann entfallen die Merkmale, die ihr tagsüber ein hässliches Antlitz verleihen. Die Männer lockern ihre Krawatten, die Frauen verdüstern ihre Schminke, wimmeln durch die Konsumparadiese, treffen sich in Bars, verprassen ihr letztes Geld in einer Spielhölle. Diese Stadt ist verrückt. Musik dröhnt, als wären die Einkaufsmeilen Diskotheken. Die Wege führen nach links und nach rechts, nach unten und oben. Man fühlt sich wie in einem 3D-Labyrinth, in dem der Mut, die allzu offensichtlichen Wege zu verlassen, stets belohnt wird. Besser vertraut man dem Zufall als dem Lonely Planet. Dann entdeckt man Cafés, Buchhandlungen und Strassenzüge, die zum Verweilen einladen. Drinnen wird ohne Séparées und Nichtrauchertische geraucht, was den Trouvaillen eine – bei uns vergessene – Gemütlichkeit verleiht.

Die Tage werden mit der Dauer des Reisens länger und ich erwische mich dabei, wie ich mich schwerer tue, sie mit Inhalt zu füllen. Auf den – aufgrund fehlender Sehenswürdigkeiten – länger werdenden Promenaden durch Osaka öffnen sich die Poren zum Inneren. Ich gerate in diese Trance der Gedanken, in der es nur noch Ich gibt und alles andere verblasst. Ich gebe mich hin, verarbeite gehend, schwebend Vergangenes und empfange gleichzeitig die Zukunft. Die Füsse brennen, die Umgebung löst sich in farbige Streifen auf. Um im Nichts aufzugehen, unterdrücke ich den Impuls, die Vergangenheit zu nahe an mich heranzulassen oder umgekehrt die Zukunft durch allzu konkrete To-Do-Listen vorzubereiten. Wenn ich aufwache, frage ich mich, ob ich einsam bin und warum ich so weit von Zuhause auf Spurensuche bin. Spuren zu Ideen, Impulsen, Wunden der Vergangenheit, Wege in die Zukunft. Wenn ich aufwache, dann lasse ich mich vom geheimnisvollen dieser Fremden verführen. In diesen zarten Sekunden möchte ich ihnen ganz nahe sein, sie verstehen, ihnen Fragen stellen, mit ihnen in unscheinbaren Quartierinbissen essen, in die Nacht trinken, mit ihnen einschlafen und erwachen. Es sind dehnbare Augenblicke, die ein plötzliches Ende nehmen.

Der Schinkansen hat mich, vorbei an alten Industriebauten, brennenden Reisfeldern, buchsähnlichen Teeplantagen und dunkelgrün abwartenden Hügelzügen zurück nach Tokyo gebracht. Ich sitze in einem Hotelzimmer, in dem der Platz gerade für ein Bett reicht. Neben mir stehen japanische Schokoladentörtchen, die auf französisch machen. Vor mir hat der Download von Liebesgrüsse aus Moskau begonnen. Es wird Zeit, von Japan Abschied zu nehmen. So sicher wie der Abschied ist die Gewissheit, bald wieder zu kommen. Die Faszination dieses Ortes in Worte zu fassen, fällt schwer. Ich fühle mich hier wahnsinnig wohl. Vielleicht weil die Kultur Introversion vorschreibt, vielleicht weil sie trotzdem oder gerade deshalb eine Kultur der Extreme ist. Mit gedankenschnellen Zügen. Mit stilsicheren Architekten und zeitlosen Lobbys. Mit ausdrucksstarker Mode. Mit sündhaften Süssigkeiten. Mit alltäglichen Absurditäten (Hotelkissen sind auf der einen Seite mit Federn und auf der anderen Seite mit Hirse gefüllt, in der Bäckerei packt man selber mit einer Zange die gewünschten Waren auf ein Tablett, Patisserie wird mit Eisbeuteln und Regenmäntelchen verpackt, im Supermarkt gibt es nicht nur ein Regal mit gekühlten, sondern auch ein Regel mit erhitzten Getränken).

Es gibt einen Zeit zum Gehen und eine andere Zeit zum Zurückkehren. Danke fürs Zuhören und auf bald.

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