Odessa, 2011

Vor meinen Augen beginnt es zu flimmern. Ich hab keinen Schimmer, wo ich hier bin. Ist das die Stadt aus der ich kam, ist das der Ort an den ich will oder nichts von alldem?

Kante, Im Innern der Stadt

Noch immer bin ich der Ukraine und wie in Kiev und Istanbul: Drückende, feuchte Hitze, die einem die Lust an der Leichtigkeit raubt und mich ständig ermutigt, meine nächste Reise nicht im Hochsommer anzutreten. Wieder werden die Gebäude pastell gehalten. Ich sehe viel minzgrün, viel himmelblau, orange und rosa. In der Nähe von öffentlichen Gebäude finden sich erneut Weisstannen, die Bestandteil der nationalen Identität sein müssen. Im Unterschied zu Kiev, weiss ich genau, warum ich in Odessa gelandet bin. Zum einen wollte ich ursprünglich mit dem Schiff die Region des schwarzen Meers bereisen und da bot es sich an, in der Küstenstadt Odessa halt zu machen. Zum anderen klang Odessa in meinen Ohren nach Luxus vergangener Tage, nach Geheimdiensten und Revolution, nach subversiven Treffen und konspirativen Theorien. Mein Reiseplan schien mir deshalb abgesichert, weil Kante «Im Inneren der Stadt» davon singen und auch Caribou eines seiner psychodelisch-elektrisierenden Lieder schlicht mit Odessa unterschrieb.

Wie in Istanbul streunen in allen Gassen wilde Katzen. Aber anders als dort scheinen die Katzen weniger mit der Volksliebe gesegnet zu sein. Die armen Tiere sind abgemagert und werden durchaus mit dem Fuss getreten. Unglücklicherweise tritt eine Katze selten alleine auf. In der Nähe einer ausgewachsenen Katze findet sich meist eine Herde von Jungtieren. Sie schauen den Passierenden aufmerksam zu, lassen sich aus dem Versteck locken. Aber kaum will man sie streicheln, suchen sie das Weite. Überhaupt weiss ich seit gestern nicht mehr, ob ich Katzen streichen soll. Die Katze gilt gemäss übereinstimmenden Medienberichten als Wirt der Toxoplasmose. Diese wiederum soll das Denken und Verhalten der Befallenen steuern und die Menschheit durch moralischen Zerfall und Depression in den Abgrund führen. Ich sympathisiere durchaus mit dieser Verschwörungstheorie, aber vielleicht ist sie doch nicht mehr als willkommenes Füllmaterial für das jährlich wiederkehrende Sommerloch oder eine Idee der fundamentalistischen Veganer, da behauptet wird, dass man sich die Toxoplasmose auch durch den Verzehr toten Tieres jeglicher Art einfangen kann. Mit dem Verzehr einer Katze würde man folglich das doppelte Risiko eingehen. Jedenfalls erinneren mich diese Gedanken an eine mögliche Volksinitiative. Ich denke bei jedem Flug, beziehungsweise beim Servieren des wieder und wieder Aufgewärmten hoch oben in den Lüften, dass es trotz der Sinnlosigkeit von Verboten sinnvoll wäre, den Verzehr von Fisch und Fleisch in Flugzeugen zu verbieten. Getwittert habe ich diese Idee schon, bisher hat sich leider noch kein viraler Effekt entfaltet.

Zurück zu Odessa. Was in meinen Ohren so abenteuerlich klang, entpuppte sich schnell als Zonk. Dem Zonk sah ich sehr rasch in die Augen, nämlich am Flughafen. Die alte - mit nicht mehr gebrauchten Aschenbechern in den Sitzlehnen - Aersovit hatte mich auf der holprigen Piste deponiert, als ich realisierte, dass der Flughafen von Odessa nur einer einzigen Piste und ein paar verloren wirkenden Flugzeugen Heimat bietet. Ich ahnte nichts gutes und wusste, dass ich in einem vermeintlichen touristischen Paradies gelandet war. Der Eindruck bestätigte sich, als ein vollständig in weiss gekleideter gebräunter älterer Herr mir aufdringlich seine Taxidienste anbot. Ich erkannte den Betrug aus entfernter Entfernung und versuchte ihn abzuwimmeln, in der Hoffnung schnell ein offizielles Taxi zu finden. Diese Zuversicht sollte sich rasch verflüchtigen, als im Eingangsbereich des Flughafens weit und breit kein Taxi in Sichtweite war. Ich fuchtelte absichtslos an meinem Iphone herum, um dem weissen Mann verständlich zu machen, dass ich beschäftigt sei. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, mir eine fein gedrehte Mentholzigarette anzubieten, was ich wiederum undankbar ablehnte. Ich begann mir die Frage zu stellen, was alles an mir den weissen Herrn interessierte, denn er liess keine Gelegenheit ungenutzt, mich beiläufig zu berühren. Als auch nach zwanzig Minuten kein Taxi da war und der Aufdringling immer noch um mich herumstreunte, sah ich mich gezwungen, seine Dienste nun doch in Anspruch zu nehmen. Mein verlegenes Spiel mit dem Iphone sollte sich nun rächen, da der weisse Braune jetzt wusste, dass er mir einen entsprechenden Fahrpreis in Rechnung stellen konnte. Ich fragte «How much» und er tippte 300 in seinen Knochen ein. Ich verzog das Gesicht und er sagte «Normal Price». Ich wusste, dass dies ganz und gar nicht dem normalen Marktpreis entsprach. Aber was hätte ich tun sollen, verhandeln war noch nie meine Stärke.

Es war nicht das erste Mal, dass ich auf meiner kleine Reise die globale Umverteilung unterstützt hatte. In Istanbul hatte ich mir von zwei jungen Herren erklären lassen, welches Boot ich für die Überquerung des Bosporus nehmen sollte. Auch hier roch ich den Betrug aus weiter Ferne und zu spät bemerkte ich, dass die Herren auch Schuhputzmaterial mit sich führten. Der Wortführer wollte mir glaubhaft machen, dass er Soldat sein und nicht nur sich, sondern auch ein kleines Kind ernähren müsse. Es sei deshalb nun Ehrensache, «Turkish Gentleman», dass ich mir von ihm die Schuhe putzen lasse. Die dritte Umverteilung passierte, als ich am Strand von Odessa lässig mein Poloshirt auszog, um meinen Oberkörper zu bräunen. Schliesslich sollte auch meine in der Muskelhalle in Form gebrachte Brust etwas vom Sommer abbekommen. Ich gab ein paar Minuten nicht acht und schon hatte ich mein erstes, selber gekauftes Lacoste verloren. Ich wusste, dass es sinnlos war, die wenigen hundert Meter zurückzulaufen und zu hoffen, dass ein gutmütiger Mensch das Leibchen für den Verlierenden an einem Baum oder ähnlichem bereitstellen würde. Ich ging die Meter trotzdem zurück, dachte an die verflossenen Zeiten, bemitleidete und beschimpfte mich, kam dann aber schliesslich zur Erkenntnis, dass ich den Verlust als eben solche globale Umverteilungsaktion sehen müsse. Der Finder wird bestimmt mehr Freude daran haben als ich und so hat meine Unachtsamkeit nun doch etwas Gutes.

Wie gesagt hatte ich bereits am Flughafen erkannt, dass Odessa keine Destination zum Verweilen sein würde. Der Eindruck bestätigte sich auf der Fahrt in das Stadtinnere und spätestens bei der Promenade am völlig überbevölkerten Strand. Ich war so rasch von meinem Desinteresse überzeugt, dass ich kaum im Hotel angelangt, einen neuen Flug organisiert habe. Im selben Moment beschloss ich, dass es mir gestattet sei, mich Odessa zu verweigern und auf einer Reise auch einmal «Nein» zu einem Ort zu sagen. Odessa ist langweilig, weil es zuviele Touristen hat. Man sieht viele hässliche Sonnenbrillen und viel Fleisch. Die Frauen geizen nicht mit ihren Reizen, wenn nötig, wird das Angebot auch mit einem Tanga ins Szene gesetzt. Die Männer prahlen passend dazu mit ihren enthaarten Torsi. Die Einheimischen sieht man derweil abends, wie sie in verlassenen Schulhöfen an Reck und Barren gemeinsam ihre Muskeln stählen. Odessa pflegt einen Tourismus, den ich swarovsziartig taufen möchte. Der Glanz ist übertrieben und schrecklich unecht. Luxus wird auf eine billige Art und Weise inszeniert, vom Glanz der alten Zeiten bleibt wenig übrig. Auf der Potemkischen Treppe findet der schlechte Geschmack seinen traurigen Höhepunkt. Hier gibt es, mit Aussicht auf eine schreckliche Bausünde, nicht nur kurzlebige Souvenirs aller Art zu kaufen, wie Matrosenhüte, schlecht erhaltene Kirchenbildchen oder gefälschte Sonnenbrillen aller Art. Gegen etwas Entgelt kann man sich für umgerechnete 30 Rappen auch mit einem bizarren Vertreter der Tierwelt fotografieren lassen, je nach Wahl mit einem Uhu, einem Pfahl, einem Kapuzineräffchen, einem kleingeratenen Aligator, einer Echse mit neongrünem Bauch, einem riesigen Raubvogel oder einem bemitleidenswerten Pfau, der zur Schau seines Federkleides gezwungen wird.

Das Wahrnehmen von Odessa passt so gut zur Lektüre des Marc Augé, die ich mir in meiner Verweigerung von Odessa gegönnt habe. Dieser unterscheidet in «Nicht-Orte» den Ort vom Nicht-Ort, um die übermodernen Räume zu beschreiben, die keine eigenständige Identität mehr besitzen. «Aufschlussreich an alledem ist, dass sämtliche Konsumenten von Raum in den Echos und Bildern einer Kosmologie gefangen sind, die im Unterschied zu den traditionell von den Ethnologen untersuchten Kosmologien objektiv universellen Charakter hat und zugleich ebenso vertraut wie prestigeträchtig ist. Daraus ergibt sich zweierlei: Einerseits werden diese Bilder tendenziell zu einem System; sie zeichnen eine Konsumwelt, die sich jeder Einzelne zu eigen machen kann, da er darin beständig angesprochen wird. Die Versuchung des Narzissmus ist hier umso faszinierender, als der Narzissmus die Regel zu sein scheint: es wie die anderen zu tun, um man selbst zu sein. Anderseits führt diese Kosmologie wie jede andere auch zu einem Wiedererkennen. Paradoxon des Nicht-Ortes: Der Fremde, der sich in einem Land verirrt, das er nicht kennt (der durchreisende Fremde), findet sich dort ausschliesslich in der Anonymität der Autobahnen, Tankstellen, Einkaufszentren und Hotelketten wieder. Das Tankstellenschild einer Benzinmarke ist für ihn ein beruhigendes Merkzeichen, und mit Erleichterung entdeckt er in den Regalen der Supermärkte die Toiletten- und Haushaltsartikel oder Lebensmittel multinationaler Konzerne» (S.106 f.). Leider ist Odessa nicht nur voll von Nicht-Orten, sondern selbst ein riesiger Nicht-Ort. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich trotz zumindest ambivalenten Gefühlen dem Nicht-Ort gegenüber ständig die Nähe zum Internet suche, diesem Ort, der nicht mehr Nicht-Ort sein könnte. Es könnte aber auch sein, dass ich von den Nicht-Orten angezogen, gar nie die Grenze überschritten habe, zu den Orten wo Odessa wirklich ist.

Meine Abneigung gegen den Nicht-Ort sollte sich etwas lindern, als ich mir dann doch einen Ruck gab und in den Alleen von Odessa spazieren gegangen bin. Jede Strasse ist wunderbar mit hängenden Bäumen gesäumt. Ich glaube, die meisten Bäume sind spezielle Eschen, die in diesen Tagen ihre Blütenblätter verlieren. Wenn man sich Zeit nimmt, um durch die gelbweiss übersäten Strassen zu gehen, entdeckt man die herrliche Bausubstanz von Odessa. Die Häuser zeugen nicht nur an der Fassade von stilvollen frühen Zeiten. Wenn man einen Blick hinter die offen stehenden Türen wagt, so erkennt man aufgesprungene Steinböden, Reste von Armleuchtern, abgebröckelte Malereien, modernden Stuck und mondäne Treppenhäuser. Die sich wiederholenden Strassen von Odessa führen an den Horizont, sind breit angelegt, manchmal gepflastert und plötzlich fällt es mir leicht, an Kutschen, wilde Orgien und geheime Absprachen zu denken. Einst muss dieser Ort ein wirklicher Ort gewesen sein, mit wahrem Luxus und wahrem Lebensgefühl. Aber davon ist nicht mehr viel übrig.

Es bleibt auch nicht mehr viel Zeit hier übrig. Den Besuch möchte ich nicht missen. Trotz dem Verfall der Stadt, die öffentlichen Verkehrsmitteln sind nicht viel mehr als verrostete Konservendosen mit montierten Rädern. Trotz der hässlichen Fratze des Tourismus, die dem alten Odessa den Raum zum atmen nimmt. Es war unangestrengt ohne Entdeckungszwang etwas verweilen, etwas lesen, liegen und denken zu können. Es war toll, endlich wieder einmal MTV mit ganztags laufenden Videoclips schauen zu können. Es war bestärkend, einmal Nein sagen zu dürfen. Dazu kommt, dass ich noch nie so schmackhaftes gegrilltes Gemüse gegessen habe. Nächster Halt: Tiflis.

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