Verdoppelung, Spiegelung und Hyper­subjektivität der Wirklichkeit

Liebe Gäste

In meinen Vorbereitungen weckte unser heutiges Zusammentreffen Erinnerungen an intellektuelle Kaffeekreise mit Herren unter eleganten Zylindern und Damen in engen Korsetten oder aber an ein religiös anmutendes Abendmahl, bei dem die Gastgeber Brot und Wein mit ihren Gästen teilen und ihnen Schutz, Segen und Hilfe offerieren. Es wurden aber auch Gedanken wach, an ein Hochzeitsessen, eine Diskussion vor laufenden TV-Kameras oder an eine Speed-Dating-Veranstaltung, bei der man in einer kurzen intensiven Zeit seine zukünftige Partnerin beziehungsweise seinen zukünftigen Partner finden sollte, oder dann zumindest einen One Night Stand. Wir werden sehen, welche dieser Vorstellungen am meisten zutreffen wird.

Wir sind heute Abend zusammengekommen, um einen Denkraum aufzuspannen. Wir sollen speisen und diskutieren, verweilen und denken, uns persönlich näher kommen und unsere fachlichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten kennenlernen. Ein paar einführende Worte sollen helfen, die Diskussion in Gang zu bringen und mögliche Startpunkte des Gesprächs zu entdecken. Mir ist es zugetragen worden, diesen ersten Akt unseres gemeinsamen Schauspiels als Intro aufzuführen. Ich soll Sie bei der Hand nehmen, Sie ihn den Denkraum führen und so unseren heutigen Denkraum eröffnen. Eine solche Ouverture verlangt eine Dichte der Gedanken, wie sie nur der Monolog gewährleisten kann.

Dieser Denkraum, den wir aufspannen werden, ist ein Wagnis, ein Spiel, ein Abenteuer, ein Experiment zwischen Kunst und Wissenschaft. Ich weiss nicht, mit welchen Gefühlen sie angereist sind. Ich weiss nicht, ob Sie sich freuen oder Angst vor dem Unbekannten und Unkontrollierbaren haben. Und ich weiss nicht, wie sie es mit der Kunst und der Wissenschaft halten. Aber mir fällt es schwer, Kunst und Wissenschaft zu trennen. Schaffen nicht beide Systeme imaginäre Welten? Stellen nicht beide das Existierende in Frage? Streben nicht beide nach dem Neuen, nach dem Revolutionären und nach dem Ästhetischen? Ist nicht die Kunst eine Wissenschaft und die Wissenschaft eine Kunst? Kaum erstaunlich bewegen sich meine Arbeiten zwischen diesen Grenzen und kaum erstaunlich ruft diese Gleichzeitigkeit Interesse, aber auch Irritation und Rechtfertigungszwang hervor.

Neben den eigentlichen Inhalten wird wohl auch die Form dieser Begegnung Inhalt unserer Diskussionen sein. Dabei soll es uns die Geselligkeit eines gemeinsamen Mals einfacher machen, Denknetze zu spannen, die Verbindungen zwischen unseren Heimatdisziplinen zu erkennen, in den Gesprächen über diese hinauszugehen und uns von den Engen der üblichen wissenschaftlichen Erkenntnisproduktion zu lösen. Der Nutzen, der Verwertungszweck dieses Zusammentreffens ist offen oder bleibt uns allen selbst überlassen. Vielleicht verpufft der Denkraum im Nichts und vielleicht spinnen sich daraus langfristige Denknetze. Der heutige Zweck ist die gemeinsam erlebte und von uns allen konstruierte Wirklichkeit, wobei genau diese Wirklichkeit im Zentrum des Interesses unserer Gastgeberinnen steht, oder wie sie auf unserer Einladung geschrieben haben, „das Imaginäre, das Fiktive, des Reale, des Absente und das Präsente, die Erinnerung und das Vergessene“.

Ich habe mich in den letzten beiden Jahren intensiv mit diesen Themen auseinandersetzt, im persönlichen Erleben und in der beruflich getriebenen Dokumentation meiner Gedanken. Im Vordergrund meines Interesses steht dabei die Frage, wie das Internet unsere Wirklichkeiten verändert. Ich bin ein Internet-Kid, das ständig online ist. Der erste und letzte Akt des Tages dienen dazu zu prüfen, ob sich in meinem Kommunikations- oder Informationsumfeld etwas verändert hat. Ich fahre nicht Zug, ohne dass ich nicht mit meinen I-Gerätschaften mit dem Netz verbunden wäre. Ich reise nicht, ohne dass ich nicht eine Leitung in das heimatvermittelnde Datennetz hätte. Ich treffe selten jemanden, ohne dass ich diese Person nicht vorher gegoogelt hätte.

Das Internet ist für mich nicht nur ein Medium, es ist mein zweites Zuhause. Es ist der Ort, wo ich am meisten Zeit verbringe. Meine gesamte Arbeitszeit und ein weiter Teil meiner Freizeit sind digital unterstützt, zum Teil sogar erst digital ermöglicht. In diesem zweiten Zuhause arbeite und kaufe ich ein, hier informiere und inszeniere ich mich. Hier pflege ich meine Netzwerke und sammle ich neue Ideen. Hier suche und finde ich mich. Hier verliere ich mich, und hier setze ich mein auseinandergefallenes Ich wieder zusammen. Hier erreicht die Multioptionsgesellschaft ihren Höhepunkt, die Möglichkeiten tanzen und ich in ihnen. Ich lasse mich inspirieren, ablenken, verführen. Bis das Delta zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit zu gross ist und das konstruierte Ich in sich zusammenfällt.

Die Veränderung durch das Internet nenne ich vereinfachend die Verdoppelung der Wirklichkeit. Präziser müsste man von einer eine Verdoppelung der Wirklichkeiten sprechen, da die Wirklichkeit ausserhalb des Internets aus zahlreichen Wirklichkeiten besteht und das Internet nicht nur Wirklichkeiten spiegelt sondern auch neue hervorbringt. Aber der Begriff der Verdoppelung macht deutlich, dass sich durch das Internet unsere Wirklichkeit schlagartig erweitert hat. Ich vergleich diese radikale Erweiterung manchmal auch mit der Entdeckung eines neuen Kontinents oder mit der Erfindung einer neuen Dimension.

Die Verdoppelung der Wirklichkeit passiert durch unser digitales Nutzungsverhalten, präziser durch die Kulturtechnik des Spiegelns. Dabei wird die physische Realität in eine digitale Realität übersetzt. Die Spiegelung passiert durch alle Dateien, die wir in das WWW hochladen, durch alle Homepages, alle Filme, alle Fotos, alle PDFs. Dieses Spiegeln ist doppeldeutig. Einerseits löst man etwas von sich, wenn man einen Teil seines Ichs auf dem Internet deponiert. Anderseits ist alles, was die anderen auf dem Internet deponiert haben, Grundlage, um sich selber im Fremden wieder zu erkennen und sich aus den Deponien der anderen zu formen, umzuformen. Unsere Wirklichkeiten werden für das Publikum zu Möglichkeiten. Wie eine Schlage häuten wir uns und überlassen unsere verdorbenen Häute den Besuchern unserer digitalen Räume als Material der Welt- und Selbstkonstruktion.

Durch das Spiegeln wird unsere intime Wirklichkeit, unserer Selbstreflexion öffentlich. Die digitalen Profile und mit ihnen die dahinterliegenden Datensätze werden zum politischen und ökonomischen Baumaterial. Die hinterlassenen Datensätze sind Reste unserer Wirklichkeiten, bestimmen diese aber auch immer mehr. Unternehmen berechnen, wer wir sind, was wir uns wünschen, was wir kaufen könnten und wie wir uns in Zukunft verhalten werden. Ohne dass wir es merken würden, bestimmen diese Unternehmen unsere Wirklichkeit. Sie beeinflussen, was wir im Internet finden, wenn wir etwas suchen. Sie beeinflussen, welche Bücher und Musikstücke wir basierend auf unseren bisherigen Einkäufen in Zukunft kaufen werden. Sie beeinflussen, welche Neuigkeiten wir von unseren Netzwerkbekanntschaften sehen sollen. Sie beeinflussen, für welche Arbeitgeber wir interessant sind und ab welchem Moment wir auf dem Radar der Geheimdienste auftauchen. Das Internet speichert, was wir suchen und kaufen, was wir denken und mit wem wir was tauschen. Dieser Speicher vergisst nicht und fügt sich damit nahtlos in die Wissensökonomie ein, in der das Wissen die wichtigste ökonomische Ressource und das Vergessen eine Sünde ist.

Durch die sozialen Medien hat die Intensität des Spiegelns eine neue Dimension angenommen. Nun ist es möglich geworden, jeden Gedanken in das Internet zu spiegeln und für andere sichtbar zu machen. Dadurch werden auch die Schattenseiten von Menschen, Unternehmen und Gesellschaften sichtbar. Das verdrängte, das vergessene, unterdrückte, versteckte wird zur gleichberechtigten Wirklichkeit. Die Selbstbilder von Mensch, Organisation und Gesellschaft geraten so genauso unter Druck wie ihre Selbstreflexion eine massiv erhöhte Anzahl an Systemzuständen bewältigen muss. Die Sichtbarkeit der Schatten könnte eine friedlichere Welt hervorbringen, weil Meinungsunterschiede transparent werden und so vermehrt ausdiskutiert statt mit Waffen gelöst werden. Genauso könnten die Schatten dazu führen, dass wir statt zu erfinden nur noch diskutieren, dass wir uns statt mit Visionen nur noch mit den Folgewirkungen unserer Vergangenheit beschäftigen, dass wir alle vor den Bildschirmen verenden statt mit unseren Sinnen die Welt zu entdecken.

Durch das unaufhörliche Spiegeln des Analogen in das Digitale wird die digitale Wirklichkeit komplexer und die Simulation präziser. Die Maschen des Netzes werden enger, das Digitale verführerischer, die Grenzen zwischen den Menschen und den Maschinen relativer. In dieser verführerischen, verwirrenden Fülle von Möglichkeiten und Informationen, brauchen wir Hilfsmittel, um den Möglichkeiten zu entkommen. Sonst verlieren wir uns in der Selbstreflexion, sonst erliegen wir der Manie der Selbstkultivierung, sonst ersticken wir am Zwang der Selbstoptimierung. Das gilt umso mehr, als dass die Wissensökonomie uns ständig daran erinnert, nichts zu vergessen, unser Wissen zu kultivieren und zu managen und uns durch Lektüre, Weiterbildung und Coachings weiterzuentwickeln. Diese fordernden, ewigen, panoptischen Wirklichkeiten verlassen wir durch die Dekonstruktion von Wirklichkeit. Durch die Techniken des Vergessens – die Fantasie, das Reisen, den Rausch und das Löschen – gelingt es uns, für kurze Momente aus dem Alltag, aus der Flut der Informationen, aus dem Zwang der Entscheidungen auszusteigen und dem Druck der Wissensgesellschaft etwas entgegenzusetzen.

Am Schluss enden bei mir alle Diskussionen um Wirklichkeit, Fantasie, Erinnern und Vergessen bei der Konstruktion und Dekonstruktion des Ichs. Wirklichkeiten sind Ich-Wirklichkeiten. Das Internet intensiviert die Suche nach uns selbst, weil wir zunehmend in immateriellen und individualisierten Welten leben, weil wir durch die Spiegelbilder immer wieder mit uns selbst konfrontiert sind. Die digitale Wirklichkeit, diese gigantische Simulation wird durch unser Ich auf individuelle Art und Weise ausgelöst. Wir bestimmen deren Anfang und Ende, wir wählen unsere Netzwerke, wir definieren unsere Grenzen. Das Ich regiert über die Wirklichkeiten, wehrt die Manipulationen seiner Wirklichkeiten ab, bestimmt über Ich und Nicht-Ich. Je individualisierter die Wirklichkeiten werden, desto schwieriger wird es diese mit anderen zu teilen. Wir glauben in einer Welt zu leben, die niemand anders erkennen, verstehen, nachempfinden kann. Diese Verfestigung der Selbstwirklichkeit, die ich weder loben und verurteilen möchte, relativieren wir nur dann, wenn wir uns die Zeit nehmen, um die Wirklichkeiten von anderen Menschen verstehen zu lernen. Ein Abend wie heute ist ein Anlass, um dies zu wagen und unser Schneckenhaus für einige Stunden zu verlassen.

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