Schatten im Neuland

Warum Merkels “Neuland” auf das Schattenzeitalter verweist

Schon Goethe wusste, „wo viel Licht ist, ist starker Schatten“. Wie jede technologische Neuerung, hat auch das Internet Licht und Schatten. Das Licht findet sich in Anlehnung an die Aufklärung überall dort, wo das verfügbare Wissen erweitert, verbreitet, vernetzt und einfacher zugänglich wird. Erkenntnis fliesst durch die WIFIs fast so ungehindert wie das Licht. Das begünstigt eine Erhöhung der Innovationsgeschwindigkeit, eine globale Wohlstandserhöhung und -verbreitung sowie eine Demokratisierung der Wissensproduktion. Durch die sozialen Medien ist es unglaublich einfach geworden, seine Perspektive einzubringen beziehungsweise bestehende Meinungen zu kommentieren. Durch die Co-Produktion des Wissens wird die Komplexität einer hochgradig vernetzten Welt besser abgebildet und die Vielfalt der Perspektiven sichtbar. Das aber ist Grundlage, um das Programm der Individualisierung einzulösen, nämlich situationsspezifisch und lebenslang eine selbstbestimmte und unabhängige Identität zu entwickeln.

Die Schatten der Digitalisierung finden sich dort, wo der Zugang zum Wissen eingeschränkt, dessen Vielfalt beschnitten und damit die Selbstbestimmung relativiert wird. In der Vielfalt der Perspektiven sehnt man sich nach Orientierungen, die zwischen gut und böse, richtig und falsch oder zeitgemässer ausgedrückt, zwischen in und out unterschieden. Politiker mit klaren Wertesystemen, aber noch mehr die Marken der Konzerne füllen das Orientierungsvakuum, relativieren dadurch aber die eigentlich angestrebte Selbstbestimmung. Die schleichende Fremdbestimmung spiegelt sich in der täglich erlebten Zerstreuung. Das Netz ist gefüllt mit lustigen Filmchen, pornographische Inszenierungen, unübertreffbaren Einkaufsangebote und weiterführende Informationsangeboten, die unsere Reizsucht ständig hochhalten. Im abrechenden Schattenzeitalter haben wir ständig das Gefühl, etwas verpasst zu haben und glauben nur durch Multitasking den erhöhten Anforderungen an unsere Leistungsfähigkeit gerecht zu werden.

Die Zuspielung individualisierter Konsumangebote und Informationshäppchen sorgt dafür, dass keine Irritation entsteht und man das Gefühl hat, dass ja alles in Ordnung ist. Es wird weder Kritik geübt noch nach Alternativen gesucht. Prism und Tempora mögen dem sicherheitspolitischen Data Mining dienen, wirken sich aber weit in unsere alltäglichen Gewohnheiten aus. Im Bewusstsein der ständigen Überwachung wähnt man sich in einem gigantischen Panoptikum, in dem man sich keine Kritik, keine politische Äusserung, kein übertriebenes Partybild jenseits des Mainstreams erlauben darf. Die Selbstzensur ist die eigentliche Gefahr der Überwachung. Sie verhindert nicht nur den sozialen Ungehorsam, der gesellschaftliche Systeme im Gleichgewicht hält, sondern auch soziale und ökonomische Innovation. Ganz nebenbei hat der sicherheitspolitische Diskurs zusammen mit Rabatt- und Gratisangeboten den Boden bereitet, um das verhaltensorientierte Pricing salonfähig zu machen, das letztlich die sozialen Schwächeren bestrafen wird.

Die deutsche Bundeskanzlerin brachte die Problematik der Digitalisierung unfreiwillig auf den Punkt. Während die digitale Elite längst in Neuland angekommen ist und die Zukunft unter sich aufteilt, verweilt die grosse Masse in der Schlange, die durch ein dünnes Tor in Richtung Neuland führt. Die Digitalisierung etabliert neue Zentren, die subtiler aber wirkungsvoller als die bisherigen Mächte die Fäden der Zukunft ziehen. Prism und Tempora haben einer breiten Öffentlich bekannt gemacht, wie einfach die Überwachung jedes Einzelnen geworden ist. Überraschend ist allerdings weniger die Enthüllung als vielmehr die Passivität, mit der die breite Bevölkerung auf diese Enthüllungen reagiert. Es gibt weder Empörung, noch Demonstrationen. Wer nichts verbrochen hat, der habe auch vor einer Überwachung nichts zu befürchten – so der Tenor in den durchgeführten Strassenumfragen und den Diskussionen beim Feierabendbier. Dass Sicherheit, Bequemlichkeit mit einer Einschränkung der Selbstbestimmung einhergehen, taucht als Argument selten auf.

Wir leben in einer Epoche des Übergangs, in der das Licht oder die Schatten gestärkt werden. Als Gesellschaft können wir das Gut der Freiheit oder der Sicherheit stärker gewichten und damit auch die Balance von zentralen und dezentralen Steuerungsmechanismen beeinflussen. Der digitale Raum wird von globalen Konzernen regiert. Durch die Digitalisierung bestimmen sie zunehmend die Spielregeln, Tauschgesetze und Wertesysteme des Sozialen und mischen sich ganz beiläufig in die Abwägung von Sicherheit und Freiheit ein. Nichts kann dies besser illustrieren als die anscheinend vor der Lancierung stehende Google-Brille. Diese befreit die Information zwar völlig vom Gerät und fördert dadurch die Vielfalt und Vernetzung der Perspektiven. Gleichzeitig öffnet sie neben einer neuen Dimension der Überwachung auch neue Möglichkeiten der Individualisierung der Informations- und Konsumprojektion. Enhancements, Augmented Reality und Clouds Computings stehen schliesslich auch stellvertretend für die Relativierung des Menschen.

Im Neuland ist angekommen, wer die Ambivalenz des Digitalen erfassen, deren Vorteile nutzen, deren Nachteile reflektieren und damit in Grenzen halten kann. Das impliziert ein bewusstes Entscheiden, wie man sich als Mensch, Unternehmen oder Gesellschaft zur Digitalisierung positioniert. Das Individuum entscheidet dann selber, welche Daten es zur Verfügung stellt, ob es Algorithmen beizieht und ob wie sehr es zur Maschine wird. Soll das Neuland nicht eine Insel für die Elite bleiben, sind wir als Gesellschaft aufgefordert, im Schattenzeitalter die Weichen in die Zukunft aktiv zu stellen. Sie finden sich dort, wo über die Verteilung und Vervielfachung des Wissens entschieden wird, konkret im Design unserer politischen und Bildungsinstitutionen, in den Gesetzen über das geistige Eigentum, in der Verwaltung unserer Daten und in der Auswahl der dominierenden Management- und Führungsverständnisse. In Prozess der Zivilisation des digitalen Raums braucht es eine Aufklärung, die sowohl die ökonomische als auch die digitale Selbstbestimmung stärkt.

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