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London, 2011

Es ist eine Reise in die Vergangenheit und eine Reise in die Zukunft. Als ich ein kleiner Junge war, haben wir für zwei Jahre in Bromley, einer Vorstadt von London gelebt. Meine Mutter erzählt mir, dass ich erst spät mit dem Sprechen angefangen habe. Noch heute bin ich häufig ein wenig mitteilsamer Junge, der erst im Schreiben einen sprachlichen Ausdruck entwickeln kann. In den Vorstrassen Londons fühle ich einen Rest von Vergangenheit, einen Hauch Nostalgie, ein brüchiges, vielleicht illusioniertes Stück Heimat. Jede Rückkehr nach London ist eine Rückkehr zu den Orten, wo mein Leben angefangen hat. Doch dieses vergangene Ich ist in der Konfrontation mit dem überdimensionierte Zukunfts-Ich kaum spürbar. Meine Wochen sind geprägt von der Suche nach dem richtigen Weg in das Erwachsenenalter. Die hundertfach beschriebenen Optionen sitzen mir im Nacken und verunmöglichen das schnelle Entscheiden. Die Jugend und die Ausbildung sind abgestreift, eine Neubestimmung der Lage drängt sich auf. Will ich freiwillig um meinen Weg kämpfen oder doch für ein paar Lehrjahre mehr auf der Spur der Bequemlichkeit bleiben. Was gewichte ich mehr, die Freiheit oder die Sicherheit, die Zeit oder das Geld?

Der Besuch führte mich in die endlosen Vorstädte. Dorthin, wo sich die Bachsteine stapeln und sich die Häuser zum Verwechseln ähnlich sehen. Durch die Massenabfertigung schimmert Gleichgültigkeit. Die einzelne Wahrnehmung ist völlig bedeutungslos, erst das Verweilen ordnet die Sinne und lässt in den Empfindungen einen Sinn deutlich werden. Hügelige Strässchen bremsen den Verkehr und reihen die Häuser wie Zahlenreihen auf. An diesen Rändern sind die Gebäude niedrig, die Preise moderat, die Geschwindigkeit gedrosselt, die Menschenströme gut verteilt. Die in den letzten Jahren hochgezogenen Symbole der weltumspannenden Transparenz sind einzig am Horizont sichtbar. London wird zum Quartier. Stunden später erinnere mich an einzelne Bilder, fühle mich aber nach Brüssel zurückversetzt, an Brüssel, das so viele Erinnerungen überschrieben hat. Aber ich bin in London. Aber ich habe neu angefangen. Drei Freunde, die im Unbedeutenden bedeutendes Jetzt einfangen wollen, im Nebel, in der Päripherie, im Nichts. Es ist das London, das die Touristen nicht sehen. Sie weilen gleichzeitig, in Parallelwelten zu Massen in den britischen Kaufhäusern, den königlichen Sehenswürdigkeiten, der vollgestopften Tate. Wir werden ihnen zusehen, in unseren Reisen durch die Dämmerung, in zweiten Stock der roten Doppelstöcker.

Wir wohnen in Hackney, in einem Strassenzug zwischen Hackney Down und Hackney Center. Hier fängt der Mulitkuturalismus an, der sich in Zentrum Londons so eindrücklich stauen wird. Die Menschen sind afrikanischer, indischer, türkischer Herkunft. Diese Herkünfte mischen sich mit dem Weiss des Europäers. Viele Mischlinge, wunderschöne Bastarde. Wir sind scheinbar nicht weit weg von den Unruhen, die in diesem Jahr neben London auch in Berlin, Paris, Rom und bei der Schade von Zürich stattgefunden haben. Das Rhizom der gesellschaftlichen Spannung ist in den Medien prägnanter, eindrücklicher als in diesen Strassenzügen. Wir sind zu weit von den Ghettos entfernt, die Unzufriedenheit klebt an den Debatten, nicht an den gepflegten Körpern, die wir Samstags beim Verzehr des englischen Frühstücks beobachten. Ich erlebe ein Nebeneinander, ein Miteinander, das am besten in den schönen Gesichtern zum Ausdruck kommt, die mir auf der Rolltreppe zurück aus dem Schacht entgegenkommen. Diese Schönheit reflektiert die aufgestaute Sehnsucht, die über Jahre ertragene und unerlöste Geilheit, die vielleicht zulange zelebrierte Einsamkeit. London ist nicht so übertrieben wie Berlin, die Stadt ist authentischer und dadurch härter, schmutziger, aufdringlicher. Die Stadt schmiegt sich an mich, hat den Bonus der Vertrautheit, die Vertrautheit der Heimat. Ich spüre die Erleichterung, wenn ich mich für die Momente des Fotografierens von meinen Begleitern und den Statisten lösen kann. Die Gedanken fliessen freier, ich atme Ich ein und aus. Es klickt, die Welt steht still und ich muss nicht auf sie reagieren.

Ich bin da, ich höre mich sprechen und lachen. Doch ich bin so fern. Mein Körper ist im Moment, doch die Gedanken hinken nach oder eilen voraus. Ich habe Mühe, mich auf die Gegenwart zu konzentrieren, versuche das Vorher und das Nachher zu vergessen und mich ganz dem Jetzt hinzugeben, mich selber zu vergessen, die definierten Techniken des Vergessens anzuwenden. Ich spreche durch einen Filter, fühle durch eine Hülle. Das Kopfkino ist besetzt, ich zensiere mich selbst. Ich begegne dem Tannzapfen wieder, der vor fast zwei Jahren den Anfang meiner Aufzeichnungen über das Vergessen markiert hatte. Ich sehe ihn nüchterner, gut möglich, dass ich nicht frei bin, weil ich nicht alleine bin. Ich traue meinen Empfindungen nicht, ich verzögere Entscheidungen, verdränge Empfindungen. Ich teile die Gegenwart und verliere so die Kontrolle über das Erlebte, über das erlebende Ich. Das Ich ist nicht mehr absolut, passt sich an. Ich fühle die Vertrautheit der Freundschaft und vermisse die Absolutheit der Einsamkeit. Schon wieder fahren wir im Doppelstöcker der Nacht entgegen, es würde mich nicht stören, würde diese Fahrt ein paar Stunden statt ein paar Minuten dauern. Ich bin in Bewegung, ich bin unterwegs, dazwischen, mitten im Nichts. Ein letztes Cyder, ein 3D-Abenteuer mit Tim & Struppi, das Durchschlängeln durch die vollgestopften Tubes, ein Vorzug zurück in die Vorstadt. Unruhig schlafen und dann wieder Bewegung, im Taxi quer durch London zum Flughafen. Rolltreppen, abheben und landen. Im Intercity nach Hause, zurück in die Peripherie der Schweiz. Dort wo die Zeit stillsteht.

Die Zeit schmilzt, ich schreibe diese Zeilen im frischen Lakenweiss des vertrauten Bettes. Der Moment ist vorbei und es sind die Bilder der Vergangenheit, die einzelne Erinnerungen dehnen. Ich sehe uns im Pub mit grossen Gläsern in der Hand. Beim Türken mit gemischten Vorspeisen. Auf dem Boot der Nacht und ihren Lichtern entgegen fahren. Durch die vernebelten Strassen der Vorstadt streichen. Es ist die Bewegung, welche die Erinnerungen dominiert. Manchmal bin ich mittendrin und manchmal hinke ich hinterher. Ich bin auf Kurs und muss gar nicht immer wissen, wohin die Reise hinführt.

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