Kyoto, 2012

Now you’re lost
Lost in the heat of it all
Lost in the thrill of it all

Frank Ocean, 2012

Man muss zuerst verloren gehen, um sich wieder finden zu können. Diese Kalenderweisheit geisterte mir durch den Kopf, als sich heute Nachmittag das wohlige Gefühl einstellte, dass ich mich nun in Kyoto zurechtfinde. Drei Tage ist es her, dass ich in einem U-bahnhof müde, von der spärlichen Beschriftung, veralteten Fahrscheinautomaten und hilflosen japanischen Bahnwärtern eingeschüchtert, resignierte und den Heimweg zu Fuss antrat. Es war das zweite Mal auf dieser Reise, dass die Gefahr drohte, den Boden unter den Füssen zu verlieren. Das erste Mal wankte ich bei meiner Abreise in Tokyo, als ich entdeckte, dass ich meinen Hausschlüssel in einem Flugzeug, einer Metro oder sonst wo verloren hatte. Ich sagte und sage mir: es gibt schlimmeres, das man verlieren könnte.

Von vorne. Nach dem hochgetaktetem und aus der Distanz absurd und auf Äusserlichkeiten ausgerichteten Reise- und Erlebnisprogramm der ersten Tage war es Zeit, für die Bodenständigkeit der Natur. Dachte ich mir und betrat – nach dem zwanghaft gewordenen Frühstück im immerselben Lokal – am frisch renovierten wunderschönen Hauptbahnhof einen Localtrain, der mich nach Odawara brachte. Von da aus war der Ashi-See nur eine 40-minütige Carfahrt entfernt, aber bereits während der Fahrt dämmerte mir, dass der Besuch in Hakone das Geilo dieser Reise sein würde. Der einzige Unterschied zu damals war, dass ich mich dieses Mal in den japanischen Alpen befand und hier auch die Nebensaison gut besucht ist. Allerdings strandete ich wie damals in einem touristischen Gefängnis – dem ich durch Waldspaziergänge und die Lektüre über das Unterbewusstsein versuchte zu entkommen. Mit mässigem Erfolg. Die abgestandenen Touristensouvenirs und die in Gehegen mit zwei Meter Durchmesser gelangweilten Tiere (Riesenmeersau, Hund, Pelikan, Zwergpony) machten mich traurig. Im der Wald- und Schattenseite zugewandten Hotelzimmer spürte ich, wie sehr ich mich an die Konvergenz der Medien, der Kommunikationsformen und dessen Realisierung durch das Iphone gewöhnt habe. Ohne Wifi brechen die Übertragungslinien zwischen Firefox, Facebook, Thunderbird, WhatsApp, Instagram und wie sie alle heissen, ab. Nerviger, vielleicht heilender Entzug.

Zwei Nächte später stand die Weiterreise an. Auf dem Bahnsteig realisierte ich, dass ein Shikansen ein anderes Kaliber als ein Intercity ist. Man nickt dem mit 300 Km/h passierenden Monster anerkennend zu und hofft, dass so ein Ding schon bald auch die Reisezeit zwischen St.Gallen und Zürich verringern wird. Im 3/2 gestuhlten Zug angekommen, verneigt sich der Zugchef, bevor er die Fahrscheine der Passagiere kontrolliert. All dies passiert mit viel Würde, die in der ganzen japanischen Gesellschaft eine grosse Rolle zu spielen scheint. Kein Taxichauffeur ohne Krawatte und Handschuhe, keine öffentlichen Unfreundlichkeiten, keine öffentlichen Blamagen. Der Abfall sei Privatsache, deshalb hat es im öffentlichen Raum leider kaum Entsorgungsmöglichkeiten (um zum Beispiel die überall erhaltenen Plastiksäcke und Kassenzettel zu beseitigen).

Kyoto ist asiatischer als Tokyo. Es gibt weniger Touristen und die Signaletik ist deutlich schlechter geworden. Je mehr man sich von den globalisierten i-Quartieren Tokyos entfernt, desto schlechter wird auch das Englisch der Inselbewohner. Ich werde mir bewusst, wie sehr ich Tourist bin, und wie leicht dies an meiner Hautfarbe zu erkennen ist (wobei die Japaner viel dunkler im Teint sind, als man allgemein glaubt). In Tokyo war das Reisen ein in den Tag leben, hier ist die Reise zu einem Besuchen von Sehenswürdigkeiten geworden. Auf die ungeliebten Karten konnte ich deshalb nicht mehr verzichten. Sie wurden mich noch unsympathischer, weil auf den einen Karten nichts zu erkennen ist, die anderen immer nur einen Ausschnitt der Stadt zeigen, in den dritten nicht alles relevante abgebildet wird und die nach dem Auswahlverfahren übrig gebliebene, vom Hotel offerierte Touristenkarte mit dem Verlauf der Nutzung in 12 Stücke gerissen war – die ich immer wieder, am Boden sitzend, zu einem ganzen zusammenführte.

Man ist in Japan mit den Resten einer Kultur konfrontiert, die viele Jahre älter, als diejenige Kultur ist, die wir sonst als alt bezeichnen. Kyoto ist voller Anzeichen an vergangene Zeiten. Dabei bin ich mir nicht sicher, wie authentisch ich diese Zeugen der Vergangenheit empfinde. Vieles wirkt eher wie eine Touristenfalle als ein ehrlicher Zeitzeuge. Von Kyoto – einer ehemaligen Hauptstadt – erreicht man mit dem Schnellzug (das heisst einer Metro mit weniger Haltestellen) in 50 Minuten eine weitere ehemalige Hauptstadt – Nara. Diese muss man sich an heiliges Ballenberg für Erwachsene vorstellen. In einem etwas ausgetrockneten Park sammeln sich die Schreine und Tempel so, dass man unmöglich an einem Tag alles besichtigen könnte. Zwischen den Touristen tummeln sich Rehe, welche die Kinder mit gekauften sablé-ähnlichen Buiscuits füttern und bei unbefriedigender Fütterung handgreiflich werden. Das Ballenberg entpuppte sich nach dem zweiten Tempel als nervige Geschäftemacherei. Für jeden Tempel sollte man mindestens 500Y zücken, um den Bambypark zu erreichen, geht man einer mit Jazz bespielten Touristeneinkaufsmeile entlang, in der undefinierbare japanische Süssigkeiten, Glückskatzen in allen Grössen und Farben sowie angeblich handgemachtes Porzellan angeboten werden. Ich mied die zahlreichen Tempel und vollzog so meine persönliche Rache an der überschminkten Japanerin, die am morgendlichen Flohmarkt meine Naivität sowie meine Westlichkeit ausgenutzt und mich beim Kauf von Souvenirs geschickt abgezockt hatte.

Ich bin viel gelaufen die vergangen Tage. Den Bussen misstraue ich, weil ich mich deren Routen, im Vergleich zur an die Schienen gefesselten Metro, ausgeliefert fühle. Auf den Märschen durch die Strässchen mit niedrigen Häusern, Topfpflanzengärten und Plastiksuschi repräsentierenden Menukarten, neben parallel geführten Velostreifen, vorbei an hunderten von Getränkeautomaten mit gekühlten Kaffevariationen und auf den Knien ihr Handwerk ausübenden Angestellten, habe ich die Stadt gut kennengelernt. Wieder einmal habe ich das Gefühl, dass sich die Bilder umso mehr einprägen, je intensiver das Klima ist – hier ist Spätsommer, mit gegen die 30° und erhöhter Luftfeuchtigkeit (vereinzelte Japanerinnen zeigen sich immer noch mit Sonnenschirmen). Es ist keine schöne Stadt und es werden nicht die überlaufenen Tempel oder die Strassenzüge sein, in denen man eine Geisha sehen könnte, die ich von Kyoto in Erinnerung behalten werde. Es sind die von den einheimischen besuchten Bars und Restaurants, die sich entlang des fliessenden Wasser einfinden, das sich hier und dort durch die Stadt zieht. Es sind die Gärten und Wälder, die sich zu verfärben beginnen und in zwei, drei Wochen ihren jährlichen Höhepunkt erreichen werden. Und ganz am Ende des Programms ist es doch ein Zeitzeuge, der sich für immer in mein Inneres einbrennen wird. In den sich durch einen Wald ziehenden scharlachroten Torii-Alleen des Fushimi-Inari-Schreins kann man nicht anders, als wieder zu sich zu finden.

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