Kiev, 2011

Ich lebe im Bett-Büro und höre dem empfehlenswerten Ghostpoet zu. Der Takt der Reise ist hoch und schreibt heute den zweiten Newsletter aus Kiev vor. Die Ankunft in der Ukraine verlief rasant. Die Vermieter hatten einen Transfer vom Flughafen zur Wohnung in der Innenstadt angeboten. Trotz der Verspätung meiner Aerosvit erwartete mich am Flughafen ein ins mobile Telefon sprechender Herr, mit Sonnenbrille und einem Schild mit meinem korrekt geschriebenen Namen. Der Herr sprach kein Wort, ich folgte ihm über den sonnenüberfluteten Flughafenparkplatz und war gespannt, welches Fahrzeug nun zum Einsatz kommen würde. Es war ein brauner oder grauer Irgendetwas mit zersprungener Frontscheibe. Wie sich herausstellen sollte, ist dies in Kiev aber keine Seltenheit und bietet daher kein Anlass zur Sorge. Wir fuhren über die Autobahn in die Stadt und es gab einen Dialog, der so kurz war, dass ich ihn hier wiedergeben kann. Da wir an einer Euro-2012-Baustelle vorbeifuhren, wagte ich zu fragen «Stadion?». Er nahm sich Zeit und antwortete «Terminal!». Der Dialog fand keine Fortsetzung, auch dann nicht, als der gute Herr knapp und mirakulös einem Unfall entkam, indem er zwischen zwei Autos einen Ausweg fand. Ich blieb cool, so als würde solches Autofahren zu meinem Alltag gehören. Als ich mein Appartement betrat, waren zwei weiss bekleidete Putzfrauen dabei, barfuss zu laut eingestelltem MTV Russia zu tanzen. Wieder blieb ich cool.

Irgendwie hatte ich gar keine Lust auf Kiev und es ist mir immer noch ein Rätsel, warum ich hier bin. Der Halt passte halt in die Route rund um das schwarze Meer. Aber sonst gab es eigentlich keinen mir bekannten Grund, um nach Kiev zu gehen. Man weiss, dass die Ukraine irgendwo im Osten ist und einmal zur UDSSR gehört hat. Mein Reiseführer beschreibt das Land als grösstes von Europa, wie auch als land on the edge, was wiederum Ukraine heissen soll. Aber das will ja noch nichts heissen. Ich wusste also nicht, was ich erwarten sollte und erwartete deshalb gar nichts. Ich lief, ohne anzukommen und habe mich dabei erwischt, wie ich teilnahmslos durch die Strassen gelaufen bin, wie ich beliebig und unbewusst fotografiert habe. Ich fühle mich hier weniger fremd als in Istanbul, ich gehe durch und durch als Ukrainer durch, aber ich fühle mich hier weniger wohl. Es hat gedauert, bis ich die Stadt begonnen habe zu verstehen. Ich begehre die Logik einer Stadt zu verstehen, um etwas über sie erzählen zu können. Ob andere dasselbe Muster erkennen würden, spielt in dieser Form der Wissenschaft ja keine Rolle. Es sind Beobachtungen, Eindrücke, Empfindungen.

Ich fand das subjektive passende Muster, als ich heute Nachmittag durch ein riesiges Kriegsdenkmal gelaufen bin und dabei von ukrainischer Volksmusik beschallt wurde. Kiev ist in sich gefangen. Kiev darf die Vergangenheit nicht vergessen, Kiev darf die Zukunft nicht erreichen. Kiev kann und will sich nicht entscheiden. Kiev ist dazu passend pastell gehalten, nicht ganz farbig, nicht ganz farblos, eben dazwischen. Es gibt viel Minzgrün, viel Gelb, viel Himmelblau und etwas ausgewaschenes Weinrot. Wie in Istanbul treten die Gegensätze gleichzeitig auf. Aber anders als dort, verschmelzen die Gegensätze nicht. Wenn ich die Gegensätze undifferenziert in zwei bereitgestellte Töpfe schmeissen möchte, dann wären sie mit «alter Welt» und «neuer Welt» beschriftet. In Kiev kehrt die neue Welt deutlicher und auffallender als in Istanbul zurück, vielleicht ist sie mir dort auch nicht ausgefallen, weil sie selbstverständlich da war. Mit der neuen Welt meine ich die Pop-Kultur, die wir aus unserem Alltag so gut kennen. Zuhause registrieren wir sie nicht, weil sie uns definiert, uns auszeichnet, uns vielleicht gefangen hält. Diese Pop-Kultur ist global und verteilt sich durch die mobilen Technologien schnell auf dem Globus. Sie beschreibt eine Art zu leben und eine Art zu sein. In Kiev tauchen dieselben Symbole und Codes aus, die auch bei uns das Zeitgemässe auszeichnen. Ich meine damit iPhones, WIFIs, grosse markante Brillen, an der Seite des Kopf geschorene Frisuren, armüberziehende Tätowierungen, globalgültige «Fusion»-Küche, Pop-Liedchen und Kleider in bestimmten Farben und Schnitten.

Davon abgesehen, scheint die Stadt ihr vormodernes Dasein zu geniessen. Die neue Welt ist da, aber sie bricht nicht durch. Das kann auch daran liegen, dass die neue Welt etwas ist, das sich nicht alle leisten können. Die Preise für das Alltägliche sind für unsere Preisverhältnisse unheimlich tief, Kaffee für 60 Rappen, U-bahnfahrt für 20 Rappen, am Bankomat kann man in Notenform einen umgerechneten Franken beziehen. Die markenversehenen Accessoires der neuen Welt werden im Gegensatz zum Nötigen auf ähnlichem Preisniveau wie bei uns gehalten. Zwischen alter und neuer Welt klafft ein tiefer Graben. Die Touristen, die Reisenden und immer auch Botschaftenden der neuen Welt sind nur bei jenen gerne gesehen, die selbst zur neuen Welt gehören oder zumindest von ihr gehört haben. Im Regelfall gibt man sich systematisch Mühe, touristisch relevante Information nur kyrillisch anzuschreiben. Ich bin dankbar ob meiner übrig gebliebenen Kenntnisse und doch ist das Fahren mit der U-Bahn ein abenteuerliches Unterfangen. Die Bahnhöfe sind veraltete, zum Teil wunderschöne Labyrinthe, die in ihrem Stil für mich das Sowjetische perfekt repräsentieren. Es dauerte lange, bis ich wusste, in welchem Schacht ein Zug fahrt, zu welcher Linie der Zug gehört und in welche Richtung ich fahren muss. Es gehört auch durchaus zum Besuch in Kiev, dass man sich von älteren Damen, die im sogenannten Dienstleistungssektor tätig sind, deftig runterputzen lässt. Das ist mir passiert, als ich nicht begriffen haben, wie der Funiculaire zu bezahlen ist. Das ist mir passiert, als ich kein Kleingeld hatte. Das ist mir passiert, als ich nach erfolgter Bezahlung anstatt ein paar Papierlein, die ganze WC-Rolle mit ins Toilettenhäuschen nahm. Ich tat jeweils so, als wäre nichts und sowieso I only speak English.

Kiev ist eine ungepflegte Schönheit, wobei das Understatement beziehungsweise das Fernhalten von Touristen die Schönheit positiv beeinflusst. Es gibt zahlreiche wunderschöne Bauten und erstaunlich wenige Bausünden. Viele Strassenzüge erinnern mich an Berlin. Aber vieles ist ungepflegt und wirkt an der Fassade langweilig. Die wahre Schönheit von Kiev liegt in den Hinterhöfen der Hinterhöfe. Betritt man einen Hinterhof und wagt man sich durch die verbindenden Tore in einen weiteren Hinterhof, dann tritt das Leben auf. Man entdeckt frische Farben und sieht pittoreske Gärten, von Schweiss dampfende Werkstätten und Angestellte in der Zigarettenpause. Ich schaue Ihnen in die Augen, spüre wenig Reaktion und frage mich, ob nicht nur die Stadt, sondern auch ihre Menschen zwischen den Zeiten gefangen sind. Das zweite Merkmal der Schönheit dieser Stadt sind die zahlreichen Kirchen. Ich habe noch nie in meinem Leben so schöne Kirchen gesehen. Die Euro 2012 kommt gelegen, um die Bauten in- und auswendig auf Hochglanz zu polieren. Leider erhielt ich deswegen auch nicht überall Zutritt. Die Gotteshäuser sind voller Bilder, voller Abbilder des Höheren und Heiligen. Die Inneren sind Kunstwerke, die zahlreiche Geschichten der Menschheit erzählen, Geschichten von Bewunderung und Hoffnung, von Wissen und Aufbruch, von Streit und Rückschritt, von Leid und Krieg.

Bei der Betrachtung all dieser farbenfrohen Portraits mit güldenem Heiligenschein geht mir durch den Kopf, dass in der Bibel steht, dass man sich kein Bildnis machen soll. In diesen Tempeln wird nicht Gott, sondern den Heiligen gehuldigt. Vor jedem Kasten, vor jedem Bild bekreuzen sich die Besuchenden, nicht ohne, wann immer möglich ihre Heiligen zu küssen. Kiev ist so voll des Heiligen, dass ich nicht darum komme, es kritisch zu hinterfragen. Die Moscheen hatten sich durch ihre Bescheidenheit ausgezeichnet, hier erlebe ich das Gegenteil. Alles ist voller Gold. Das ist durchaus und auch immer wieder schön anzusehen, aber es weckt auch Gedanken an Verschwendung, Protz und Machtmissbrauch. Kaum erstaunlich wird man in den Kirchen vergleichsweise gehörig zur Kasse gebeten. Fotografieren kostet umgerechnet fünf Franken extra, was im Vergleich zum Kaffee doch einiges ist. In jeder Kirche gibt es einen Fanshop. Dort geht man vorbei, um von allen Heiligen Abbilder zu sammeln. Diese miniaturisierten Ikonen gefallen mir sehr gut und deswegen habe ich mich gerne an dieser retrospektiven oder doch futuristischen Panini-Aktion beteiligt. Es ist typisch für mich, dass ich dazu noch so einen Heiligenkoffer gekauft habe, der schwerer als mein Laptop ist und den ich nun bis zum Ende der Reise mitschleppen darf. Ich kann nur hoffen, dass mein Tauschgut in die Rennovation der Kirchen und nicht in die Boni der Mächtigen investiert wird.

Trotz dieser kritischen Rezeption des Heiligen sind Kievs Kirchen unbedingt einen Besuch wert und in diesen farbenfrohen Hallen steht man nicht nur mit kritischen sondern auch mit ehrfürchtigen Gefühlen da. Man besinnt sich, wie unbedeutend ein einzelnes Leben doch ist und dass die Zeit vorbei zieht, unabhängig vom eigenen Schicksal. Es haben sich böse Gedanken in meine Reise eingeschlichen. Vielleicht, weil die feuchte Hitze mich überfordert. Vielleicht weil die Reise pausenlos ist. Vielleicht, weil die ungewisse Zukunft der Selbständigkeit mit grossen Schritten naht. Aber ich wollte alleine sein, ich geniesse die Gedankenreise, die Auseinandersetzung mit mir. Es überrascht mich nicht, dass mich gestern Abend eine Binsenwahrheit aufgeschreckt hat. Sie hat mich in einem zerbrechlichen Moment erreicht, als ich mir per iTunes einen billigen Film ansah. «Sie nutzen zu viel Kraft, um sich von ihrer Umwelt abzuschotten. Es ist aufregend, wenn sie einen schwachen Moment haben und sie sich nicht entziehen können». Zwecks Linientreue oder zum Trotz werde ich nicht auf das Bootfahrt- und Tanzangebot von Ira eingehen, der jungen Kellnerin aus dem Restaurant. Auch ich bin in mir gefangen. IchIch. Da ist sie wieder, die Reise auf der Reise, die eigentliche Reise, die Reise ins Innere beim Bereisen des Äusseren. Wer bin ich und was heisst es, Ferien zu machen? Wer will ich sein und werde ich sein? Ich lerne, ich lerne kennen. Ich geniesse dieses Form des Reisens und freue mich auf die übrigbleibenden Stationen dieses Jahrgangs.

Nach zweieinhalb Tagen in Kiev ist es bereits Zeit, um auf Wiedersehen zu sagen. Ich bleibe der Ukraine vorerst treu und werde nach Odessa fliegen. Der Abschied kommt im Moment, in dem ich das Gefühl habe, die Stadt subjektiv begriffen zu haben. Der Zeitpunkt zum Weiterreisen ist deshalb nicht falsch. Neben den Kirchen bleibt mir das Wasser in Erinnerung, das aus den Klima-Anlagen von den Häusern tropft. Oder die riesigen Frauen, die stolz durch die Gassen marschieren. Oder die ausgewählten slawischen Schönheiten, die der Welt stolz zeigen, was sie zu bieten haben. Oder die vielen plötzlich auftauchenden Weisstannen. Oder die Crevetten in der kalten Avocado-Suppe. Oder der Geruch nach billigem Alkoholgenuss. Oder die vielen Unterführungen mit ihren unterirdischen unschönen Schoppingcentern und ihren frühlingshaft riechenden Blumenständen. Ich würde so gerne Blumen kaufen und sie verschenken. Aber da gibt es niemanden, dem ich sie schenken könnte.

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