Kaukasus, 2011

Ich bin am Ende der Welt angelangt. Wo, wenn nicht hier sollte ich an meine Grenzen stossen und auf mein Ich treffen?

Die materielle Zivilisation beschränkt sich auf das Nötigste. Statt Menschen oder Maschinen schauen stumme Berge in mein Innerstes. Ich lebe in einem Bergdorf im Nirgendwo des Kaukasus. Die Natur ist wild, die Menschen sind urtümlich. Sie leben nicht viel anders als ihre Vorfahren vor geschätzten hunderten von Jahren, im Unterschied gibt es heute Wasser, Strom und Mobilfunk. Das Essen wiederholt sich, ist frisch und ehrlich: Brot, Eier, Gurken, Zwiebeln, Peperoni, Tomaten (die viel besser als unsere unreifen Dinger schmecken), Pfannkuchen, Melonen und vielleicht etwas Fleisch, das möglicherweise am Vortag noch lebendig den Garten besorgte. Als Besucher teile ich in diesen Tagen die Aufmerksamkeit mit der Gemeinschaft, meine Gastfamilie ist für die Durchführung des drei-tätigen Opferfestes zuständig. Das Dorf befindet sich im Ausnahmezustand, aber die georgische Gastfreundschaft ist so ausgeprägt wie im Tal. Der bezahlende Gast ist nicht Kunde, er ist ein Freund. Der Gast soll sich wohl fühlen, der Gast soll ein Teil der Gemeinschaft werden, mit dem Gast wird alles geteilt. Sie sagen lächelnd, dass die Georgier den Fremden als Freund empfangen, die Schweizer ihm im Gegensatz die Türe vor den Augen zuschlagen.

Trotzdem: Mein Idealbild von Georgien erhält erste Kratzer. Vielleicht liegt es daran, dass ich auf mich zurückgeworfen werde, gerade weil es tatsächlich kein Internet gibt und ich das Gefühl habe, vier Tage von der Welt abgeschnitten zu sein. Erst am zweiten Abend werde ich sehnsüchtig der Versuchung nachgehen und im vermeintlichen Glauben im Orange-Land zu sein, in wenigen Minuten horrende Roaming-Gebühren produzieren. Sofort beschuldige ich die Globalisierung ihr Werk doch nicht vollendet zu haben. Ich spüre, wie ein gewisses Unverständnis für Georgien in mir aufkeimt, gewiss unterstützt durch einen kritischen Reisebericht, den ich in den Bergen am lesen bin. Die Georgier sind ein stolzes Volk, sie lieben ihr Land und erwarten Respekt für ihre Unabhängigkeit. Die Geschichten über die Besetzung und Verteidigung wiederholen sich. Aber in allen Gesprächen, habe ich auf die Frage nach einer goldenen Zukunft nur ein Achselzucken erhalten. Aber ist das Ende nicht der Anfang, hat man das Schicksal nicht selbst in den Händen und ist nicht der Tourismus eine perfekte Möglichkeit, die alten Zeiten hinter sich zu lassen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Infrastruktur zu verbessern, den Wohlstand zu erhöhen? Traurig blicke ich auf verlassene Baustellen und verlassene Resten früherer Zivilisation, die den Kaukasus einst als Transit genutzt hatte. Als nörgelnder und selbstkritischer Mensch irritiert mich die Selbstverherrlichung der georgischen Geschichte, der georgischen Natur, der georgischen Kultur. Täglich wird einem aufgezwungen, dass man hier im Paradies sei und wie gut die Gemeinschaft funktioniere. Interessant finde ich den Gedanken, dass die georgische Berggemeinschaft die beste Demokratie der Welt sei, da hier Probleme gemeinschaftlich gelöst würden und weil es insbesondere zu keiner Zeit unterschiedliche Klassen gegeben hat. Allerdings sind die Frauen nicht Teil der Politik, sie werden bei religiösen Zeremonien von der Gemeinschaft ausgeschlossen und die Homosexualität wird als Schande beschimpft.

Ich beklage den gefährlichen Stolz, die Lethargie eines Landes, das ich nicht kenne und bin dabei selbst lethargisch. Ich hatte drei Nächte fast nicht geschlafen, lag mit offenen Augen in einem heissen Zimmer voller Mücken. Ich trat die Reise geschwächt an, die Insekten hatten viel Energie aus meinem Körper gesogen. Ich tat mich schwer, plötzlich Bestandteil einer Gruppe zu sein. Neben Jago dem Reiseführer, seiner Schwester, einer Nachbarin und dessen Sohn sind auch zwei 13-jährige Schweizer Mädchen an Bord des Minibusses, der uns an den Rand der Zivilisation fährt. Ich sehne mich in der Gruppe nach dieser schönen, guten Einsamkeit, nach Stille, nach Selbstgesprächen, in denen ich im eigenen Rhythmus die Natur, die Kultur, die Wahrheit, das Ich, die Erfüllung, das Glück ertasten und vielleicht finden kann. Entkräftet lag die Versuchung plötzlich wieder so na, ein Kind zu sein. Ich sehnte mich nach der Möglichkeit, alles passieren zu lassen, im Notfall davon rennen zu können, die Situation nicht auf einer Meta-Ebene reflektieren und dadurch auch nicht beeinflussen zu müssen. Ich gebe mir Mühe, die Fassade aufrecht zu erhalten, aber es gibt kein Halten mehr. Das schwarze Loch öffnet sich, ich weiss nicht warum. Ich weiss nicht, ob es die zu riechende Feuchte ist, die mich an ein Trauma in meinem kurzen und missratenen Versuch der Pfadfinderei erinnert. Ich weiss nicht, ob es der mangelnde Schlaf ist. Ich weiss nicht, ob es die bedrohlich wirkenden Berge sind, die 360° des Blickfeldes einnehmen. Ich fühle mich bedrängt und möchte allein sein. Ich darf nicht schlafen und statt dessen fliessen die Augen aus. Erst in der Gemeinschaft spüre ich die Einsamkeit, mit der ich die vergangen Tage auf Reisen war. Ich beruhige mich, als die noch so jungen Frauen das Zimmer betreten und langsam spüren, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie tun das Richtige, setzen sich auf den Boden und warten. Und warten. Später beim Spaziergang durch das Nichts, das Alles, das Ewige kehrt innere Ruhe ein. Ich werde mich fragen, was ich eigentlich bin, ein ewiges Kind, ein Kautz, ein Freak, ein Dandy, ein Gek?

Am nächsten Tag war ich ausgeschlafen, endlich konnte ich schlafen, trotz der Hunde, die wie in Tiflis im Rudel gebellt haben. Nach dem Frühstück traten wir zu dritt den Weg in die Berge an. Die Landschaften sind tatsächlich paradiesisch. Man billigt trotz eben noch erhobener Kritik die Erzählung aus dem Reiseführer, wie Georgien zu seiner Kulisse gekommen ist. Gott hatte alle Territorien verteilt, als er sich gewiss wurde, dass Georgien noch kein Land erhalten hatte. Es blieb ihm nichts anderes übriges, als Georgien denjenigen Fleck zuzuweisen, den er für sich selber reserviert hatte. Fast glaubt man, dass das grün grüner und das gelb gelber als anderswo ist. Ich sehe weisse Flüsse, meterhohe Bärenklauen, Schmetterlingsschwärme und Blüten in allen farblichen Variationen zwischen violett und rosarot. Auf dem Weg durch den Garten Eden begleitet uns ein Pferd mit seinem Fohlen. Ich reite, zum ersten oder zum zweiten Mal in meinem Leben. Der Aufstieg auf das kleine Pferd gelingt mir dank meinen erhalten gebliebenen Geräteturnerfähigkeiten problemlos und erst nach einiger Zeit beginnt das Steissbein auf dem sattellosen Pferderücken zu schmerzen. Ich will nicht die ganze Zeit reiten, ich habe das Gefühl die Natur laufend bewusster wahrzunehmen. Wir müssen einen Fluss passieren und ich falle, in den Fluss, mit Rucksack, mit Fotokamera. Vielleicht hatte ich die Distanz durch die Sonnenbrille falsch eingeschätzt, vielleicht hatte ich einfach die falschen Schuhe an. Ich bin komplett nass, die Wunden sind für ein Drama zu klein, das eiskalte Wasser erfrischend. Dümmer ist, dass die Kamera das Wasser nur ungerne ertragen hat. Zuerst spuckt sie skurrile, doch zauberschöne Fotos aus, später verweigert sie den Dienst. Ich hoffe nach zertretenen Kopfhörern und dem Lacoste nicht schon den dritten Verlust in diese Ferien hinnehmen zu müssen. Sonst bleibt mir nichts anderes übrig, als endlich zu erkennen, wie relativ das Materielle ist und die Erfüllung immer im Immateriellen liegen wird.

Auch am zweiten Tag gehe ich spazieren, dieses Mal alleine und dieses Mal der Hauptstrasse entlang, ins Tal und wieder in das Dorf zurück. Die Gemeinschaft ist versammelt, um ein religiöses Opferfest zu begehen. Aber ich winde mich, versuche der Konfrontation mit dem Unbekannten zu entkommen. Spät am Nachmittag lasse ich mich dann doch noch überreden. Dann stehe in dieser Dorfgemeinschaft, in der man alle Minuten Trinksprüche spricht, die dann auch erwidert werden müssen. Es werden mehr Höflichkeiten ausgetauscht als Gläser getrunken, was immerhin die Alkoholisierung bremst. Wie ich vermutet habe, fühle ich mich fehl am platz, fühle ich mich fremd. Ich habe keine Lust, ein fremder Gast in einer fremden Gemeinschaft zu sein. Ich habe keine Lust einem Schauspiel beizuwohnen, das in positivem Licht dem Ausdiskutieren der gemeinschaftlichen Probleme und in negativem Licht ein männliches Besäufnis ist. Das Schlachten der Schafe, die Trinksprüche, das Ausschliessen der Frauen passt nicht in mein kulturelles Schema. Ich sass in der heiligen Stätte und wartete bis die Zeit verging, wechselte ein paar Worte mit einem englischsprechenden Nachbarn, ass Melone, nippte am Bier, nicht zu schnell, weil ich nicht wollte, dass man alle paar Minuten nachgoss, bis ich mich überwinden konnte, die Gemeinschaft zu verlassen. Die kulturellen Differenzen sollten sich wiederholen, als ich in der Dämmerung mit den 17-jährigen Jungs des Dorfes in einem intensiven, irgendwie intimen Gespräch über die Differenzen zwischen der Schweiz und Georgien diskutiere. Ja, ich begrüsse Gemeinschaft und nein, ich kenne keinen Nationalstolz, der das zufällig zugewiesenen Territorium mit Gewalt verteidigt. Ich würde fliehen, ich wäre ein Feigling, ein Egoist, ein Individualist und würde in einer neuen Gemeinschaft ein neues Leben beginnen. Ich mache Gemeinschaft nicht an einem Ort und noch viel weniger an einer Nation fest. Im Nicht-Ort gibt es keine Nationen und keinen Krieg.

Als ich gestern Nacht wieder nicht schlafen konnte trat ich nach aussen und sah in den Sternenhimmel. Der Himmel war so klar, dass tausende von Punkten glühten und sich der Verlauf der Milchstrasse zu erkennen gab. Ich machte Frieden mit Georgien, Friede mit der Hitze, Friede mit mir selber. Die Zeit steht deshalb richtig, um heimzukehren. Istanbul, Kiev, Odessa, Tiflis und der Kaukasus, sie allen waren fremde Orte, die mir in wenigen Tagen ein paar ihrer Eigenarten geschenkt haben. All diese Orte eigenen sich, um innerlich das Fremde und das Eigene gegeneinander antreten zu lassen. Nun aber ist es Zeit geworden, den Alltag fortzusetzen und in eine Aufgabe zurückzukehren, die Sicherheit und Sinn stiftet. Ich freue mich auf die Herausforderungen, die vertrauten Gesichter und die bekannten Wege. Ich freue mich auf die Digitalität, die in all diesen Jahren eine zweite Heimat geworden ist. Sie zu verteufeln würde ebenso zu kurz greifen, wie sie zu verherrlichen. Auch das hier ist digital, auch das hier ist immateriell. Ich danke Euch fürs Zuhören und Zurückspiegeln. Ich danke meinen Gastfreunden aus Georgien, die mich so aufnahmen, wie ich bin und so grosszügig mit mir waren.

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