Istanbul, 2011

Ich sitze am Bosporus und geniesse die letzten Sonnenstrahlen meines Aufenthaltes in Istanbul. Ich habe die Stadt, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft und ihre Stimmung in mein Herz geschlossen. Mein temporäres Heim liegt in einer umgebauten Fabrik, ausserhalb der Hektik, mitten in einem mediterran anmutenden Fischerdorf. Meine Ego-Reise sollte in diesem Jahr eigentlich nach Japan führen, findet nun aber aufgrund des zerstörerischen Seebebens in der Region des schwarzen Meeres statt. Alle Gebiete, die ich besuchen werde, waren einst Teil des osmanischen Reichs. Istanbul war als Konstantinopel nicht nur dessen Hauptstadt, sondern war bereits früher das Zentrum von Weltreichen. Diese mehrfache Vergangenheit und der Standort zwischen den kontinentalen Platten erklären das Verschmelzen, das so typisch für diese Stadt ist.

Bereits heute leben mehr als 13 Millionen Menschen hier und Istanbul gilt je nach Quelle als drittgrösste Stadt der Welt. Die Stadt wirkt wie ein erwachender Riese, der sich der Verwandlung zu einem regionalen, wenn nicht globalen Megazentrum bewusst wird. Geopolitische Beobachter werden indes nicht müde, die Bedeutung der Türkei zu unterstreichen, als Zentrum einer islamischen Welt und als Brücke zwischen den Kulturen. Die Potenz einer Weltstadt ist zweifelsohne spürbar. Da ist soviel Geschichte, soviel verflossener Reichtum, aber auch soviel Zukunft. Der Anspruch ist nicht aggressiv, aber er ist präsent. Rote Fahnen wehen im Wind, am Horizont sind militärische Antennen gespannt. Nicht zufällig bewirbt sich Istanbul (erneut) für die olympischen Spiele im Sommer 2020. Im Bereich der Infrastruktur ist dafür noch einiges zu tun. Die öffentlichen Verkehrsmittel bringen einem zwar immer und mit einem relativ dichten Netz von A nach B, die Koordination und die Signaletik sind allerdings gerade beim Schiffsverkehr mehr schlecht als recht. Wer gerne vereinheitlicht und grafisches Talent hat, möge doch den Verkehrsbetrieben von Istanbul einmal einen Besuch abstatten.

Wie bereits in Asien reise ich alleine und erlebe die Tage zweimal. Lange am Tag, in der Realität. Und ein zweites Mal, abends und nachts, gespiegelt in der Virtualität. Ich durchsuche die geschossenen Fotos und bereite diese Zeilen vor. Im Vergleich zum letzten Jahr, hat das Hybride des Daseins noch einmal zugenommen. Das Reale und das Virtuelle fliessen immer stärker ineinander über; ich geniesse es, ja verlange richtiggehend danach. Ich informiere mich vermehrt über das Internet, lasse mich treiben und besuche tagsdarauf die entdeckten Orte. Den Reiseführer brauche ich nur, um interessante und praktische Startpunkte auszumachen. Alles anderes ist Zufall, Intuition. Die Tage sind anstrengend, weil ich die Bewegung nur selten unterbreche und ich zu spät merke, dass mich die Eindrücke, das Laufen und die Sonne müde gemacht haben. Zuhause angekommen, suche ich Halt im Netz der Informationen, finde zurück und atme durch. Es wird nur noch wenige Jahre dauern, bis wir mit komplett digitalen Reiseführern durch die Städte gehen. Wir werden immer wissen wo wir sind, und was das Netz zu den Gebäuden, Bäumen und Passanten zu erzählen hat. Wir werden ständig die Möglichkeit haben, unsere Gedanken mit den Zuhausegebliebenen aber auch mit den zufällig passierenden Mitmenschen zu teilen. Wir leben im Vorzimmer des Digitalen. Und: In beiden Welten kann man verloren gehen. Aber nicht dann, wenn man nur virtuell lebt und nicht dann, wenn man die Grenzen nicht mehr zieht. Sondern dann, wenn man keine Anker setzt.

Aufgrund ihrer Grösse lerne ich nur einen Bruchteil der Stadt kennen. Drei Tage reichen höchstens, um ein paar Eindrücke mit zu nehmen und mit guten Erinnerungen weiterzureisen. Ich bleibe meiner hochgetakteten Form des Reisens treu, mein Bruder würde sagen, you’re a Highspeed Tourist. Die Fahrten über den Bosporus und die Moscheen haben es mir besonders angetan. Tatsächlich schiessen die dazugehörigen Minarette - wie auf dem SVP-Plakat karikiert - wie Raketen aus dem Boden. Aber in den Moscheen herrscht eine friedenmahnende Stille und die Muezzine schreien nicht, vielmehr singen sie. Ihr Gesang bettet sich in die abendliche Stimmung, die durch das sanfte Rauschen des Meeres und die laue Brise gezeichnet wird. Der Klang des Türkischen unter Freunden ist sanft. Es klingt wie das Berndeutsch, das man zwei Tische nebenan im Restaurant hört. Heute hatte ich den Gedanken, dass sich die Stadt melancholisch anfühlt. Istanbul ist nie übertrieben, Istanbul ist nie laut. Die Menschen sind ruhig, bescheiden, zurückhaltend. Man scheint sich am Moment zu freuen, nicht am Status. Ist die Stadt traurig, weil sie so viele Geschichten getragen hat? Ist die Stadt traurig, weil sie so viel Verantwortung tragen muss? Vielleicht ist das Empfinden auch nur der Wunsch eines Besuchers, der die Liebe zur Melancholie seit seiner Kindheit in sich trägt.

Istanbul lebt im Zwischenraum. Kaum verwunderlich ist die Stadt voller Gegensätze, die aber nie im Gegensatz zueinander stehen, sondern ständig gleichzeitig auftreten und miteinander verschmelzen. Da ist das Östliche und das Westliche, das Religiöse und das Säkulare, das Zukünftige und das Vergangene. Dieses Vermischen ist beruhigend und beängstigend zugleich. Es macht ruhig, weil man immer das Gefühl hat, dazu zu gehören ein, Teil der Stadt und ihrer Menschen zu sein. Es ist aber auch verunsichernd, weil man nie weiss, wozu man gehört und man nie sicher sein kann, dass man tatsächlich dazugehört. Am offensichtlichsten wird dies daran deutlich, dass ich manchmal als Türke durchgehe und dann doch der störende Tourist bin. Die Frauen sind zum Teil verschleiert, zum Teil sind nur die Augen sichtbar. Es gibt aber auch Frauen, die ganz und gar nicht verschleiert sind. Beim offenbar verbotenen Blick in die verschleierten Gesichter, aber auch beim unsicheren Umgang mit den Verhaltensregeln einer Moschee, frage ich mich, ob wir nicht vielmehr eine Verunsicherung der Kulturen als einen Kampf der Kulturen erleben. Die Frage ist ja eigentlich, was wir überall auf der Welt genau gleich haben wollen und wo sich die Dinge unterscheiden sollen.

Ja, ich habe Döner gegessen, also Dürüm mit Poulet. Es gibt zwar viele Kebab-Stände, aber die Stadt ist nicht voll davon. Im Unterschied zur schweizerischen Ausgabe hat es in den Fleischrollen keine Sauce drin, was aber wegen des würzigen Fleisches auch nicht nötig ist. Die Dürüm sind dünner, doppelt eingepackt und mit Pommes-Frittes statt Zwiebeln gefüllt. Die türkische Küche scheint sich durch Fisch und Frische auszuzeichnen, durch Einfachheit und Ehrlichkeit. Viel Typischer für die Stadt als die Kebab-Stände sind die vielen streunenden Katzen, die aber weder ungesund noch unterernährt sind. Sie liegen überall herum und lassen sich füttern, selten auch mal streicheln. Sie leben ihr eigenes Leben und dulden uns Menschen. Typisch: Neben den Katzen auch wilde Hunde, natürlich die Minarette und Moscheen, noch nicht in Essig eingelegte Gurken am Marktstand, sowie das Tragen von viel Parfum, was mir schon in Hong-Kong aufgefallen war. Der künstliche Duft ist wohl nur ein fast natürlicher Schutz gegen das feucht-heisse Klima. Typisch auch das Pflegen der Gemeinschaft, das so häufig sichtbar wird. Nicht nur in der Moschee, auch beim Oberginen-Grillieren mit der ganzen Familie im Park oder bei Jungs, die Arm im Arm vom Baden nach Hause laufen.

Nun ist der Brief doch etwas länger geworden. Ich reise alleine und suche keinen Kontakt zu Fremden. Das Alleine-Reisen tut mir gut, stärkt meinen Mut, lässt einem Fehler machen, die man später korrigieren kann. Wenn man, wenn ich Kontakt wünschen würde, wäre es ein leichtes, sich mittels mobiler Technologie Zugang zu anderen Menschen zu verschaffen. Man könnte - aber was würde es ändern? So seid und bleibt Ihr mein Publikum, mein Anker, mein zweites, mein vielfaches Ich. Morgen geht es weiter in Richtung Kiev. Ich hoffe, dass Aerosvit seine Aufgabe ernsthaft angehen wird. Die Schiffe ziehen vorbei, vorher mit riesiger Laptop-Werbung, jetzt mit den Klängen der zurückgekehrten Jennifer Lopez, tonight we gon’be it on the floor. Passt auf Euch auf und verreist, wenn Ihr Geld und Zeit habt. Die Stärke des Franken ist des Schweizerischen Touristen Freund.

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