Istanbul, 2013

Die Stadt befindet sich an der Grenze des Zusammenbruchs, am Rand des Kollaps. Am Abend ist es kaum möglich mit einem Fahrzeug aus dem Zentrum zu gelangen. Die gelben Taxis stauen sich zusammen mit anderen Autos und den Bussen, die mit offenen Türen fahren. Um zum Flughafen zu gelangen, benützen die Taxis den Pannenstreifen als zusätzliche Spur, um innert nützlicher Frist ihr Ziel zu erreichen. Wäre die Stadt ein Mensch, würde man sagen, das geht nicht mehr lange gut. Burnout-Gefahr! – der man sich angesichts des grossen Sicherheitsdispositivs und der jüngsten Geschichte auch bewusst scheint. Der Stadt geht es damit ähnlich wie mir, es fehlen die Räume zum Entspannen, die Räume zur Gelassenheit.

Ich spüre eine Gereiztheit, eine Ungeduld, kann aber die von der Stadt transportierte Stimmung nicht zweifelsfrei von mir trennen. Ich nerve mich ob der Unfreundlichkeit, der Grobheit der Menschen hier und ihrer Unfähigkeit Distanz zu wahren. Auch mir ist in den letzten Wochen die Leichtigkeit abhanden gekommen. Die Ferien waren überfällig, ich verirrte mich in meinen Emotionen und den Sorgen um meine Zukunft. Folglich geht in diesen Tagen darum meinen Hunger auf mehr zu zähmen und mich mal innerlich zu leeren bevor ich wieder neues in mich aufnehme. Um die Leichtigkeit zurück zu erlangen, lese und schlafe ich viel. Ich verbringen kurze Tage und ziehe mich sobald es dunkel wird in das Hotelzimmer zurück. Dort angekommen begebe ich mich in das Digitale, wohl auch um der Einsamkeit zu entfliehen. Ich bin unsicher, ob die drei Wochen für die innere Beruhigung reichen werden.

Was ich so schätze an Istanbul ist das breite Spektrum. Die Extreme sind ausgeprägt, wobei die Übergänge zwischen den Extremen alle präsent sind. Von säkular bis streng gläubigen, von bleichen bis zu braunen, von Hipstern bis zu brüchigen Alten, von armen bis zu reichen ist alles vorhanden. Alles scheint hier seinen Platz zu haben und nebeneinander leben zu können. Wenige Tage nachdem das Tessin das Burkaverbot beschlossen hat, entdecke ich hier die Eleganz der Verschleierung und achte mich auf die minimialisierte Individualität, die trotz Verschleierung sichtbar wird – auch wenn nur an den Schuhen, auch wenn nur an tätowierten Händen. Es ist eine spezielle Herausforderungen hier den Blickkontakt zu den verschleierten Frauen oder aber zu den so stereotyp maskulinen Männern zu suchen. Kleine Spiele in der aufgezwungenen Hektik dieser Tage.

Am ersten Tag besuche ich die touristischen Attraktionen, die beim ersten Besuch keinen Platz hatten, die unterirdische Basilikazisterne und die blaue Moschee. Am zweiten Tag will ich hinter die touristischen Fassaden blicken. Vom Taksim Platz laufe ich gerade aus und befinde mich plötzlich in Strassenzügen, die auch in London, Shanghai oder New York stehen könnten. Man pflegt den Kaffee auf dieselbe Art und Weise zu trinken, auf denselben Möbeln zu sitzen, dieselben Sandwitches zu toasten, denselben kulturellen Codes zu folgen. Es ist die globale Ästhetik derjenigen, die es sich leisten können, dazu zugehören. Man spricht englisch und um mich herum sind plötzlich die Statusäpfel auf den Geräten sichtbar. Ich fühle mich zuhause, erkenne aber auch die kulturelle Einengung und die gleichzeitige Ausgrenzung. Die sozialen Grenzen sind subtil geworden, was nicht heisst, dass sie weniger wirksam sind.

Ich verlasse die Stadt mit gemischten Gefühlen. Die vielen Katzen, der türkische Kaffee, das dunkelblau schäumende Meer, die Moscheen, die Friedlichkeit der mit eingeschränkten Armen durch die Strassen gehenden Männern mag ich sehr. Istanbul ist abwechslungsreich, in Bewegung. Aber die Stadt ist angstrengend und scheint mit sich selber zu kämpfen. Auf dem Weg nach vorne scheint man einen Zwischenhalt einzulegen. Ob die Zweifel, das reduzierte Selbstbewusstsein, medial geprägt, eingebildet oder Tatsache sind, weiss ich nicht. Vielleicht spiegle ich mich auch nur selbst.

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