Helsinki, 2013

Ein Stellvertreter

Ich bin zurück online. In diesem Hotelzimmerbett, das eigentlich zu gross ist. Die Sonne ist noch immer nicht untergegagen und wird es die ganze Nacht auch nicht wirklich tun. Durch die Dämmerung verliert man das Zeitgefühl, das die Tage strukturiert und zu Ende bringt. Das Licht lässt keine Müdigkeit zu und plagt mich stattdessen mit einem Gefühl der Unerfülltheit. Ich gehe zu Bett ohne Gewissheit, den Tag wirklich genutzt zu haben. Da war zu viel tote Zeit, die ich mit Sinnlosigkeiten und Selbsttäuschung verstreichen liess.

Helsinki ein Stellvertreter für die Überforderung durch zu viel Zeit, für die Bedrohung durch die Einsamkeit, für die Verführungen des Digitalen in einer analogen Welt. Durch Konsum oder das Verweilen im Netz versuche ich davon abzulenken, dass ich alleine hier bin. Ich verdränge die Gedanken, dass ich zu zweit alles teilen könnte, dass ich in einer Gruppe mehr Reibung aber vielleicht auch mehr Befriedigung und Inspiration, dass ich in einer Familie mehr Sinn und Orientierung finden könnte.

Helsinki ein Stellvertreter für das liebgewonnene Skandinavien. Lange gerade Strassen verschaffen der Stadt etwas Strenges, das durch die blassen kühlen Farben der Häuser unterstrichen wird. Finnland hat trotz dem vielen Europäischen sowjetische Einschläge, in den Bauten, in den Distanziertheit der Menschen, in der eigenartig singenden und doch trockenen Sprache, in einer gewissen Verlassenheit, in einer fortgeschrittenen Verwahrlosung der Infrastruktur.

Helsinki als Stellvertreter für eine Zwischendestination. Immer war ich auf der Durchreise hier. Ich war nie angekommen, war ein Getriebener, der die letzten Eindrücke verarbeitet und die Reise am vorbereiten ist. Das verleiht neuen Schwung, nicht aber Erholung. Erholend waren diese Tage auf der einsamen Insel, mit Sauna, Nacktbad, weinenden Kindern und neuen Gesichtern und ohne Internet. Jetzt aber ist schon nach wenigen Stunden alles wie es einmal war. Die Fesseln sind so straff um das Selbst gezogen wie eh und je. Please remain seated until the Captain has turned off the seatbild warning light”.

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