Geilo, 2012

Als ich vor wenigen Tagen in Oslo nagelkauend, nasebohrend über das improvisierte Einschieben einer zusätzlichen Destination auf meiner kleinen Skandinavienreise sinnierte, war ich nicht unzufrieden, als ich auf der angestrebten Zugstrecke zwischen Oslo und Bergen die Ortschaft Geilo entdeckte. Geilo, dachte ich mir, muss geil sein, zumal sich dort offenbar die Möglichkeit ergeben würde, Ski zu fahren. Servicequalität in Norwegen heisst am Schalter darauf hingewiesen zu werden, dass dasselbe Ticket an der Maschine günstiger zu erwerben sei und ein junger Herr dort warte, um mir beim Kauf des Fahrscheins behilflich zu sein.

Zwei Tage später sass ich in der Bergenbahn und musste erkennen, dass “eine der spektakulärsten Bahnfahrten überhaupt” zuerst eine halbe Stunde durch dunkle Tunnels führt. Das sollte sich ändern, die Fahrt ist tatsächlich spektakulär, eindringlich, wunderschön. Auf meinen bisherigen Entdeckungsreisen hatte ich vernachlässigt, dass das Zugfahren eine hervorragende Möglichkeit darstellt, um eine Region in ihrer Ganzheit kennenzulernen. Man sitzt (mehr oder weniger) bequem, Musik in den Ohren, die mobilen Gerätschaften griffbereit, während links und rechts die Landschaften vorüber ziehen. Hier: Nadelbäume, immer wieder Nadelbäume. Trockene, braune Acker. Wasser, Schnee und Eis. Norwegen ist zerklüftet, das Wasser dringt überall ein, ist ein ständiger Begleiter, der diese landestypische Ruhe und Gelassenheit schafft. Meinen Platz am Fenster musste ich mir indes zuerst erkämpfen, weil eine renitente veraltetete Norwegerin behauptete, mein Platz würde ihr gehören. Aufgrund der Hilfe an der Fahrscheinmaschine, war ich mir allerdings sicher, dass ich am Fenster sitzen würde. Die Lächerlichkeit dieser kleinen Streiterei - in einem gar leeren Wagon - passte zu diesem Sonntag, an dem ich grundlos enerviert Oslo mit vier lästigen Taschen in Richtung Bergen, in die Berge verliess.

In Geilo angekommen, musste ich feststellen, dass ich Opfer meiner kurzfristigen Planung werden würde. Mein Recherchen bezüglich Geilo waren unvollständig geblieben und die Reservation meiner Unterkunft war nicht rückgängig zu machen. Die Berge entpuppten sich als Hügel, die Schneesicherheit als Lug und Trug, die Saison als vor Wochen beendet und mein stilvolles Appartement als kalte, herzlose Massenabfertigungsware. Ich fühle ich mich hier verloren, in Kulissen der Trostlosigkeit. Müsste ich einen Wallander oder einen Wolf drehen, ich würde es hier tun und einen Serienmörder ahnungslose Touristen niederstechen. Im Appartement fühle ich mich so unwohl, dass ich statt im Schlafzimmer auf dem Sofa im Wohnzimmer schlafe. Vielleicht ist es nur gut, dass es kein Internet gibt und ich so gezwungen bin, die 500 Meter in die Lobby des Mutterhauses zu laufen. Die Rezeptionistin wunderte sich am Anfang, wie häufig ich vom Appartement zur Lobby und wieder zurück lief, zumindest schaute sie streng über ihre kleine Brille in ihrem gut erhaltenen Gesicht mit blondierten Haaren. Neue Generation dachte sie sich, neue Generation dachte ich mir.

Der Trick, um der Trostlosigkeit zu entkommen, liegt in der Definition von kleinen Tagesaufgaben. Geh dort in die Bäckerei einen Kaffee trinken, geh Salat für den Abend einkaufen, laufe einmal um den See, lade dir einen Film für heute Abend herunter. Nach dem zögerlichen Beginn der Wanderung (der geschmolzene Schnee liess mich 10 Zentimeter, dann wieder 60 Zentimeter tief einsinken) stellte sich endlich diese Freiheit der Gedanken ein, die ich hier gesucht hatte. Der Wind blies stark, pro halbe Stunde passierte nicht mehr als ein Langläufer. Plötzlich war Geilo wunderbar und ich glücklich einsam in der Einsamkeit. Nach dem Sandmann, der Filter-Bubble und Brunetti schlief ich nicht sofort ein, dann aber lange aus. Den heutigen Tag notiere ich als Ruhetag, an dem ich überhaupt nichts muss. Die letzte Aufgabe für Geilo lautet, FCB gegen fcb zu schauen. Mal schauen ob es mir gelingt.

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