Fukuoka, 2014

My head is a jungle

Emma Louise

Schon wieder sitze ich in einem Shinkansen. Man kann das japanische Zugsystem fast nicht genug lohnen, sowohl die Qualität als auch die Quantität sind hervorragend, genauso wie die Signaletik. Ich fahre die Insel hoch, Richtung Kanazawa. Der ursprüngliche Plan war noch weiter südlich zu reisen, aber die japaischen Städte beginnen mich in ihrer Gleichmässigkeit zu langweiligen. Deshalb begebe ich mich wieder auf die Spuren der japanischen Vergangenheit. Auch wenn diese fürchterlich mit Touristen überfüllt sind, gibt es doch bei jeder Anlage ein kleines Detail, das mich glücklich macht. Es mag kitschig klingen, aber in den Tempeln spüre ich am meisten positiven Energie. Vielleicht gibt es sie doch, die Kraftorte.

Die letzten Tage verbrachte ich in Fukuoka, das sich bereits ziemlich weit unten in der Inselgruppe Japan befindet. Wäre die ganze Zivilisation nicht da, man würde sich mitten in einem wundervollen Inselparadies befinden und das ist auch einer der Gründe, warum der Rückgang der japanischen Bevölkerung letztlich ein Segen für das Land sein wird. Weil die Stadt Opfer des zweiten Weltkriegs wurde, gibt es auch hier nicht sehr viel altes zu besichtigen. Einige zentral gelegene Tempel blieben übrig, an die heute nahtlos das städtische Labyrinth grenzt. Der kleine Abstand zwischen neu und alt ist der Geschichte irgendwie unwürdig.

Es gelingt mir nicht die Logik der Stadt zu entschlüsseln. Diese Unfähigkeit ist ein Spiegel der Verstopfung meiner Gedankengänge.

In Fukuoka glaubt man ab und zu sich in einer Retortenstadt a la Trueman-Show (auch schon 16 Jahre alt, OMG wie die Zeit vergeht) zu bewegen. Zum Beispiel gibt es einen künstlich aufgeschütteten Sandstrand, ein paar Wolkenkratzer ragen neben dem Strand lieblos in die Höhe. Aber Menschen sucht man vergebens. Ein paar Bad Boys stehen cool herum, zwei verliebte Teenager spielen Federball. Vermutlich sind alle die anderen irgendwo bei der Arbeit, in einer Spielhöhle, einem Konsumtempel oder im besten Falle unter einem Kirschbaum am picknicken. In der Metro sind sie jedenfalls auch nicht, die ist gespenstisch leer.

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Auch nach 4 Tagen Aufenthalt gelingt es mir nicht die Logik der Stadt zu entschlüsseln. Vieles scheint mir belanglos und wahnsinnig ähnlich wie in jeder anderen japanischen Stadt. Dort wo die Hauptstrassen durch die Stadt ziehen, könnte man sich in einer x-beliebigen globalisierten Metropole befinden. Besonders wenn es regnet, wirken dann auch die abzweigenden Strassenzüge immer gleich grau, die Häuser immer gleich gross. Zu diesem Grau in Grau passen die endlosen Konsumlabyrinthe, in denen man sich verläuft und nur schwer dem Konsum entziehen kann. Es gibt hier sogar eine unterirdische Stadt, die gebaut wurde, um zwei Metrostationen miteinander zu verbinden.

In die erste Euphorie meines Besuchs haben sich kritische Gedanken eingeschleust. Neben einer sinnlosen Wegwerfgesellschaft, in der alles mehrfach verpackt gekühlt, verpackt und bei Nicht-Mehr-Verwendung weggeworfen wird, fühle ich diffus die Zeichen eines autoritären Regimes. Der Respekt vor Autoritäten und Regeln scheint sehr ausgeprägt. An roten Ampeln wird brav gewartet auch wenn meilenweit kein Auto da ist, für das Einstiegen im Zug wird in Einerreihe gewartet. Vermutlich hat man es mit einer rigorosen Klassengesellschaft zu tun und vermutlich ist das Social Engineering (mein Lieblingsbegriff zur Zeit) darauf ausgelegt, dass die Menschen möglichst viel konsumieren, aber nicht zu viel hinterfragen. Allerdings: Wo ist kein Schattenzeitalter? Das überall präsente Easylistening, die sprechenden Maschinen (das Kartelesegerät, die Züge, Fahrstühle, etc.), die lärmenden Ampeln - oder die offenbar eingeschränkte Pressefreiheit verstärken diese Eindrücke.

Trotzdem gibt es auch in Fukuoka diese tolle Momente, wenn man sich aus den Tentakeln des Konsums befreit hat und in einer Nebenstrasse eine tolle Bar entdeckt. Es ist das Unspektakuläre, das man beim Streunen durch die japanischen Quartiere lieben lernt. In den Quartierstrassen finden sich immer wieder wunderbare Planzen die sich gerade in einer unserer vier Jahreszeiten befinden oder kleine architektonische Meisterwerke. In den Bars fühle ich mich in der Vermutung bestätigt, dass die jungen Japaner anders denken als die alten. Sie zeigen zugleich eine kindliche Scheu wie eine kindliche Neugierde. Leider sprechen sie nicht wirklich gut englisch, so dass die Konversationen nach wenigen Sätzen abbricht.

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Die Unfähigkeit die Logik der Stadt zu entschlüsseln, ist ein Spiegel der Verstopfung meiner Gedankengänge, der Verkrampfung meiner Gefühlslage. My Head is a Jungle. Ich versuche innere Ruhe zu finden, loszulassen, um mich zu finden, um mich zu beruhigen. Ich befinde mich in einem innerlicher Kampf, bei dem es mir misslingt, meine Mitte zu finden. Es wie bei diesen pendelnden Kugeln, die Kugeln kommen einfach nicht zum Stillstand. Der Weg zur Ruhe wäre so einfach. Ich müsste nur anerkennen, dass alles gut ist, aber so einfach ist das nicht. Wie schrieb Peter Gross einst so schön: Das Ich lässt sich nicht wie ein Kreuzworträtsel entschlüsseln.

Absurdes Teil III. Riesige Staubentferner, die wir für die Reinigung unserer Kleider einsetzen, werden hier für die Reinigung der Teppiche eingesetzt. Schirme werden vor dem Eintritt in ein Gebäude entweder in einem Fach eingeschlossen oder alternativ in einer Maschine automatisch in Plastik eingewickelt, damit das Wasser nicht tropfen kann.

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