Feuerland, 2013

Ich frage mich, warum ich mir das immer wieder antue. Vielleicht weil ich nur dann entspannen, abschalten, loslassen kann, wenn der Kontext genug von der Normalität abweicht?

Ein absurder Tag neigt sich dem Ende zu. Ich bin quer durch das Feuerland gefahren und musste am Abend einmal mehr feststellen, dass ich meinen Besuch in Aserbeidschan ein paar Jahre zu früh angesetzt habe. Die nun vorgezogene Abreise mag feige sein, aber es macht auch keinen Sinn, aus Prinzip an etwas ungeliebtem festzuhalten.

Vor fast einer Woche habe ich die Komfortzone des Luxushotels verlassen und mich in das Innere des Feuerlandes begeben. Die Fahrt mit dem Taxi zum Versammlungsplatz der Busse war ebenso teuer, wie die Busreise quer durchs Land. Der Busbahnhof soll gemäss Wikipedia einer der grössten der Welt sein und tatsächlich gleicht sein Treiben einem in Panik geratenen Ameisenhaufen. Ich überzeugte mich, dass der Bus tatsächlich nach Ganja fuhr, denn das Gefährt sah ganz anders aus als im Internet. Ganja? Der mir ans Herz gewachsene krauskopfige Portier fragte mich – is it the reason, i think of, you want to go to there? Coincidence, lachen und weiterlaufen. Man schien die Reise bald antreten zu wollen, deshalb verstaute ich meinen Koffer und fand zuhinterst im Bus einen freien Platz. Eine Viertelstunde vor Abfahrtszeit fuhr er los, was mich in Unsicherheit unversetzte, ob ich wirklich im richtigen Bus sass. Ich erklärte mir die Abfahrt dadurch, dass der Bus bis auf den letzten Platz voll war und ein weiteres Warten folgerichtig keinen Sinn mehr machen würde.

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Ganja hat etwas retortenartiges. Das Alte wird kaschiert oder abgerissen. Schon bei der Einfahrt habe ich kilometerlange Mauern gesehen, die für die Ankommmenden alles verdecken, was man nicht sehen soll. Ganz geschickt gehen sie bei der Rennovation der alten Häuser vor. Wie die Zahnärzte bei Extrem Schön hässliche Zähne mittels Veeners hinter einem Porzellanvorbau verstecken, wird hier vor der alten Mauer einfach eine zweite neue Mauer hochgezogen. Ich bewundere den Einfallsreichtum, muss mich aber durch lange Vorstadtmärkte ins Zentrum kämpfen. Auf dem Weg in das Stadtinnere fühle ich die Blicke auf mir ruhen und ich unterlasse es, in all zu viele Gesichter zu schauen. Ich habe mich auf einer Reise selten so fremd gefühlt. Auch in Asien war offensichtlich, dass ich kein Einheimischer war, aber ich fühlte mich niemals so ausgestellt. Ich frage mich, warum ich mir das immer wieder antue. Vielleicht weil ich nur dann entspannen, abschalten, loslassen kann, wenn der Kontext genug von der Normalität abweicht?

Ich nickte abwesend, hielt Sex für ein wichtiges Wort der Azeri und begriff erst in der Mitte der Wartezeit, dass der Greis auf meinem Laptop Pornos schauen wollte.

In Ganja zeigte sich mehr als an allen anderen Orten dieser Reise, dass das Land so etwas wie ein kleiner Bruder Europas ist. Er ist gezwungen auszutragen, was wir nicht mehr brauchen. Alte Kleider, alte Autos, alte Maschinen. Ich fühle so etwas wie Mitleid. Nach zwei Nächten wollte ich nicht länger in Ganja ausharren und flüchtete nach Sheki. Immer wenn ich mich nach der Reise nach Sheki erkundete, meinten die Hotelangestellten, ich wolle bezahlen oder mich über die Bezahlung beschweren. Der englischsprachige Hotelmanager schickte mich dann um 13.30 zum Busbahnhof, wo ich gewissenhaft um 12.30 eintraf, mir aber der Fahrer erkläret, dass es erst um 16.30 losging. Es hatte schlicht zu wenig, also genauer gesagt ausser mir keine, Passagiere, um die Fahrt rentabel zu machen. Ich beantwortete also im Businnern einige heruntergeladene Mails, wobei ich im Halbstundentakt von einem lustig kichernden, zahnlückigen Greisen besucht wurde, der mir immer etwas von Sex erzählen wollte. Ich nickte abwesend, hielt Sex für ein wichtiges Wort der Azeri und begriff erst in der Mitte der Wartezeit, dass der Greis auf meinem Laptop Pornos schauen wollte. No Internet.

Um 16.30 fuhr der Van tatsächlich los, nicht ohne auf der Schnellstrasse alle paar Kilometer Passagiere auf- und auszuladen. Das Gefühl für den richtigen Abstand zweier menschlicher Körper ist hier ein anderes als bei uns. Oft lässt es die Enge gar nicht zu, dass direkter Körperkontakt vermieden werden kann. Man muss sich damit abfinden, dass ein Fremder Schulter an Schulter während der langen unbequemen Fahrt an seiner Seite einschläft. Ich bleibe wach und registriere, wie Brachland an mir vorüberzieht. Plötzlich hatte die gemeinsame Reise mit diesen Fremden etwas eigentümlich familiäres. Zwischen mir und dem Fahrer ein älterer Herr, drei Generation auf kleinstem Raum verteilt. Eine Schicksalsgemeinschaft, die durch das gesprungene Frontfenster gleichzeitig das gleiche sieht. Sandhügel wie von Künstlerkindern gefaltet, ausgetrocknete Acker und immer wieder tote Hunde am Strassenrand. Die beiäufigen Gesprächsfetzen zwischen dem Fahrer und dem älteren Gast sollten die einzigen Worte bleiben, die auf der Fahrt in die Nacht zu hören sein sollten.

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Sheki befindet sich an einem waldigen Hügel nahe der russischen Grenze. Die Kleinstadt ist so etwas wie eine Oase, umgeben von Steppe und Wüste. Der Geschichtsschreibung zufolge sollen hier bereits seit über 2 Jahrtausenden Menschen wohnen. Es ist der erste Ort in Aserbeidschan, der so etwas wie Gemütlichkeit aufkommen lässt. Gewiss es ist touristischer als anderswo und es wird noch touristischer werden, aber die sich den Hügel hoch schlängelnden gepflasterten Strassenzüge unterscheiden sich angenehm vom Lärm der Stadt und laden zum Verweilen ein. Das abendliche Herbstlicht tränkt alles in Gold, fast wie der Honig aus der für die Stadt typische Süssigkeit Halvasi” trieft. Für Minuten freunde ich mich mit dem Gedanken an, hier eine Ruine in ein Café für Hippster umzufunktionieren. Wenn keine Gäste da wären, könnte ich schreiben, über die Zukunft der Zukunft, denn irgendwie scheint mir in diesen Tagen, dass bereits alles über die Diagnose von Gegenwart und Zukunft geschrieben wurde, dass also auch berechenbar ist, was bis zu meinem Tode alles passieren wird.

Das Herbstlicht tränkt alles in Gold, fast wie der Honig aus der für die Stadt typischen Süssigkeit trieft. Für Minuten freunde ich mich mit dem Gedanken an, hier eine Ruine in ein Café für Hippster umzufunktionieren.

Die Rückreise nach Baku begann mit einem dürftigen Frühstück in einem leeren Frühstückssaal. Es war nicht das erste Mal, dass ich in den letzten Tagen als einzelner Gast zu Tische sass. Im positiven Falle liessen sie mich in Ruhe essen. Im etwas negativeren Falle putzten sie sofort den gemachten Wasserflecken vom Tisch oder liessen keine Sekunde verstreichen, bis ich den gebrauchten Zahnstocher auf den Tisch legte, um ihn wegzuräumen. Servicebereitschaft und Liebenswürdigkeit, die ich in diesem Moment weder annehmen noch schätzen konnte – weil ich alleine sein möchte und mein schlechtes Gewissen als zu bedienender Tourist nicht ganz unterdrücken kann.

Weniger später fuhr ich im Taxi Richtung Busbahnhof. Man hat hier nicht viel andere Möglichkeiten, um sich zu bewegen. Der Herr bemühte sich aktiv darum, mich nach Baku fahren zu dürfen. 50 Manat, ich winkte ab. Am Busbahnhof wieder das Angebot, dieses Mal sollte ein Freund des Fahrers den Transport nach Baku übernehmen, jetzt für Manat. Es galt innert Sekunden zu entscheiden und ich willigte ein. Mein Gepäck wurde mir abgenommen und schon sass ich mit vier anderen Azeri in gleichen Auto. Carpooling nennt man das bei uns. Bevor der mir weise erscheinende Fahrer seinen Dienst antritt, fuhren wir kreuz und quer durch das kleine Städtchen. Die Fahrer kombinieren hier Taxi-Dienste mit Post- und Botengängen. Möglicherweise war er nicht einmal ein Fahrer, sondern Meteorologe (zumindest holten wir beim meteorologischen Institut zwei Kanister durchsichtiger Flüssigkeit ab) und nutze seine Fahrt nach Baku, um sich etwas dazu zu verdienen.

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Die Fahrt durch das Land ist unspektulär aber nicht unschön. Die Landschaft ist karg, wir passieren Pässe, die in monotonen Brauntönen verweilen. Im Innern des Autos findet so etwas wie Gesellschaft statt, die wir bei uns vielleicht vergessen haben. Die Männer diskutieren engagiert über Politik, wobei es eine offensichtliche Hierarchie der Sprechenden gibt. Ich schnappe die Worte Berg Karabach und den Namen des allzeit präsenten Heydar Aliyev auf, der einem auch zehn Jahre nach seinem Tag im ganzen Land von riesigen Plakaten anlächelt. Die hitzigen Töne des Politischen werden sanfter beim gemeinsamen Tee, bei dem auch ich gebeten werde, mich hinzusetzen. Ohne frühlingshafte Farben verläuft die Landschaft irgendwann in der Nähe von Baku in eine Wüste. Je mehr man sich dem Zentrum nähert, desto mehr wird dieses zu einem abgasgefüllten Molloch und ich enerviere mich innerlich heftig über das Auto, dieses so veraltete und fragwürdige Transportmittel.

Im Innern des Autos findet so etwas wie Gesellschaft statt, die wir bei uns vielleicht vergessen haben. Die Männer diskutieren engagiert über Politik, wobei es eine offensichtliche Hierarchie der Sprechenden gibt.

Man lädt mich in der Nähe des Busbahnhofs ab. Der Weg vom abgefahrenen Taxi führt nur über die Autobahnausfahrt zur nächsten Transportgelegenheit. Ein jugendlicher Fahrer bittet mich einzusteigen. Dass er sein Metier noch nicht so lange ausübt, wird während der stündigen Irrfahrt durch das autoverstopfte Baku immer deutlicher. Er hat weder Navi, noch Karte und auch die etwa zwanzig angefragten Helfer am Strassenrand führen uns nur langsam zum Ziel. Beim Hotel angekommen folgte die erwartete Diskussion über den Fahrpreis. Ich verhandelte erstmals hart und lief sogar davon, als der Irrfahrer mit dem gebotenen Salär nicht zufrieden war und lautstark reklamieren wollte. Die Flucht war von kurzer Dauer. Denn von der Rezeption der sich als Boutique Hotel gepriesenen Gasstätte wurde ich in eine Dunkelkammer geführt, die auf eine Baustelle Aussicht gab. Ohne Glühbirnen war in dieser Dunkelheit trotz hellem Tageslicht nichts zu erkennen. Bevor meine inneren Dämonen erwachen konnten, entschied ich mich, nicht hier zu schlafen. Notgedrungen fuhr ich mit einem dritten Taxi an das Meer, in “Baku’s most exclusive city resort”. Der Ableger der Jumeirah-Kette glänzt mit einer überraschenden Hässlichkeit. Als ich endlich nackt in die Dusche steigen wollte, wurde ich von der Rezeption per Telefon geboten, meine Sachen zu packen, um ein anderes Zimmer zu beziehen. Zimmer 818 ist kleiner, hat die schlechtere Aussicht und es gibt auch mehr keine frischen Früchte und Pralinen, die in Zimmer 602 sofort verzehrt hatte.

In der durch die vergangene Saison zusätzlich abschreibungsbedürftigen Anlage beschloss ich den Rückflug um ein paar Tage zu verschieben. Das Resort ist seltsam leer und rennovationsbedürftig. Meine Entscheidung wurde bestätigt, als ich eine Stunde später mutterseelen alleine in einem güldenen Speisesaal die Menukarte mit Schnickschnack aus Asien gereicht erhielt. Diese Trostlosigkeit tut mir nicht gut. Ich möchte hier bleiben, aber nicht in diesem Gegenteil von Authentizität. Gewiss hätte ich die touristischen Pfade mehr verlassen müssen. Aber dazu fehlte mir die Kraft, dazu war das Heimweh zu stark, dazu vermag ich mich zu wenig aus den sicherheitsstiftenden (digitalen) Netzen zu lösen. Ich werde ohne Groll, voller neuer Eindrücke und Einsichten, aber müde abreisen. Jetzt wäre ich reif für Ferien.

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