Faröer, 2012

Würde man die Färöer als Menü bestellen, man erhielte Arrangierte Trostlosigkeiten, Variationen des Nichts oder Vorahnungen des Todes serviert. Ob es karg sei hier, wurde ich am ersten Tag meiner Ankunft gefragt. Ich wusste nicht recht was antworten, alles war bisher in Nebel und Regeln gehüllt, -farblich ja. Die Kargheit hat sich Tag für Tag entfaltet. Keine Bäume, keine Farben, keine liebevollen Hügelzüge. Stattdessen zeigen sich monotone mondartige Landschaftszüge, schwarze Erde und weisse Flüsse. Es gibt auf diesen Inseln alle Braun- und Grüntöne, die man sich vorstellen kann. Sie verfliessen, ohne dass man den Übergang der Farben bemerken könnte. Erst wenn der Sommer und mit ihnen die Vögel zurückkehren, werden auch ein paar Farben heimkehren. In dieser zerstückelten Kargheit fühle mich in Myst, ohne zu wissen, welches Geheimnis ich lösen sollte.

Man hätte dies in jedem Reiseführer nachlesen können, hätte. Ich bin zu früh da, zumindest vor den Touristen. Die wie die Natur kargen Inselbewohner wollen häufiger wissen, warum ich zu dieser Jahreszeit auf die Inseln gekommen bin als warum ich überhaupt hier bin. Es ist offensichtlich, dass ich die Hauptsaison verfehlt habe. Die Restaurants laufen auf Minimalbetrieb, vor 10 gibt es keinen Kaffee. Viele Fähren und Busse fahren nur, wenn man sich einen Tag vorher beim Chauffeur anmeldet. Und leider sind auch die aus einem Disney-Film geflohenen putzigen Papageientaucher noch in den Ferien - wie gerne hätte ich sie kennengelernt. So muss ich mich mit den Schafen zufrieden geben, mit denen ich bisher aber und noch keine Freundschaften schliessen konnte. Begegnet mir eine Schafherde, weiss ich nicht, ob ich es lustig oder bedrohlich finden soll. Wenn man dann auf einzelnes Tier einredet, springt es davon.

Warum ich hier bin, weiss ich auch nicht so genau. Vermutlich dachte ich mir, dass es sich gut machen würde, von einer exotischen Destination zu berichten. Vermutlich liess ich mich von der Schönheit der grünen Hügelzügen locken. Und dann gab es noch diese Fussball-Geschichte, deren Brisanz ich trotz kurzer Recherche gerade nicht finden kann. Aber das spielt keine Rolle mehr. Ich habe hier eine wunderbare Woche erlebt. Die Kargheit mag zu verzücken, das Essen ist hervorragend, die Inselbewohner sind distanziert freundlich, das Fehlen der Touristen ist erleichternd. Mir entspricht die Abwechslung des Reisens zwischen den Inseln, zwischen Natur und Städtchen, die immer die Flucht in die totale Natur, in das Aufräumen des Kopfkinos bietet. Diese nasse Monotonie ist leicht erdrückend, man muss die Wärme inwendig herstellen. Zum Glück hat mich Mutter gelehrt, abends die nassen Kleider aufzuhängen. Zum Glück habe ich Bücher zum Lesen und Zugang zur Digitalität, so dass ich mich informieren, schreiben, lesen kann.

Die Multioptionsgesellschaft zeigt sich in den einsamsten der 18 Inseln auf ein Minimum geschrumpft. Es gibt ein Hotel mit einem Essen, das zu vorbestimmter serviert wird und eine Busverbindung, die einem am nächsten Tag zur nächsten Insel führt. Vieles gibt es gar nicht, keine Videokameras, keine Strassenschilder, keine Werbung, keine Bahnhöfe. Nichts. Man fühlt sich an die Anfänge der Menschheit erinnert, als diese gerade begannen die Erde zu zivilisieren. Gut möglich wird es so auch aussehen, wenn das menschliche Leben fast vollständig ausgestorben oder digitalisiert worden ist. Dieses Nichts ist zauberhaft, beruhigend. Es ist das pure Gegenteil dessen, das sich entfaltet, wenn ich meinen Laptop aufklappe. Das Internet zeigt alles, im kleinsten Detail, in all seinen sich überlagernden Zusammenhängen. Kaum bin ich wieder drin, muss ich aufpassen, dass ich mich nicht in den Informationen und Verlockungen verirre.

Diese Gleichzeitigkeit von allem und nichts ist was mich so fasziniert am heutigen Dasein, diese Möglichkeit gleichzeitig am Ende der Welt und in den Netzwerken präsent zu sein, auf einer einsamen Insel deren spezifische Natur und Kultur kennenzulernen, im Speisesaal die Digitalität zu betreten und im Radio Flo Rida zusammen mit Sia “Hey, I heared you were a wild one” singen zu hören. Noch gelingt mir das Hin- und Herpendeln zwischen diesen Welten noch nicht wunschgemäss, zu oft führt das ständige Beamen zu innerer Rastlosigkeit. Weil wir diese Gleichzeitigkeit nicht rückgängig machen können, bleibt uns nichts anderes übrig als die entsprechenden Kulturtechniken einzuüben, wobei mir natürlich vor allem das Vergessen wesentlich erscheint, um für kurze Momente aus dem System auszusteigen. Vielleicht habe ich in diesen Reisetagen zuwenig von dieser Möglichkeit profitiert, vielleicht. Eine nächste Reise wird folgen, eine nächste Gelegenheit um Nähe und Distanz, nicht nur zum System, sondern auch zu mir selbst einzuüben. Danke fürs Zuhören und weg.

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