Diagnose Selbst­verwirklichungs­paranoia

Inhaltsverzeichnnis

Einleitung

Der Aufruf zur Selbstverwirklichung klebt an allen Tapeten der westlichen Welten. Ob wir uns im Stadtzentrum, im Internet, in Videospielen oder auf einer Reise befinden, überall erreicht uns dieselbe Botschaft: Finde dein Ich, sei du selbst und konsumiere, was dich glücklich macht. So bemühen wir uns um unser Selbst, streben wirklich nach Verwirklichung, mühen uns dabei ab. Doch die schwarzen Wolken am Himmel der Lebensphilosophien haben sich gehäuft. Kein Guru, kein Buch der Zukunft, keine Zeitdiagnose ohne Warnung vor dem Kollaps, vor der Verstückelung der Gesellschaft, vor der Flut der depressiven Einzelgänger. Diese Arbeit will beschreiben, wo und wie sich der Mensch verwirklicht, will eine Diagnose erstellen. Aufgrund der beschränkten Ressourcen gibt sie sich mit dem Malen der Verwirklichungssituation im Rausch, im Beruflichen, im Intimen und im Alltäglichen zufrieden und hofft, dass dieses reduzierte Bild genug Hinweise schafft, um die gegenwärtige Paranoia der Selbstverwirklichung zu dokumentieren. Der Text ist puzzleartig, reiht Zitate an Zitate und verbindet diese mit eigenen Gedanken. Und der Text verschliesst die Augen vor den Nöten, welche sich ausserhalb der Luxuswelten des Westens abspielen. Nicht, um nicht hinzusehen, sondern um das Augenmerk vollständig auf die Diagnose des Hier und Jetzt richten zu können.

Wer bin ich?

Im Zurückschauen auf die grosse Anzahl von Jahrzehnten, in denen die Menschheit den Planeten Erde bevölkert, wirkt der Aufruf zum Schmieden des eigenen Glücks geradezu neu. Während Jahrhunderten lebten die Menschen ihre „einfachen“ Leben, folgten den Befehlen, welche durch ihren Stand, ihre Familie und ihr Geschlechtes entstanden (vgl. Gross, 2003, S.44f.). Erst das Loslösen von religiös und materiell motivierter Fremdbestimmung ermöglichte die Entstehung von für sich selbst verantwortlichen Individuen. „Mit Wucht tritt in der Aufklärung die Idee der Freiheit hervor. Gleichzeitig entsteht im Zuge der durch die Doppelprozesse von Optionssteigerung und Enttraditionalisierung die Vorstellung vom Menschen als einem sich seines eigenen Verstandes bedienenden und mündigen Individuums“ (Gross, 1998, S.44).

Diese Befreiung von Autoritäten ermöglicht das Aufkommen von sich ständig vervielfachenden Optionen im Sinne der Multioptionsgesellschaft (vgl. Gross, 1994). „Diese Vielfalt an Diversität, dieser so offensichtlich und überall sich anpreisende Varianten-reichtum ist also nur vordergründig das Ergebnis eines entfesselten Durchpröbelns in einer innovativen Gesellschaft, die Entfesselung des modernen Menschen erfolgt in seiner sukzessiven Freisetzung aus den überkommenen Bindungen und Verhältnissen“ (Gross, 2003, S.44). Wann immer sich Selbstverständliches auflöst, entsteht eine unsichere Stelle im stabilen Gerüst von vormodernen Gesellschaften und entsteht gleichzeitig die moderne Gesellschaft, in der wir Westlichen tagtäglich leben. Mit der Infragestellung von alten Gewissheiten wird der moderne Mensch geboren.

Modern ist eine Gesellschaft, wenn ihre Individuen modern sind, und diese sind nach Luhmann (2006) modern, wenn sie ihr eigenes Verhalten beobachten können (S.22). Der sich beobachtende Mensch ist durch den Erwerb dieser Beobachtungskompetenz selbst für sein Leben verantwortlich. Er wird zur Individualität verpflichtet und aufgefordert, von hier an seinen Lebensparcours selbstsuchend und selbstplanend zu absolvieren. Die Biographien der Menschen werden unterschiedlicher, persönlicher. Dies führt zur Notwendigkeit von Orientierungspunkten, Identifikationen, die zu finden aber auch selbstverständliche Pflicht des Einzelnen ist. „Die Identitätsfrage resultierte historisch aus der Auflösung der Gemeinschaften, die Individuen in die Freiheit entliessen, die nun gezwungen waren sich selbst zu definieren“ (Kaufmann, 2005, S.62).

Die intime Definition des eigenen Wesens ist Zentrum, ist Motor, ist Gegenstand der Moderne. Die Selbstdefinition tritt an die Stelle einer göttlichen Vorhersehung, an den animalischen Kampf ums Überleben. „In der Leseart der Multioptionsgesellschaft steht im Zentrum der allgemeinen Lebensrichtung vom (bisherigen) Diesseits zum Jenseits zum (heutigen) Jenseits im Diesseits, die entsprechende Verzeitlichung oder Temporalisierung des Jenseits in die Zukunft hinein […] und die Verweltlichung der Hoffnung auf eine nahe friedliche und leidfreie Zeit“ (Gross, 1998, S.47).

Gott und seine Botschaft – „Ich bin das A und das O, spricht Gott der Herr, der da ist und der da war und der da kommt, der Allmächtige“ (Offenbarung, 1.8) – sind nicht mehr zwingend. Der Sinn des Lebens wird nur noch selten in der Erfüllung von Gottes Willen auf Erden erkannt. Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden. Der früher selbstverständliche Glaube an das Heil von oben, die Erlösung im letzten Moment, das Jüngste Gericht am Ende der Geschichte wird zur Option. Gott verflüchtigt sich, wird von den autarken Individuen verwünscht, abgelöst. Das Heft wird selbst in die Hand genommen. „Die Ent-traditionalisierung oder Entobligationierung, die in der Begegnung mit sich selber kulminiert, löst dieses menschengeschichtliche einmalige Machenwollen aus, dessen Ergebnis jenes historische Maximum an Lebens-, Denk- und Handlungsmöglichkeiten ist, in dem wir leben. Dem Einsatzwilligen winkt die Prämie einer innerweltlichen Erlösung“ (Gross, 1998, S.45).

Die Einsatzpflicht ist aber keineswegs freiwillig, sondern durch und durch Pflicht. Sie ist die einzige Pflicht der Moderne. Die Pflicht führt zum endlosen Abrackern auf dem sich beschleunigenden Lebenslaufband, macht uns durstig und müde. Die Bibel erzählt von der Samariterin, die an einem Brunnen auf Jesus trifft. Er spricht zu ihr: „Wenn du erkenntest die Gabe Gottes und wer der ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken! du bätest ihn, und der gäbe dir lebendiges Wasser. […] Wer aber von dem Wasser trinken wird, das ich ihm gebe, den wird in Ewigkeit nicht dürsten, sondern das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird ihm eine Quelle des Wassers werden, das in die Ewigkeit quillt“ (Johannes 4, 1o, 14). Die modernen Menschen sind bei ihrem Einsatz dauerhaft und freiwillig auf der Suche nach Wasser. Selbstverständlichkeiten sind passé und das macht durstig. In unseren Gesellschaften haben sich die Reflexe in Reflexionen verwandelt, „eine zutiefst persönliche Reflexion, eine Reflexion über sich selbst“ (Kaufmann, 2005, S.71). Wir sind nicht mehr selbstverständlich. Wir entstehen erst in der Reflexion über uns selbst, unsere Pläne, unser Wesen, unsere Ziele.

In Wirklichkeit ist aber kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.

Das Individuum entscheidet selbst, ob seine Erlösung selbst- oder fremdbestimmt ist, ob die Geschichte in einem Ende kulminiert oder ob alles stetig, eigentlich selbständig, selbstverständlich fortschreitet, ob es vom lebendigen Wasser kosten will. Das Weltbild ist höchst individuell heute. Die Bilder und Vorstellungen, welche auf uns einprassen, sind zu zahlreich, um bei jedem Menschen identisch zu sein und identisch zu wirken. Die Realität, das Wirkliche gehört heute dem Individuum.

„Wir alle stehen am Schnittpunkt mehrerer Realitäten“ sagt Freyer (2000, S.11). Und weiter: „Der Utopist kehrt die sonst übliche Wertung um. Er nimmt seinen Standort, mindestens als Reisender in der utopischen Welt und findet, dass von dort aus gesehen, die Alltagserde ein recht phantastisches Gebilde, fast ein traumhafter Spuk und sicherlich kein Gegenstand vernünftiger Wünsche sei“ (ebd., S.12). Jeder Mensch hat eigene Vorstellungen des guten Lebens, gärt eigene Phantasien, weilt in seinen eigenen, teils ungeteilten Welten. Die intime Utopie setzt sich aus vielseitigen Orientierungspunkten und Identifikationen zusammen. „Das was früher Utopie hiess, heisst nun Intopie, Identität des von sich getrennten Menschen mit sich selbst: Individuum“ (Gross, 1999, S.21).

Aber nicht nur ist jedes Individuum individuell, es ist auch immer anders, ist Chamäleon, wenn es darum geht, passend zu sein oder zumindest passend zu wirken. „Das moderne Ich verwandelt sich unter dem Druck der Ausdifferenzierungen von immer neuen Erlebens-, Lebens-, und Realisierungsbereichen mit entsprechenden Kodierungen und Imperativen in ein relationales Ich, und diese Realisierungen sind Ich-Realisationen, die sich ins innerpsychische, ins Kopfnest zurückziehen und sich dort in der inneren Familie beraten, bevor sie wieder ausschwärmen“ (ebd., S.88). Schulz von Thun (1998) spricht von inneren Teams, die wir alle führen und je nach Situation anders zusammensetzen müssen. Das Ich ist eben oft, was man, was die Anderen von ihm verlangen, ist Schein und Sein. „Was wir erleben, ist mithin nichts anderes als eine umfassende Flexibilisierung unserer Moralvorstellungen. Wir werden noch pragmatischer, hyperpragmatisch. Wir passen nicht nur unsere Meinungen und unsere Argumentationen den Zeitumständen sofort an, wir passen auch unsere Moralvorstellungen in Echtzeit an“ (Bosshart, 2004, S.36f.).

In der Moderne gibt es kein Ichsein, sondern nur ein Ichwerden. „Das Individuum ist kein bestehendes Atom mit einer persönlichen Identität, die ihm allein gehört, sondern ein offenes System, ein Produktionszentrum für den Sinn des Lebens, das in Verbindung zu anderen Zentren steht, die ihm persönliche Herrschaft entreissen können“ (Kaufmann, 2005, S.151). Oder in den Worten von Gross (1999): „Der Mensch ist ein Projekt“ (S.416). Ein Ich ist dynamisch. Was wir fühlen und spüren und letztlich sind, hängt massgeblich von der Interaktion mit dem Anderen zusammen. Wir entstehen in den Sinnesorganen und den entsprechenden Reaktionen unserer Mitmenschen. Wir sind nicht allein, sind nicht eindeutig und nicht fassbar. Wenn wir von einem Ich sprechen, ist dieses ein komprimiertes etwas, Summe vieler Erlebnisse und Gedanken, die Verschmelzung der kognitiven, emotionalen, motivationaler und körperlicher Identität (vgl. Faltermaier et al., 2002, S.65).

Hesse entzaubert im Steppenwolf die Illusion der Einheit des menschlichen Ichs: „In Wirklichkeit ist aber kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten. […] Der Mensch ist eine aus hundert Schalen bestehende Zwiebel, ein aus vielen Fächern bestehendes Gewebe“ (Hesse, 1974, S.77; S.79). Die Identität des Individuums ist flüchtig und fliessend. „Der Mensch ist ja keine feste und dauernde Gestaltung, […], er ist vielmehr ein Versuch und Übergang, er ist nichts anderes als die schmale, gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist“ (ebd., S.80). Kaufmann (2005) spricht in diesem Zusammenhang von einer allzeit existierenden Notwendigkeit zur Bildung und Umbildung von Identität. Identität ist unmittelbar, kontextabhängig und operativ (S.178).

Dankbar sind die Suchenden für Momente der Geborgenheit, der Ruhe, der Orientierung. Sie versuchen, sich in menschlichen Objekten, Stars und Sternchen, wiederzufinden. Sie halten sich mit selbstgemachten Porträts fest, erkennen in ihren Schnappschüssen Konstantes und sich Wandelndes. „Man zückt das Foto-Handy oder die Digitalkamera, wirft sich in Pose, knipst und mailt das Bild Freunden – oder lädt es auf das Netz. […] Das Selbstporträt ist die Volkskunst des digitalen Zeitalters“ (Althaus, 2006, S.62). Die mobilen Harddisks sind Friedhöfe der Dokumentationen der digitalen Generation. Reihen von Schnappschüssen, die die Zeit anhalten und später der intimen Rückschau dienen. Man wird wissen, wie man sich in diesen Momenten gefühlt hat. Man wird seine Entwicklung im Tagestakt beobachten können. Man wird sich wiedererkennen und sich fremd sein.

Selbstdefinition ist Recht und Pflicht der Moderne. Die Selbsterzeugung ist nicht jedem gegeben, verursacht auch Nöte und Ängste. „Das Individuum, das sich, von der Moral befreit, selbst erzeugt und zum Übermenschlichen neigt, das auf seine eigene Natur einwirken, über sich selbst hinausgehen, mehr als es selbst sein will, ist für uns inzwischen Realität geworden. Doch es hat nicht die Kraft der Herren, es ist zerbrechlich, ihm fehlt es an Sein, es ist von seiner Souveränität erschöpft und beklagt seine Erschöpfung“ (Ehrenberg, 2004, S.262).

Das Ich, wie es sein soll, ist selten, wie es ist. Und zahlreich sind die Vorbilder, die irgendwie besser als das Ich. sind „Das aktuelle Sein ist wie von einer Krankheit befallen, der Ort der Verwirklichung und Erfüllung, der eigenen, der erhofften, geträumten Vorstellungen liegt anderswo“ (Gross, 1999, S.50). Sich in einem Umfeld der tausend Möglichkeiten zu führen, kostet Kraft. Sich dem ständigen Vergleich mit den Schönsten der Werbung oder auch Herrn Müller von nebenan zu stellen, kostet Kraft. Die Ichs stehen in ständigem Wettbewerb. „Vermarktet wird bekanntlich alles, und inmitten des tobenden Umschlagplatzes, auf dem sich inzwischen fast jeder und jede als ein Markenprodukt präsentiert, das die anderen überflügeln und ausstechen muss – inmitten dieses Schlachtfelds, sage ich, fühlt sich der einzelne, sofern er noch fühlt, ein wenig leer, ein wenig überfordert und ziemlich leer“ (Werner, 2004, S.28). In der Folge wird es darum gehen, von Erfolg und Misserfolg des „erschöpften Selbst“ (Ehrenberg, 2004) zu berichten. Sein Verhalten im Rausch, im Beruf, im Intimen und im Alltäglichen abzubilden und zu einer Diagnose zusammenzufügen.

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Selbstverwirklichung im Rausch

Die Beantwortung der Frage „Wer bin ich“ entspricht einer Gratwanderung. Am Abgrund lauern Angst, Verzweiflung und Enttäuschung. „Wer sich nicht um sich selber sorgt, verliert sich in den Sorgen und Nöten anderer oder vergibt sich an Räusche und Süchte“ (Gross, 1999a, S.412). Um diese rauschenden Umwege der gradlinigen Lebenswanderung soll es in diesem Abschnitt gehen. Unmöglich scheint mir ein Lebender, welcher nicht in die von Gross angesprochenen Fallen tritt. Die Definition des Innersten, auf der wir seit der Aufklärung auf der Suche sind, ist ein Kraftakt. Besonders im Jugendalter, in dem die ersten Spuren des Selbst auftreten, geratet das Individuum auf Umwege und in Sackgassen.

Und besonders im Jugendalter sind die Spuren undeutlich oder widersprechen sich gar. Die Entwicklungspsychologie spricht von „externalisierender Problemverarbeitung“, wenn Jugendliche zu Gewalt oder Rauschmitteln greifen, um ihre Ungewissheit, ihre Hindernisse auszuräumen. „Probleme werden durch Zerstörung und ‚Vernichtung’ des vermeintlichen Gegners ‚bewältigt’“ (Fend, 2003, S.436). „Jugend-Droge Alkohol, Süchtig nach Rausch“ titelt FACTS am 1. Juni 2006 und bringt damit die Sorge der Nation um den saufenden, verwahrlosenden, randalierenden und prügelnden Nachwuchs zum Ausdruck. Das „säch wägflankä“, „säch abschiesse“, „sech zuechlepfä, „hagudicht si“, „huere däne si“ oder einfach nur das „bsoffe si“ ist nach FACTS nicht nur Reaktion auf Perspektivenlosigkeit, Stress oder Reizüberflutung (Dörting et al., 2006, S.15ff.). Man säuft des Saufens wegen. „Das Besäufnis selbst ist das Event. […] Ich schäme mich nicht“ (ebd., S.17).

Der geteilte Rausch ist Merkmal unserer Zeit, er verbindet, ist vielleicht typisch für Verwöhnte, die sich nichts zu sagen haben, die sich es leisten können, mehr als die Realität zu besitzen oder die von dem schier unendlichen Angebot an Optionen überfordert sind.

Der geteilte Rausch ist Merkmal unserer Zeit, er verbindet, ist vielleicht typisch für Verwöhnte, die sich nichts zu sagen haben, die sich es leisten können, mehr als die Realität zu besitzen oder die von dem schier unendlichen Angebot an Optionen überfordert sind. In den meisten Fällen wird sich der jugendliche Eifer nach dem Rausch im Verlauf des Erwachsenwerdens beruhigen oder sich in Luft auflösen. Und trotzdem verbleibt der Rausch als Möglichkeit, dem Ich intensiver als sonst zu begegnen oder es im Gegenteil auszulöschen. „Vielleicht ist es das heimliche Ziel des Selbst, die Spuren des Wilden überall auszulöschen, auch an sich selber, bis das abgetrennte, reine und erhabene Selbst in einer reinen, toten und völlig vorhersehbaren Welt regiert. Ein absolutes Ich versucht, das andere entweder zu vereinnahmen, zu unterwerfen, zu erniedrigen oder beiseite zu schieben und zu vernichten, auch in sich selbst. Selbstalchemie!“ (Gross, 1999a, S.210f., Hervorhebung JLC).

Selbstalchemie ist die Reaktion auf die omnipräsente Aufforderung zur Selbstdefinition, welche der Selbstverwirklichung zwingend voranschreiten muss. Wenn ich nicht weiss, wer ich bin, dann bleibe ich, wie ich bin, kann mich weder verbessern noch verändern. Gross unterscheidet zwei Typen der Selbstalchemie, Selbsterlösung und Selbstvergessen sowie ihre Instrumente Reinigung, Lösung, Zersetzung, Destillation, Sublimation, Trocknung und Verfestigung (ebd., S.211). Der Rausch, er ist nicht zwingend das literweise Biertrinken, das unermüdliche Drehen von Joints, der Stafettenlauf der Drogenexperimente. Er kennt viel alltäglichere und heimlichere Gesichter. Auch in der Telenovela, im Versinken in einem beeindruckenden Roman, im Abfahren der Autobahn bei 200km/h oder in der Aufopferung für Leidende finden sich Anzeichen der Gross’schen Rauschtechniken.

Die Rauschinstrumente sind Reaktionen auf die „Ich-Jagd“, die individuelle Jagd nach dem Individuellen. Nach Gross ist der Rausch auch Reaktion auf die Kernproblematik der Moderne, die unüberwindbare Differenz zwischen Wirklichem und Möglichem. In der Multioptionsgesellschaft sind die Individuen grundsätzlich schwach, einsam, nackt. Erst durch die Realisierung von Optionen werden sie zu Menschen, zu modernen Menschen. Sie liegen unter einem Himmel von Optionen, und keinem wird es gelingen, alle Optionen zu realisieren, die dazu führen würden, dass das Mögliche, das Erträumte, das Ideale auch tatsächlich und vollkommen das Wirkliche wird. „Das Selbstvergessen bedeutet die Kluft vergessen zu wollen. Denn diese ist ein anderer Ausdruck für den Riss zwischen Wirklichem und Möglichem, der sich durch alle Menschen hindurchzieht“ (ebd., S.216).

Der Rausch ist das Laden des Gewehres, das Spannen des Pfeilbogens, das Mischen des Gifttrankes auf der Jagd nach sich selbst. „Vielleicht sind die beiden Möglichkeiten, von denen die eine Selbsterlösung und eine Selbstvergessen genannt sind, die gleichen. Vielleicht sind Schauseite und Kehrseite einer Münze vor Gott gleich. Jedenfalls sind Selbsterlösung und Selbstvergessen die beiden personalen Reaktionen auf die verzehrende Hitze der Moderne“ (ebd., S.214f.).

Dass die verzehrende Hitze auch zu Überhitzung und Überforderung führt, ist offensichtlich. Das sich Übergeben nach dem Bier zuviel oder die Busse für den Fahrrausch auf der Autobahn sind dabei nur Kleinigkeiten. Kaufmann spricht sich in seinem „erschöpften Selbst“ dafür aus, dass die momentane Popularität der Depression Folge der Ich-Jagd in der Multioptionsgesellschaft ist. „Die Depression zeigt uns die aktuelle Erfahrung der Person, denn sie ist die Krankheit einer Gesellschaft, deren Verhaltensnorm nicht mehr auf Schuld und Disziplin gründet, sondern auf Verantwortung und Initiative […] Sie ist die unerbittliche Kehrseite des Menschen, der sein eigener Herr ist. Nicht desjenigen, der schlecht gehandelt hat, sondern desjenigen, der nicht handeln kann“ (Kaufmann, 2005, S.9; S.262). „Wenn das Bestreben, man selbst zu sein, zur Depression führt, führt die Depression zur Abhängigkeit, dieser Sehnsucht nach dem verlorenen Subjekt“ (ebd., S.264).

Ich-Jagd, Sehnsucht nach dem verlorenen Subjekt, Depression und Sucht sind alles Elemente des gleichen Teufelskreises. Folge der Verbreitung der Depression ist die Verbreitung der Antidepressiva. Antidepressiva sind Drogen, weil sie Probleme, wie oben gesehen, nur external lösen. Die Verherrlichung der Bewusstseinsveränderung ist damit längst nicht begraben. „Sind nicht Drogen Mittel, mit denen wir unsere persönlichen Fähigkeiten verbessern, ob es sich nun darum handelt, unsere Ausdauer, unsere Konzentration, unsere Phantasie oder unser Vergnügen zu erhöhen?“ (ebd., S.265). An den Antidepressiva haftet der Mythos einer perfekten Droge, „das heisst wir können nicht entscheiden, ob es sich um eine Droge oder um ein Medikament handelt“ (ebd., 230). Anders ausgedrückt, die Nebenwirkungen tendieren gegen Null. Damit taucht ein schlimmer Verdacht auf: „Ein künstlich hergestelltes Wohlbefinden übernimmt allmählich die Stelle der Heilung. Das wirft eine Reihe von Fragen auf: Ist Leiden nützlich? Wenn ja, wozu? Entwickeln wir uns zu einer Gesellschaft der bequemen Abhängigkeit, in der jeder täglich seine pharmazeutische Pille nimmt?“ (ebd., S.6).

Die Grenzen zwischen Gesundheit und Krankheit verschwimmen, am Horizont taucht Huxley’s schöne neue Welt auf. „’Ja, jeder ist heutzutage glücklich’ echote sie. Die Worte waren ihnen zwölf Jahre lang allnächtlich hundertfünfzigmal wiederholt worden“ (Huxley, 2003, S.86). Und wenn das Glück zu entwischen droht, gibt es Soma. Im Somarausch gibt es kein Unglück: „Aber sie waren in eine andere Welt entrückt, in die durchglühte, farbenfrohe, unendlich freundliche Welt des Somarausches. Wie nett, wie schön und hinreissend unterhaltsam alle Menschen zu sein schienen“ (ebd., S.87). Soma ist die perfekte Droge: „Der Urlaub, den es gewährte, war vollkommen, und wenn das Nachher manchmal unangenehm war, so lag das nicht am Soma, sondern an der Realität, die im Gegensatz zur Seligkeit des Urlaubs stand. Das beste Mittel dagegen war, den Urlaub nie zu unterbrechen (ebd., S.157). Wir alle pimpen uns tagtäglich auf, sei es mit Orangensaft, Haarspray oder neuen Schuhen. Die Frage ist lediglich, wo wir die Grenzen ziehen, was wir als normal und natürlich bezeichnen.

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Selbstverwirklichung im Beruflichen

Der Aufruf zur Verwirklichung erklingt auch auf dem Arbeitsmarkt oder alltäglicher am Arbeitsplatz. Die Veränderungen in der globalen Wirtschaftsstruktur und ihrem nationalen Pendant sind nicht zu übersehen. Die komparativen Vorteile verdrängen die lohnintensive Massenproduktion in den Osten oder noch weiter weg nach China. Was im Westen neben den Multis, die auf die economies of scale vertrauen, übrig bleibt, ist eine klein strukturierte, Immaterielles produzierende vernetzte Wirtschaft. In der Schweiz sind 76% aller Unternehmen im tertiären Sektor tätig. Deren durchschnittliche Betriebsgrösse beträgt 7.4 Mitarbeitende (bfs, 2005). Und 93% aller Schweizer Unternehmen haben einen Internet-anschluss, 71% eine Adresse im virtuellen Netz (bfs, 2006). Bieger (2002) sieht die Entsolidarisierung, die Wissensgesellschaft, die verstärkte Arbeitsteilung, die Überalterung und die Serviceleistungen im Industriesektor als Treiber der Dienstleistungsgesellschaft (S.24).

Die Menschen nutzen die dienstleistenden Unternehmen, um ihre Mängel zu glätten, sich aufzudonnern – pimp my life. Aus Sicht der Unternehmen entlasten diese ihre Kunden oder befähigen sie zur Selbständigkeit – relieve and enable (ebd., S.25). Unser Drang nach Freiheit, Selbständigkeit und Luxus führt auf der Angebotsseite zu Rationalisierungs- und Automatisierungstendenzen, weil immer mehr sich immer mehr leisten wollen. Die Kosten müssen gesenkt, die Ideen dauernd überholt werden. Diese angeblichen Zwänge und die Verbreitung von intelligenten Künstlichkeiten drängen die Menschen auch im Dienstleistungssektor aus dem Wertschöpfungsprozess.

Gestaltet, gelenkt und weiterentwickelt wird nun vor allem das menschliche Kapital der Unternehmen, die Human Resources.

Das GDI spricht von Servolution und lässt im Editorial seines „Wissensmagazins für Wirtschaft, Gesellschaft und Handel“ die Leser wissen, dass „die Technik bereits die Automatisierung auch von interaktiven und komplexen Dienstleistungen – und damit die Industrialisierung des Servicesektors erlaubt“ (GDI Impuls, Winter 05). Die Headline des ersten Artikels dieser Rundschau ruft den Krieg aus: „Im Kampf darum, wer der bessere Dienstleister ist, treten Menschen gegen Automaten an“ (Rayport, 2005, S.9). „Wir betreten eine Welt, in der Technologie in der Form von kleinen, intelligenten, interaktiven, verbreiteten und vernetzten Geräten dazu fähig ist, die Nutzer emotional anzusprechen und tatsächlich emotionale Wünsche zu erfüllen“ (ebd., S.11). Sind wir also nur Sekunden von einer Welt entfernt, in der Automatenhunde in unserem Wohnzimmer bellen, wir uns dauerhafte Somaferien gönnen und wir die ganze Arbeit den Maschinen überlassen?

Die Maschinen verändern die Beschaffenheit der Arbeit, welche uns Menschen übrig bleibt: „Wir glauben aber, dass wir uns auf eine gewaltige Neuverteilung der menschlichen Arbeit zubewegen: zur Rückkehr der Menschen zu Jobs, die ihren einzigartigen Fähigkeiten entsprechen, während die Maschinen ins Front-Office vordringen“ (ebd., S.17). Man erhält den Eindruck, dass auch Visionäre und Trendgeile die vollständige Macht oder die Machtergreifung durch Maschinenmenschen als bedrohlich empfinden, für Unsinn oder zumindest weit entfernte Zukunft halten. Die von Houellebecq (2005) beschriebenen Neo-Menschen, mit deformiertem Körper und geschwächtem Sexualtrieb verbleiben vorerst im Roman, und Sätze wie „wie sie waren wir nur bewusste Maschinen, aber im Unterschied zu ihnen war uns bewusst, dass wir nur Maschinen waren“ (S.248) verweilen als Fiktion.

Gehen wir also davon aus, dass die Kernkompetenzen der Menschen gerade im Menschlichen liegen, wird es möglich, über die Weiterentwicklung der Arbeit zu sinnieren. Die Menschen können sich vollständig den persönlichen Elementen der Dienstleistungen widmen. Die Bedeutung dieser wird klar, wenn man sich die Herausforderungen des Dienstleistungsmanagements in Erinnerung ruft: Die Intangibilität der Leistung führt zu einem hohen Kaufrisiko für den Kunden, durch Zusammenfallen von Produktion und Konsum entsteht die Notwendigkeit, die Leistung gemeinsam zu schöpfen und den individuellen Bedürfnissen des Kunden anzupassen und schliesslich wird die Qualität der Leistung im Moment der Wahrheit wahrgenommen (Bieger, 2002, S.49). Im Moment der Wahrheit rückt das Menschliche in den Mittelpunkt, es menschelt gewaltig. Ob beim Coiffeur, beim Zahnarzt oder beim Coaching, die gemeinsam gestaltete Zeit bleibt in Erinnerung und entscheidet über Wiederkauf und Wiederbesuch.

Mitarbeitende werden zu Markenbotschaftern (Kernstock & Brexendorf, 2004, S.253) und transportieren im Falle von Grossunternehmen die Markenwerte des Konzerns, im wahrscheinlicher werdenden Fall der Kleinunternehmung die Werte des Patrons oder aber in der Ich-AG die individuellsten Werte, die Ich-Marke. „Die Marke ICH ist ein Konzept, das heute jeder in seinem Berufs- und Privatleben einsetzen kann, um zu besseren Resultaten zu kommen Und in der ständig verändernden Berufswelt von morgen ist die Marke ICH der Ersatz für die überholten Karrierepläne vergangener Jahrzehnte“ (Seidl & Beutelmeyer, 1999). Management und Führung mutieren durch die Zentrierung des Ichs. Gestaltet, gelenkt und weiterentwickelt (vgl. Rüegg-Stürm, 2003) wird nun vor allem das menschliche Kapital der Unternehmen, die Human Resources. In der hier skizzierten Volkswirtschaft produzieren die Menschen schliesslich nur Immaterielles, In- und Output sind also die menschlichen Handlungskompetenzen. „Handlungskompetenzen bezeichnen das Potenzial, die Möglichkeit zu handeln. Oder anders formuliert: Handlungskompetenzen sind erworbenes und verarbeitetes Wissen, das zum Handeln befähigt“ (Euler & Hahn, 2003, S.78).

Die Handlungskompetenzen müssen durch Management und Führung unternehmens-übergreifend definiert, kontrolliert, koordiniert und entwickelt werden. Das Ich wird zum einzigen Produktionsfaktor. „Dieses hat seine Geschäftsfelder zu definieren, Erneuerungsinvestition zu tätigen. Ein Projektportfolio zu gewichten, eine Marketingstrategie für das eigene Produkt, letztlich für das ICH zu entwickeln und den Verkauf voranzutreiben“ (Gross, 2001, S.410). Auch wenn Malik (2004) dem Individuum das Vergnügen am Arbeitsplatz abstreitet – „Problematisch wird die Angelegenheit aber dann, wenn aus einem erstrebenswerten Ziel ein vermeintlicher Anspruch – eine Forderung – wird, wenn die Leute zu glauben beginnen, sie hätten ein Recht darauf, dass ihnen die Arbeit Freude macht“ (S.81) – so strebt das Individuum doch danach. Als entfesseltes, sich suchendes Individuum, will es sich auch am Arbeitsplatz finden. Und als dienstleistendes Miniunternehmen in der Interaktion mit anderen Menschen sich selber finden.

In der Interaktion setzt es seine Sinne ein, um das Gegenüber bei der Problemlösung zu unterstützen. Und gleichzeitig seinem Innersten auf die Schliche zu kommen. Nicht bewusst, aber unbewusst in der Verarbeitung der zahlreichen Momente mit anderen Menschen, anderen Ausgangslagen und anderen Problemen. Arbeiten könnte mehr sein, als Geldberge anzuhäufen. Arbeiten könnte mehr sein, als sich auf dem Arbeitsmarkt zu profilieren. Arbeiten könnte tatsächlich das gemeinsame Lösen von Problemen sein. „Mit der Reduktion der Person auf ihren Marktwert und ihre Marktfähigkeit wird man dem Menschen und seinen grossen und bewundernswerten Exemplaren, allem, was ein Mensch ist und sein kann, nie gerecht. […] Ein gutes Leben führen heisst auch ein gutes Leben mit sich selber führen. Und ein gutes Leben mit sich selber führen heisst gerade in der modernen Gesellschaft zu anerkennen, dass das, was man ist, nicht nur das ist, was man auf dem Erwerbsmarkt ist. Und dass das, was man auf dem Erwerbsmarkt ist, nicht nur ein Resultat des eigenen Wollens ist. Was man ist, wird in einer ausdifferenzierten Gesellschaft unterschiedlich beurteilt. Und was man ist, hängt letztlich davon ab, wie einem andere und nicht, wie man sich selber beurteilt. Und beurteilt wird man letztlich in seiner Gesamtheit“ (Gross, 2001, S.417f.).

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Selbstverwirklichung im Intimen

Dass das Intime zu einem Markt geworden und dieser in Teil- und Teilteilmärkte zerbröckelt, zeigt sich am offenkundigsten bei einem Rundgang durch die virtuelle Landschaft des Internets. Die Rubrik Single steht gleichberechtigt mit Jobs, Kino, Digitalen Fotos und Aktien in der Hauptnavigation des wichtigsten Portals der Schweiz, bluewin.ch (vgl. Swiss Website Charts, 2006). FriendScout24, das selbst ernannte „beliebteste Flirtrevier der Schweiz“, lockt mit über 60 000 Singles. Beim kleinen Bruder gayromeo.ch sind zurzeit immerhin 26 234 User online, die mich in ihrer Community willkommen heissen würden. Neben diesen Massenmärkten gibt es eine Fülle von anderen Portalen, die sich auf spezielle und speziellste Neigungen und Eigenarten der Surfer konzentrieren. Und ohne Zweifel ist auch die Vermischung der Grenzen zwischen Partnersuche und sexueller Befriedigung. Nicht jugendfreie Bilder werden verdeckt und versteckt, gegen Entgelt aber gerne zugänglich gemacht.

Banners von Lieferanten von Sexspielzeugen oder virtuellen Sexkinos sind so normal wie die Links zu kommerziellen Fotoalben oder Freunden mit demselben Fetisch. Wir deklarieren unsere Körper, unsere Lust in Zahlen und machen uns zu Objekten. Zu Gütern, welche wir freiwillig anbieten. Am offensichtlichsten findet dieser Prozess bei den Sadomasochisten statt, welche neben den üblichen statistischen Daten auch in %-Angaben die Ausprägung ihrer sexuellen Dominanz bzw. eben ihrer sexuellen Devotheit in ihrem Profil notieren. „Moderne Menschen verstehen Sexualität entweder als Triebabfuhr oder – anspruchsvoller – als Begegnung: Das Subjekt in seiner Einzigartigkeit erfährt im Hier und Jetzt ein anderes Subjekt in seiner Einzigartigkeit. Zwar sind Begegnungen nicht auf Sexualität begrenzt; man kann auch Gegenständen, Landschaften oder Kunstwerken begegnen. Das Besondere an der sexuellen Begegnung besteht jedoch darin, dass es ein Mensch ist, dem man begegnet, und dass der Partner in diesem Augenblick das gleiche Ziel hat wie man selbst“ (Schulze, 2006, S.37).

Der sexuelle Akt wird zum gegenseitigen Dienstleisten, dem uno-acto Prinzip unterstehend. Die sexuelle Befriedigung entspricht der Dienstleistungsdefinition von Bieger (2002): Dienstleistungen sind Leistungen, die an einem Menschen oder einem Objekt ohne Transformation von Sachgütern erbracht werden (S.7). Der Nutzen „besteht meist in einem individuellen Wohlbefinden auf der Basis einer Problemlösung, eines Erlebnisses oder einer physischen oder psychischen Weiterentwicklung“ (S.7). Der passgenaue Dienst in der engen Fetischhülle ist Zeichen der Zeit und steht eigentlich im Gegensatz zu allem, was wir allgemein mit Liebe und Zärtlichkeit assoziieren. „Eine Sache macht mir dabei angst, fuhr sie fort, und zwar dass es überhaupt keinen körperlichen Kontakt mehr gibt. Die Leute tragen alle Handschuhe und benutzen irgendwelche Geräte. Nie kommt die Haut des einen mit der des anderen in Berührung, sie küssen sich nicht, sie streifen sich nicht, sie streicheln sich nicht. Für mich ist es das genaue Gegenteil von Sexualität“ (Houellebecq, 2003, S.182). Sex entfernt sich und entkoppelt sich vom Menschen und wird zur Sache, wird zur angesprochenen Dienstleistung.

Das gegenseitige Dienstleisten verlangt nach einer genauen Kartierung der eigenen Bedürfnisse. Wer nicht weiss, was er braucht, was er will, der hat auf einem Markt nichts verloren. Sexualität geschieht nicht mehr passiv, in dem man sich hinlegt und abwartet was passiert. „Sexualität ist kulturell eine weitgehende Selbstverständlichkeit geworden wie Mobilität oder Egoismus“ (Sigusch, 2005, S.40). „Nun geht es nicht mehr darum, das eigene Leben zu erkämpfen, sondern es zu gestalten. Jeder steht einem noch vor einigen Jahrzehnten undenkbaren sexuellen Möglichkeitsraum gegenüber und muss darauf irgendwie reagieren“ (Schulze, 2006, S.39). Die Multioptionsgesellschaft macht eben auch vor der Sexualität nicht halt.

„Die Sexualität ist zu Ende befreit, der spektakuläre kollektive Tabubruch ist ausgereizt. An seine Stelle tritt die Suche der vielen Einzelnen nach ihrer ganz persönlichen Form“ (ebd., S. 39). Wer heute sexuell befriedigt werden will, muss sich zu seinem Innern, seinen Lüsten, seinen Perversionen bekennen. „Im Kern ist das normale Sexualleben pervers und das perverse normal. […] Die perverse Lust gehört zu den intensivsten überhaupt. […] Jenen aber, die die Perversen denunzieren, ist offenbar nicht bewusst, dass sie das wünschen, was sie so laut verleugnen und verfolgen. Sie reagieren so abwertend, weil sie dunkel ahnen, dass sie all das, was die Perversen erleben oder krankhaft tun müssen, vom sexuellen Rausch bis hin zum lebensbedrohlichen Ich-Zerfall, selbst erlebten oder täten, wenn in ihrem bisherigen Leben nur eine Weiche anders gestellt worden wäre“ (Sigusch, 2005, S.75; 79; 80).

Fern von kleinen und grossen, rechtlich korrekten Perversionen wird Sex normal, banal. Wir sehen nackten Körpern in der Werbung beim Duschen zu, sehen Champagner in Videoclips über Brüste fliessen und im Internet lauert hinter jeder Ecke ein Link zur nächsten Pornosite, zum neusten Potenzmittel oder gar ein nackter Phallus selbst.

Fern von kleinen und grossen, rechtlich korrekten Perversionen wird Sex normal, banal. Wir sehen nackten Körpern in der Werbung beim Duschen zu, sehen Champagner in Videoclips über Brüste fliessen und im Internet lauert hinter jeder Ecke ein Link zur nächsten Pornosite, zum neusten Potenzmittel oder gar ein nackter Phallus selbst. Man sagt uns, sei pervers, leb deinen Trieb. Du lebst nur einmal, du könntest es bereuen, wenn du nicht Teil unserer Sexparty, unseres Gangbangs bist. Ja, „als Sünde gilt das Versäumen erotischer Gelegenheiten“ (Schulze, 2006, 40). Und trotzdem haftet am Aufruf zur sexuellen Verwirklichung ein Zögern.

Den Sex, den wir sehen, ist immer der Sex von Fremden. Er ist anonym und artifiziell. Wie unsere Freunde und Bekannte, unsere Arbeitskollegen Sex leben, konkret haben, interessiert uns nicht. Die Vorstellung stösst uns ab. Sex ist und bleibt animalisch. Und gerade deshalb, weil Sex das Ausleben und Ausstossen des Innersten ist, bleibt es Tabu. Vielleicht wird es gar durch die ständige Präsenz von nacktem Fleisch in den Bilderwelten unserer Zeit noch mehr zum Tabu. Das Intime wird zugunsten des Öffentlichen zurückgedrängt. Zwar spricht man heute offener über Transvestie und Analsex, aber eben nur in einer öffentlichen Form. Je mehr des Privaten öffentlich wird, umso privater wird dasjenige, was noch nicht öffentlich ist. Das Intime wird noch intimer.

Und natürlich ist nicht nur Sex intim. Intim ist, was mir ganz eigen ist, was eigentlich niemanden etwas angeht, was ich mit mir selber teile, was selbst vor mir in vielen Momenten ein Geheimnis bleibt. Intim ist, was ich eigentlich gar nicht bin. Intim ist, was nur in den Momenten der völligen Selbstsicherheit hervortritt. Wissend, dass niemand da ist, der es beobachten oder registrieren könnte. Intim sind Weltanschauungen, Bilder des Letzten, der eigene Tod. Das eigene unerfüllte Glück. Lächerliche Ängste, lächerliche Hoffnungen.

Auch Liebe ist intim, weil sie kostbar und in purer Form selten ist. Auch das Projekt Liebe ist jung. „Diese Idee der Liebe gibt es wie unsere Art und Weise zu lieben erst seit einigen Jahrhunderten, sagen wir seit zehn Generationen. […] Gesellschaftlich war die Liebe immer tot, aber sie lebt seit einigen Generationen in den Menschen – als Idee und Möglichkeit“ (Sigusch, 2005, S14). Liebe ist Option unter vielen, viel gesuchtes Zaubermittel, unfassbar und wundervoll. Auch Liebe wirkt berauschend und entfacht Sucht. „Nur wer die Verdrehung und Versachlichung aller Beziehungen durch Liebe oder erst noch von ihr zu differenzierende Verliebtheit, also mehr oder weniger mit den Mitteln des Rauschs, der Sucht, des Wahnsinns, ausser Kraft zu setzen sucht, kann die Wirklichkeit ein wenig zum Tanzen bringen und überleben (ebd., S.16) „Ich schaute ihr nach, als sie sich entfernte, und musste mich beherrschen, nicht wie ein Bekloppter hinter ihrem Wagen herzurennen. Schmetterlinge im Bauch, Fliedersträusse, Freudenflüsse. Ich führe meine Hand zum Mund, Tau liegt auf meinen Pupillen. Ich werde wieder zum Leben erwacht“ (Beigbeder, 2006, S.133).

„Wo denn sonst könnten wir uns verstanden, geborgen und nahe fühlen, wenn nicht in unseren Liebesbeziehungen? Ist der Liebe wie dem Sexuellen seelisch und sozial die Funktion zugewiesen, gesellschaftliche Leere zu überbrücken, Lücken aufzufüllen, Sinn vorzutäuschen, Lebendigkeit einzublasen, die Menschen überhaupt noch etwas Menschliches spüren zu lassen, so tun beide eben dies alles, was das Sexuelle und die Verliebtheit eher kurz, die Liebe eher langatmig“ (Sigusch,2005, S.18). Liebe sind die Momente, in denen wir uns vergessen. Liebe ist nicht auf Menschen begrenzt. Wir können auch Objekte, Tätigkeiten, Gedanken und Götter lieben. Sie geben uns Kraft, führen uns zu uns selbst, ohne dass wir diese Begegnungen und Heranführungen bewusst spüren würden. Es sind Momente des Nichts, des positiv empfundenen Nullzustands.

„Indem wir uns, indem das Ich sich will, trifft es statt auf sich selbst auf Beschreibungen, was es war und was es werden könnte. Vielleicht ist Gott die höchste Steigerungsform des Ich: Ist, was er ist, sich selbst. Nichts sonst“ (Gross, 1999, S.17). Ist Gott selbstverständlicher Teil unseres Selbst, wartet auf seine Aktivierung, die in der gleichzeitigen Passivierung eben des Selbst geschieht? Liegt Gott in der totalen Freiheit? „Frei sein heisst, nicht frei vom Begehren, sondern frei von Möglichkeiten sein; frei sein heisst, frei für sich sein und was nicht frei für sich ist, zu befreien; und frei sein heisst auch frei von dem sein, was die Freiheit beeinträchtigt; frei sein nicht nur von etwas sein, sondern von allem frei sein, auch vom eigenen Körper“ (ebd., S.190). Vielleicht ist alles Intime Liebe. Und vielleicht ist es deshalb so kostbar, schützens- und versteckenswert, weil es frei von jedem Preis ist. „Die Liebe kann nicht hergestellt und nicht gekauft werden. Das aber ist in einer Welt des Machens und Verkaufens phantastisch (Sigusch, 2005, S.19).

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Selbstverwirklichung im Alltäglichen

Wo bleibt das Alltägliche? Das Tagtägliche, Normale und Unspektakuläre. Wenn wir davon ausgegangen sind, dass diese Gedanken sich um die Selbstverwirklichung der Individuen in den verschiedenen ihnen sich präsentierenden Feldern drehen, dann sind wir insgeheim davon ausgegangen, dass das endliche Ziel Glück heisst. Wozu sollte sich das Individuum verwirklichen, wenn nicht um des Erkennens der eigenen Stärken und Schwächen, Peter Gross würde sagen, der individuellsten SWOT-Analyse wegen? „Die SWOT-Analyse stellt wichtige Einflussfaktoren von Umwelt und Unternehmen komprimiert und im Überblick dar und gewinnt aus deren ‚Konfrontation’ eine Vielzahl strategischer Optionen“ (Müller-Stewens & Lechner, 2003, S.224). Dabei ist die SWOT-Analyse nur Ausgangslage einer Verbesserung, die Basis, um nicht zu sagen, lediglich Beginn der Optimierung. Die gelungene, die passende SWOT-Analyse ist Voraussetzung des Lebens im Glück, der vollkommenen Zufriedenheit.

Govinda, der lebenslängliche Freund des Glückssuchers Siddhartha, ist vom Glückszustand seines Freundes tief beeindruckt. Hesse beendet seinen Roman mit den Sätzen „Tief verneigte sich Govinda, Tränen liefen, von welchen er nichts wusste, über sein altes Gesicht, wie ein Feuer brannte das Gefühl der innigsten Liebe, der demütigen Verehrung in seinem Herzen. Tief verneigte er sich zur Erde, vor dem regungslos Sitzenden, dessen Lächeln ihn an alles erinnerte, was er in seinem Leben jemals geliebt hatte, was jemals in seinem Leben ihm wert und heilig gewesen waren“ (Hesse, 1974a, S.121). Der Roman von Hermann Hesse lässt sich als Erfolgsrezept für innere Ruhe und umfassenden Glückszustand lesen. Suche dein Glück, koste die Quellen in denen du Glück vermutest, suche bis du sicher bist, dass du dein Glück gefunden hast und konzentriere dich schliesslich auf dein einfaches pures Glück.

Das Rezept „Hesse“ unterscheidet sich nur geringfügig von den Rezepten in den aktuellen Forschungsberichten und Büchern, welche Glück und Wirtschaft kreuzen und uns als Ratgeber dienen wollen. Diese Glückssuche, die Überlegungen zum guten Leben existieren schon lange, nur zum Programm wurde sie erst in der Moderne. „Die Moderne eignete sich das Motiv des schönen Lebens lediglich neu an und buchstabierte es auf ihre Weise aus. Sie befreite es von Stigma und Sünde, demokratisierte es radikal und übersetzte es in ein ewig expansives Universum von Wahlmöglichkeiten“ (Schulze, 2005, S.14). Hier haben wir sie wieder, die Optionen und die damit verbundene Qual der Wahl, die Opportunitätskosten der nicht berücksichtigten oder erst gar nicht entdeckten Wahlmöglichkeiten.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint sich die Weisheit zu verbreiten, dass nicht einmal das ständige Konsumieren, das ständige Wählen Garant des Glücks ist. „Inzwischen steht der Konsum nicht mehr im Mittelpunkt der Glücksvisionen, sondern was man für sich selbst aus seinem Leben macht. Versteht man unter Glück ein Gefühl, so sind die Wahlmöglichkeiten lediglich eine Bedingung des Glücks und nicht das Glück selbst“ (ebd., S.15). Die Menschen sind also nicht nur dauerhaften Entscheidungszwängen ausgesetzt, sondern stehen auch vor der Wahl sich für Nichts zu entscheiden, die Wahl zu verweigern, aber dies ist eben auch eine Option.

Schulze spricht von den Todsünden Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid, um die Entscheidungszwänge der Menschen zu systematisieren. Als schuldig gilt nicht nur, wer übermässig träge ist, sondern auch wer die Trägheit vollständig vernachlässigt oder sie gar als Sünde stigmatisiert. Dasselbe gilt für alle sieben Sünden. „Es herrscht eine als Eindeutigkeit maskierte Ambivalenz. Hinter der oft geäusserten Verachtung des hedonistischen Alltags als banal, oberflächlich, billig, masslos, sinnlos, unmoralisch und gesundheitsschädlich birgt sich eine Liebe zum Diesseits, wenn auch eine verschämte und verkniffene. Leicht angewidert nimmt man letztlich doch in Anspruch, was man verbal von sich weist“ (ebd., S.16).

Diese Ambivalenz ist bei den nun folgenden Einblicken in die genannten Ratgeber nicht zu vergessen. Easterlin (2003) rät, unsere Ressourcen für das Immaterielle einzusetzen. Das Immaterielle ist frei von Vergleichen mit den Anderen und macht nicht süchtig nach mehr. Überhaupt wissen wir seit der Umschreibung David Bossharts (2004) unserer Zeit als BILLIG-Zeitalter, dass uns die Zukunft zwar billige Mode, billiges Essen, billige Mobilität, billige Schönheit, billige Pornographie und noch viel mehr Billiges bringt, dass diese Consumer Democracy (S.61) aber auch tiefe Wunden hinterlässt. „Exzess, Überfluss und Tiefpreis gehören zusammen.

Sie sind das logische Pendant zu einer asketischen Form der Unternehmensführung: Werde schneller, besser, billiger […] Der Bulldozer ist zugleich beides, gut und schlecht, denn er bringt Wohlstand und sein Gegenteil. Einerseits haben wird die billigen Preise von Wal-Mart, die unendliche Vielzahl von Produkten aus China und alle wünschbaren Informationen aus dem Internet. Auf der anderen Seite drehen wir an einer Spirale, die die grosse Mehrheit nach unten drückt. Wenn wir tiefe Preise haben, haben wir tiefe Löhne. Wenn wir tiefe Löhne haben, sind wir mehr auf billige Preise angewiesen […] Preise sind Beschleuniger von Entwicklungen. Die vielerorts thematisierten schärferen Polarisierungen zwischen Premiumbereich und Discountbereich laufen denn auch unvermindert weiter“. [ebd., S.63; 62; S.175].

Die Gleichzeitigkeit von M-Budget und Sélection Mozarella im Einkaufswagen der Migros bzw. Prix Garantie oder Fine Food Lachs im Falle von Coop eröffnet zwei Interpretationen. Entweder sind die Budgetrestriktionen oder die Nutzenfunktionen für die unterschiedlichen Einkäufe verantwortlich. „Der individuelle Warenkorb enthält zunehmend extrem teure und extrem billige Produkte. Frei verwendbare Mittel aus höheren Einkommen und Einsparungen aus Billigkäufen in einzelnen Kategorien – zum Beispiel Grundnahrungsmittel – werden verwendet, um im obersten Preissegment einzukaufen. Diese Präferenzkategorien wie auch die Sparkategorien definiert jeder Konsument für sich individuell“ (Walti, 2005, S.8).

Ja, ich kaufe am Freitag Prix Garantie Halbliterdosenbier für 85 Rappen und gönne mir tags darauf den teuersten frisch gepressten Orangensaft, um die letzten Spuren des Vorabends zu verwischen. Jedenfalls solange sich die Verläufe der Gini-Kurven nicht verändern, so lange haben wir keinen Grund, nur an die Nutzenfunktionen zu glauben. Vielleicht aber führt die Verbreitung der Anti-Konsum und Anti-Individualismus Meme in Werken von Layard (2005), Rushkoff (2005) oder Lasn (2005), welche im Moment erst Belesene und Interessierte erreichen, tatsächlich einmal zur grosszügigen Umverteilung des volkswirtschaftlichen Einkommens.

Die Kartierung des Unglücks liesse sich ins Unendliche weiterführen. In jedem beschriebenen Moment des Unglücks würden wir uns durch Ausschluss dem puren Glück nähern. Aber Glück lässt sich nicht beschreiben, lässt sich nur individuell fühlen.

Layard macht wie Easterlin darauf aufmerksam, dass sich Glück zu einem grossen Teil jenseits vom finanziellen Einkommen, bzw. 20 000 $ pro Jahr befindet (Layard, 2005, S.46). Layard’s Glückfaktoren weisen in dieselbe Richtung wie Easterlin, wenn er sagt, dass familiäre Beziehungen, die finanzielle Lage, Arbeit, das soziales Umfeld, die Gesundheit, die persönliche Freiheit und die Lebensphilosophie für das menschliche Glück verantwortlich sind. Konsequenzen dieser Untersuchungen müssten die Garantie eines Einkommens von 20.000 Dollar und das Schaffen der Grundlagen für die anderen sechs Glücksfaktoren sein. Diese könnten in einer breiten Bildung der breiten Bevölkerung im Sinne von Humboldt geschaffen werden. Die Sicherung des Einkommens wäre wie von Ullrich (2005) vorgeschlagen, durch ein Bürgergeld denkbar. „Wir müssen die Menschen vom Zwang zur lebenslangen Vollzeitarbeit entlasten, indem wir unsere Existenzsicherung auf zwei Beine stellen: Das Erwerbseinkommen zum einen und ein erwerbsunabhängiges Grundeinkommen zum anderen“ (S.43).

Eine Volkswirtschaft mit besser verteilten Einkommen ist auch Voraussetzung für die von Rushkoff (2005) geforderte Open-Source Wirtschaft. „Das Open-Source-Modell, das mit der Betriebsgeheimniskrämerei des Wettbewerbs endgültig aufräumt, fördert den freien und offenen Austausch jener Codes, die der von uns benutzten Software zugrunde liegt. Jeder kann so seinen Beitrag zur Verbesserung leisten. Im Ergebnis sind die Produkte stabiler, flexibler und benutzerfreundlicher“ (s.362). Rushkoff verlangt, dass wir uns als riesiges Netzwerk verstehen, uns gegenseitig helfen und uns so als Gesamtheit weiterentwickeln.

Er schliesst seinen Appell mit den Worten: „Wenn wir uns selbstsicher und kompetent genug fühlen, um unseren Mitmenschen etwas von Wert anbieten zu können, können wir unsere Unternehmen in einen ganz neuen Kontext stellen. Wir werden unsere Entwicklung als Teamarbeit begreifen und uns von der Idee des Wettbewerbs vollkommen lösen“ (S.367). Rushkoff glaubt an ähnliche Mechanismen wie Putnam, wenn die Gemeinschaft gestärkt werden soll. „Unsere neuen Denkformen und Einsichten werden sich ganz natürlich aus unserem gemeinschaftlichem Engagement entwickeln, so wie neue Arten bzw. neue Artenmerkmale sich durch den Austausch von Genen bilden“ (S.366f.).

Sie glauben an eine Bottom-Up Umwälzung des status quo, weil die Menschen einsehen, dass der eingeschlagene Weg nicht ans helle Glück, sondern zu Vereinzelung, Einsamkeit, Krankheit, Misstrauen und Unsicherheit führt. Putnam zeigt auf, dass Wertverschiebungen in der Generationenfolge, das dauernde Fernsehen von anspruchslosen Inhalten, der Zeit- und Gelddruck sowie die Mobilität dazu führen, dass wir heute alleine bowlen, dass also die Gesellschaft in einzelne und vereinzelte Einheiten zerspringt. Und dass sich diese Auflösungsprozesse negativ auf unsere Demokratien, unsere Gesundheit, unsere volkswirtschaftliche Produktivität und unser Sicherheitsgefühl auswirken.

Die Schwächung des Sozialkapitals wirkt sich negativ auf das Individuum aus. „However, social capital also can have ‚externalities’ that affect the wider community, so that not all the costs and benefits of social connections accrue to the person making the contact” (S.20). Putnam fordert Stärkung und Vemehrung der sozialen Verbindungen: „Our goal must be to increase participation and deliberation in other, more substantive and fine-gained ways, too – from team sports to choirs and from organized altruism to grassroots social movement” (S.403). Diesen Visionären geht es nicht um Kollektivierung des Eigentums oder Zentralisierung der Macht, sie glauben lediglich an die Korrelation zwischen Gemeinschaft und subjektiv empfundenem Glück des Individuums. „We should do this, ironically, not because it will be good for America – though it will be –but because it will be good for us” (s.414).

Und doch sind die nicht-wissenschaftlichen Dokumente, Romane, Essays und Selbst-portraits, Dokumentationen des menschlichen Lebens eben, voll von Unglück. Das Unglück ist zum Beispiel alltäglich, weil Sex auf dem Programm der Moderne zuoberst steht: „Der Sex, sagte ich mir, stellt in unserer Gesellschaft eindeutig ein zweites Differenzierungssystem dar, das vom Geld völlig unabhängig ist; und es funktioniert auf ebenso erbarmungslose Weise. Auch die Wirkungen dieser beiden Systeme sind genau gleichartig. Wie der Wirtschaftsliberalismus – und aus analogen Gründen – erzeugt der sexuelle Liberalismus Phänomene absoluter Pauperisierung. Manche haben täglich Geschlechtsverkehr; andere fünf oder sechsmal in ihrem Leben oder überhaupt nie. […] Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsstufen“ (Houellebecq, 2004, S.108f.).

Stossend ist den Autoren auch das Zusammenwachsen der Welt, das Verschmelzen der Eigenarten zu einer globalen Monokultur. Die Kampfzone wird nicht nur alters- und schichtmässig sondern auch geographisch unabhängig. „Die Welt kommt mir eintönig vor, da ich nur auf Flughäfen und Discos verkehre. Überall spielt im Hintergrund dasselbe Lied. Die Globalisierung trifft zuerst die Musik. Die Erde ist zum Dancefloor geworden“ (Beigbeder, 2006, S.54, Hervorhebung JLC). Das Motiv des Flughafens findet sich auch im Reiseroman Plattform von Houellebecq (2004): „Kurz gesagt, die Läden im Flughafen bildeten noch einen Raum nationalen Lebens, aber eines in eine Sicherheitszone verwandelten, abgeschwächten, dem Standard des Weltkonsums angepassten nationalen Lebens. Für den Touristen, für den die Reise zu Ende ging, handelte es sich [beim Flughafen] um einen Zwischen-Raum, der nicht so interessant und zugleich nicht so beängstigend war wie der Rest des Landes. Ich hatte die Vision, dass die ganze Welt tendenziell immer mehr einem Flughafen gleicht“ (S.126).

Die Welten, in denen wir uns bewegen, sind zwar perfekt organisiert, durchgestylt und fehlerlos, aber sie sind auch künstlich, oberflächlich und unecht. „Die Kurzsichtigkeit ist dein letzter Luxus. Alles ist so wunderbar verschwommen wie in einem Videoclip. Alles ist Oberfläche“ (Beigbeder, 2002, S.77). Wir degenerieren zu uns berauschenden Statisten. „Sie sind nie bei der Sache und leben ein Leben aus zweiter Hand, als wäre es eine Schande, sich damit zu begnügen, hier und jetzt zu atmen. Wer fernsieht oder vor einer interaktiven Website sitzt, wer übers Handy telephoniert oder auf seiner Playstation spielt, lebt nicht“ (ebd., S.137).

Die Kartierung des Unglücks liesse sich ins Unendliche weiterführen. In jedem beschriebenen Moment des Unglücks würden wir uns durch Ausschluss dem puren Glück nähern. Aber Glück lässt sich nicht beschreiben, lässt sich nur individuell fühlen. Glück ist Zustand und nicht Objekt, es ist flüchtig, weder dokumentierbar noch vergleichbar. Glück ist top of the pops. Glück ist unübertreffbar. „Das was den Begriff ‚Glück’ so unerträglich und gefährlich macht, ist wohl, dass er keine Steigerung mehr verträgt“ (Mann, 1998, S.263). Und so sollten die Beschreibungen des Unglücks in Romanen von Beigbeder, Houellebecq und vielen anderen für diejenigen, welche sich für unser Glück zuständig fühlen, oder die Vermehrung dessen als Vision ausrufen, zur Pflichtlektüre avancieren. Dass damit nicht das gravierende materielle Unglück in benachteiligten Teilen der Welt verschwindet, ist klar, aber dieses Unglück ist nicht Inhalt dieses Textes.

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Und nun?

Das Vorangehende war mosaikartig, ein Streifzug durch fremde Gedanken zur Selbst-verwirklichung. Das Folgende will einfacher und ruhiger sein, will zusammenfassen. Wir alle neigen heute dazu, uns zu verwirklichen. Dieser Drang ist tief in uns verankert, ist selbstverständlicher Teil von uns. Wir sind zwanghaft in Zwanghaft. Diese Haft ist selbst erschaffener und unscheinbarer Infekt der modernen Menschen. Selbst erschaffen, weil wir danach streben, alles zu verstehen, alles zu beherrschen, alles individuell zu bestimmen. Unscheinbar, weil wir die Konsequenzen nicht sehen wollen, die Entstehungsgeschichte unserer Ichjagd verdrängen.

Wenn wir uns im Beruf oder im Alltäglichen verwirklichen, ist dies anderen Menschen zugänglich. Sie erkennen unser verwirklichtes Selbst, unser Bestreben dieses Selbst noch deutlicher herauszuschälen. Sie reagieren auf unseren Ehrgeiz, unsere Unruhe, unser Streben. Diese sichtbare Verwirklichung ist gewissermassen normal, weil sie in der Öffentlichkeit geschieht und keine Grenzen übertritt, keine Extreme auslotet, keine Verbote bricht, nicht für Aufsehen erregt, eigentlich selbstverständlich ist. Es ist eine öffentlich praktizierte Verwirklichung, die sich schickt.

Was aber jenseits des mit Anderen Geteilten geschieht, ist Verarbeitung, intime Reaktion auf die Verwirklichung innerhalb der geschilderten Grenzen. Die Bewegungen innerhalb der Gesetze, vor den Augen der Anderen, hinterlassen Spuren im eigenen Inneren. Die Selbstverwirklichung im Alltag und im Beruf schwächt uns. Und die Erfüllung im Öffentlichen ist begrenzt. Das öffentliche Glück ist unvollständig. Über den gesamten Prozess der öffentlichen Selbstverwirklichung hinweg, bilden sich Differenzen im Energie- und Kräftehaushalt des Individuums. Diese versucht das Individuum im Intimen und im Rausch zu beheben. Während wir im Intimen Energien sammeln, verschleudern wir im Rausch die aufgestauten Energien. Wir bauen ab, was uns belastet, wir zerstören, was nicht sein soll, wir vergessen, was uns stört. Die Verarbeitung im Rausch ist extensiv und extrovertiert. Der Rausch ist laut, selbstbezogen, eigentlich unendlich. Der Rausch nährt seinen eigenen Appetit. Die Lust nach dem Rausch folgt mit dem Rausch. Sucht ist Flucht und Flucht ist Sucht. Am Ende des Rausches fällt der sich Berauschende unter den Neutralzustand, begehrt das Intime, um neue Kräfte zu sammeln. Ohne Intimität ist das Ich saftlos, kraftlos, reglos, hoffnungslos. Erst durch das Intime ist es wieder fit für das Alltägliche, bei dem der Haushalt erneut durcheinander geraten wird. Der Rausch und das Intime sind zwei Formen desselben Prozesses, der Entwicklung des Ichs.

Die Selbstentwicklung zieht externale Kosten mit sich. Die Menschen orientieren sich am Materiellen und dieses ist relativ und vergänglich. Die Menschen neigen im privaten und beruflichen Alltag dazu, sich überflüssig zu verwirklichen. Die Menschen vergeuden ihre Kräfte im Akt der Selbstverwirklichung. Ihre intimsten Haushalte verlieren das Gleich-gewicht. Ein Rausch und ein nächster müssen her, um die überschüssigen Spannungen abzubauen. Aber die Räusche kosten Kraft, sind nicht die erhoffte Regeneration. Das Intime muss her. Das Intime wird selbst zum Rausch mit Suchtpotential. Die sich Verwirklichenden befinden sich in endlosen Teufelskreisen, die zu immer neuen inneren Ungleichgewichten führen.

Diese führen auch dazu, dass Referenzpunkte individueller werden. Die über sich herrschenden Ichlinge vergleichen sich nur mit sich selbst, sind nicht mehr bereit, Verantwortung zu übertragen. Man lässt sich nicht von anderen Menschen helfen. Man muss stark und autark sein. Wir sind nicht mehr bereit, uns mit dem Anderen zu vereinen. Sind nicht mehr bereit, das Ich zugunsten des Wir aufzugeben. Wir sind irrende, selbst getriebene uns berauschende Egoisten.

Ob diese verunsicherten Menschen sich so überlassen werden sollten oder ob die Teufelskreise zusätzlich angeheizt werden sollten, ist nicht Gegenstand dieser letzten Überlegungen. Sie stellen nur Fragen. Wer ist verantwortlich für das Wohl der Menschen? Was ist das Wohl des Menschen? Ist es immer noch der geschwächte Staat? Oder sein zu formendes globales Ebenbild? Die Organisationen?

Am Ende der Kette steht doch wieder das einzelne Individuum, es ist das System, das im Zeitalter von Selbstorganisation, Selbstreferenz und Selbstverantwortung die grösste Legitimität, vielleicht die einzige, besitzt. Ich schliesse mit Hans im Glück, der nach dem Verlust von sieben Jahresgehältern erkennt, „so glücklich wie ich, gibt es keinen Menschen unter der Sonne“ (Rölleke, 2003, S.164). Nichts ist mehr, als es im ersten Moment den Anschein macht.

Literatur

Bildnachweis

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