Côte d’Argent, 2011

Die Rückkehr ist das Beste. Man ist befreit vom Ungewohnten, befreit von der Unsicherheit, befreit vom Stress der Reise. Die letzten Tag habe ich nicht mehr bewusst erlebt. Ich war mit meinen Gedanken schon Zuhause, schon bei der Vorbereitung der nächsten Destinationen, auf dem Gurten und am schwarzen Meer. In diesen Tagen habe ich die Lust an der Unabhängig wachsen spüren. Die zehn Jahre, die ich alleine gewohnt habe, sind nicht spurlos an mir vorüber gezogen. Ich weiss, dass ich mich schwer tue an mehreren sich folgenden Tagen die Nähe von anderen Menschen zu ertragen. Man verlernt die Geduld, man verliert die Kondition für das menschliche Zusammensein. Man gewöhnt sich daran, Entscheide im eigenen Tempo treffen zu können. Nun im Zug zurück nach St.Gallen kann ich mich endlich treiben lassen von der Musik in meinen überdimensionalen Kopfhörern. Endlich läuft das Leben wieder im eigenen Rhythmus.

Zum ersten Mal seit Jahren bin ich wieder mit meinen Eltern verreist. Vielleicht ist es nichts aussergewöhnliches, dass ich als 30jähriger mit den Eltern in die Ferien fahre. Aber irgendwie doch, denn wenn ich mich in meinem Umfeld umsehe, verbringt doch höchstens die Hälfte ab und zu Ferien mit der älteren Generation. Die gemeinsamen Tage führten uns an die Antlantikküste in Frankreich. Als junge Familie haben wir häufig Ferien in Frankreich verbracht. Wie bei allem an das man sich gewöhnt, verliert man mit der Zeit die Dankbarkeit für das Gute und Schöne. Man nimmt als selbstverständlich, was selbstverständlich da ist. Erst in der heutigen Distanz erkenne ich die Privilegien in einer gebildeten, wohlhabenden und warmherzigen Familie aufgewachsen zu sein.

Wir verbringen die Zeit auf einem Stück Land, das Napoleon von der Natur abgerungen hatte. Er hat die sandigen, feuchten Küsten mit Pinien bepflanzt und so mehr und mehr zum bewohnbaren Gebiet gemacht. Millionen von Pinien ragen in den Himmel. Wachsen, dienen dem Menschen und warten auf den Fall, der ebenfalls dem Menschen dienen wird. Ich liebe den Duft, der vom Wind über die Insel getragen wird. Er entfaltet die gleiche Wirkung wie der Anblick von Schnee. Die Welt wird friedlich und sanft. Das Land wird heute in erster Linie von Touristen bewohnt, die regelmässig den Verlockungen von Sonne, Sand und Meer erliegen. Die kilometerlangen Strände werden von schäumenden Wellen eingefasst, die einem bis in das fusshohen Wasser am Ufer zurückschwemmen. Im Wasser wiederholt sich die Bekanntschaft mit der Kraft der Natur, die jegliche menschliche Gewalt übertrumpft. Die verlassenen Bunker der Nazis, die wie vom Himmel gefallene Steine die Ufer zeichnen, könnten dies nicht besser illustrieren.

Mit gemieteten Velos durchfahren wir die Waldwege. Während den Fahrten und zwischen den Gesprächsfetzen flieht das Bewusstsein. Ich habe auf Ferienmodus umgestellt und lasse die Gedanken ziehen. Ich bin erstaunt, wie oft sie ins Leere ziehen und es mir gelingt, nichts zu denken. Da bin nur ich und die Natur. Da ist die Sonne und da ist ein Weg, der zurückzulegen ist. Ich spüre mich und ich spüre meinen Körper. Ich entleere mich und finde mich. Ich vergesse, ich vergesse mich.

Beim nächtlichen Nachtessen füllt sich das Innere mit neuen Gedanken. Sie kreisen im Kreise der Familie um die Eltern, die Familie, das Älterwerden. Heimlich hat auch der Tod am Tisch Platz genommen, es war noch ein Platz frei. Der Tod führt sich nicht unanständig auf. Im Gegenteil, er begrüsst die Anwesenden. Es spricht nicht, und doch habe ich das Gefühl, dass er anwesend ist. Seine Anwesenheit reicht, um uns bewusst zu machen, dass das Leben endlich ist und in Zyklen verläuft. Menschen erziehen Kinder, füllen die Kinder mit Inhalt, beschenken die Kinder mit Stärke. Nach Dreiviertel des Lebens beginnen sich die Kräfteverhältnisse zu kehren und die Kinder übernehmen die Verantwortung. In diesen sonnen- und winderfüllten Abenden sind die Kräfteverhältnisse ausgewogen. Es ist die vielleicht goldenste Zeit zwischen Eltern und Kindern, es ist die Zeit, in welcher der Austausch am offensten und die Zeit am unbeschwertesten ist.

Ich spüre die Kraft der Familie. Ich spüre das Refugium der Familie. Ich spüre die Grosszügigkeit über Schwächen der anderen hinwegzusehen, wies es nur sich liebende Menschen tun können. Ich spüre, dass das Kind wie ein Partikel im Meer unterschiedlichen Strömungen ausgesetzt ist. Ich trage Elemente der Mutter und Elemente des Vaters in mir. In diesen Tagen ist es, als würde ich spüren, wie sich diese Kräfte in meinem Inneren duellieren und ich es in diesen Tagen einmal Mutter und einmal Vater recht machen will. Ich werde es beiden nicht rechtmachen können. Ich erkenne den Wunsch der Eltern Grosseltern zu werden und erkenne die so hohe Wahrscheinlichkeit, dass dieser Wunsch niemals Realität sein wird.

Ich finde mich wieder im Beobachten, laufend, trampelnd auf dem Velo, im Wind auf dem Rücksitz des Cabrios. Jetzt hier, abschliessend, kurz vor der Ankunft im vertrauten Heim. Ich denke zurück, an die Momente des Beobachtens. Als ich auf dem Leuchtturm das Wetter durch meine Haare habe ziehen lassen und mich stark und unabhängig gefühlt habe. Als ich am Strand mit Wehmut und Sehnsucht den jungen Körpern nachgesehen habe. Als ich gefühlt habe, wie das leichte Leben sein könnte. Als das Licht gülden war und die Zukunft keine Rolle spielte. Als ich glücklich war.

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