Brüssel, 2012

Brüssel, immer wieder Brüssel. Eigentlich ist Brüssel zu intim, um darüber Bericht zu erstatten. Aber es war Zentrum meiner Gedanken, Hafen meiner Reisen, Tresor meiner Erinnerungen. Es muss der fünfte, sechste oder siebte Besuch in den letzten drei Jahren gewesen sein. Ich habe den Überblick über meine Reisen in die Hautstadt Europas genauso verloren, wie die Antwort auf die Frage, warum ich immer wieder zurückkehre. Brüssel ist eine dieser Städte, die ich ohne diese Freundschaft nie kennengelernt hätte, die ich deshalb auch nie ohne diesen Menschen werde denken können. An den Strassenzügen, an den Cafés, an den besuchten Restaurants und benutzten Tramstationen werden für immer meine Erinnerungen kleben.

Brüssel, das wie keine andere Stadt lebendig ist, das niemals schläft, in der die Gespräche niemals abreissen, in der immer wieder neue Gesichter auf den aus Pflastersteinen geformten Bühnen auftauchen, in der man unverhofft ein weiteres Bier in der Hand hält und die Wirkung des Starkbiers jedesmal unterschätzt. Ich kenne keine andere Stadt, die so in Bewegung ist, die so pulsiert, die so stark dazu einlädt, den Moment zu dehnen und sich dem Selbstvergessen hinzugeben. Der Puls schlägt unter den Oberflächen, die in jedem Quartier so unterschiedlich sind, in der so unterschiedliche Menschen Haus an Haus miteinander wohnen. Brüssel, wo das Hässliche neben dem sagenhaft Schönen steht, wo sich die Qualität der Tage in der Nacht entscheidet.

Der Puls schlägt wie das Bier fliesst. Unterschiedlichstes Biere, süssliches, beinahe klebriges Bier, das aus bizarren Kelchen in die Seele rinnt. Die Besuche in Brüssel sind Akte der Katharsis. Meistens raubt der erste Abend die meisten Ressourcen, so dass für die verbleibenden zwei Tage nicht mehr viel übrig bleibt. Keine Energie, keine Lust, keine Worte. Aufwachen und trotz Katerstimmung nicht bereuen, sich an den Absurditäten der vergangenen Nacht erfreuen. Sich in einem treibenden Buch wiederfinden, um nicht anhänglich zu werden, um nicht das Gefühl haben wieder warten zu müssen. Sutter, Brunetti, zuletzt Nesbo.

Als wiederkehrender Besucher nicht am Besuchten kleben, versuchen eigene Wege zu gehen. Aber ich kenne die Stadt immer noch nicht, habe keinen Überblick, habe nie auf einen Stadtplan geschaut, habe mich nie darum gekümmert, was man in Brüssel machen könnte. Ein Museum, das Atomium und das Europaquartier waren nur Zwischenstationen, nie eigentliche Ziele. Das touristische Zentrum war nie Bestandteil unseres Reviers. Ich habe hier nie als Tourist sondern immer als Besucher gelebt. Als Sehnsüchtiger, für den das Gefühl und nicht der Ort im Vordergrund steht. Als Besucher, der sich dem Moment fügt - und dabei vergisst, dass er selbst auch steuern könnte. I forgot, i was special too.

Die sündigen Nächte sind jeweils noch spürbar, wenn ich an den hässlichen Midi zurückgekehrt bin und zwischen Traurigkeit und Fröhlichkeit, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wehmut und Hoffnung heimkehre. Diese Nächte relativieren das Zuhause, gleichem einem Reboot, sind kräfteraubend und legen vielleicht gerade deshalb neue Energien frei.

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