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Berlin, 2011

Tegel ist nicht gerade das, was man sich unter dem stadtnächsten Terminal einer der wichtigsten Städte Europas vorstellt. Bei meinem ersten Besuch hatte mich die Hässlichkeit noch überrascht, jetzt aber ist sie mir angenehm vertraut. Die Sicherheitsschleusen habe ich erfolgreich passiert und wie so häufig ist das dazugehörige Personal demotiviert und gelangweilt. Statt wachsamer Beobachtung der Touristen und Terroristen tauschen sich die Sicherheitskräfte über das verlängerte Wochenende oder die kontrollierten Passagiere aus («Weichwurst mit gezupften Augenbrauen»). Es ist Pfingstmontag, 10.15. Mit einem doppelten Espresso, habe ich vergeblich versucht, meine Lebensgeister zu wecken. Der schlechte Kaffee ist teurer als der Döner, den wir gestern im «tiefen Kreuzberg» gegessen haben. Schreibend warte ich auf den rot-weissen Vogel, der mich zurück in die Heimat fliegen wird.

Ich weiss nicht, wie oft ich in den letzten Jahren in Berlin gewesen bin, es müssen 5 und 10 Visiten gewesen sein. Jeder Besuch zeigt mir neue Facetten und zementiert gleichzeitig den gewonnen Gesamteindruck. Meist kehre ich nüchtern nach Hause und distanziere mich von der Euphorie um die Berliner Hippness. Berlin ist narzisstisch, oberflächlich stark und schön, unter der Oberfläche verletzt und hässlich. Man sieht das Coole und Trendige, das Andere, das hier gewöhnlich wirkt. Das Streben nach Andersartigkeit und Auffälligkeiten zeigt sich so gesteigert, dass es mich zu nerven beginnt. All diese Fahrräder, die hochgesteckten Frisuren, diese gepunkteten, zu hoch sitzenden Röcke, diese übertriebenen Brillen, diese tätowierten Unterarme, diese zelebrierte Unhöflichkeit.

Seite an Seite des Arroganten steht das Heruntergekommene, das Abgefuckte, das Leere, das Zerstörte. In der Begegnung mit den Wunden Berlin kommt es mir vor, als wäre die Stadt am warten, auf ihre Zukunft, auf bessere Zeiten, auf neue Investoren und neue Immigranten. Auf neue Touristen und neue Suchende, die hier in der bewegenden Oberfläche zu sich selber finden wollen. Ich bin irritiert, ob der Infrastruktur, die funktioniert aber niemals glänzt. Ich wähne mich in einem Entwicklungsland, wo ich doch noch vor wenigen Minuten durch die kapitalistischen Modelabels gestreift bin. Berlin zeigt seine Wunden, Berlin zeigt seine Geschichte. Das Zeigen der Schwächen wird zur Stärke. Vielleicht liegt in dieser typisch narzisstischen Polarität das Geheimnis dieser Stadt verborgen.

Ich reise mit Freunden. Man erlebt eine Stadt anders, wenn man statt wie gewohnt alleine, für einmal in der Gruppe unterwegs ist. In der Gemeinschaft bleibt wenig Zeit für die Introspektion übrig. Die Selbstreflexion beschränkt sich auf die Momente auf der Toilette oder diejenigen kurz vor dem Einschlafen. Dann kehrt Ruhe ein, dann flacht der Rhythmus ab. Die Gedanken werden beobachtend. Während der Aktion erfordern die Gespräche die Konzentration auf die Gruppe. Es gilt den Faden nicht zu verlieren, die Running Gags laufen mit. Heiterkeit und Bewegung. In diesen Tagen: Das Casting für Pornodarsteller, die leidenschaftslose Synchronisation des Aktes und die kurzen Sätze, die zu geflügelten Worte werden. «No mal ine, Ah, Ah. Schleck’n. Ah. Ah. So geil. So fein. Sprütz dr uf d’Muschi. Sprütz dr uf d’Titte». In der Gruppe drohe ich weniger verloren zu gehen. Es gibt Arme, an denen ich mich halten kann, Augen die auf mich aufpassen und Sätze, die relativieren.

Wir sind älter geworden. Das Sexuelle, die Liebe, die Familie. Wir betrachten den Verlauf des Lebens mit abstrahierender Distanz. Wir wissen, dass vieles möglich wäre aber längst nicht alles wirklich sein wird. Wir wissen, wir haben zu oft erlebt, dass die Trauer Hand in Hand mit der Heiterkeit geht. Wir wissen, dass die Einsamkeit die beste Freundin der Geselligkeit ist. Wir wissen, dass in jedem Rausch der Selbstbetrug und der Absturz versteckt sind. Wir erkennen die Kostbarkeit der mit Freunden verbrachten Zeiteinheiten. Und so anders die Leben der Besucher und Einwohner dieser Stadt auch verlaufen, so sicher ist ihr kleinster gemeinsamer Nenner: Die Sehnsucht nach Geborgenheit, die Sehnsucht nach Heimat, und dazwischen die Notwendigkeit das Geld und die Erfahrungen zu sammeln, die man dann in diesen Momenten der Freundschaft so gerne mit anderen teilt.

Berlin, Berlin. Du bist eine Stadt, die ich am liebsten an den Menschen festmache, die dort mit mir waren, als ich Dich besucht habe. Das Gefühlte und Erlebte ist mir wichtiger die Kulissen, die Du dafür bereitgestellt hast. Berlin, ich denke an Dich und denke an den Fernsehturm am Alexanderplatz, an die breiten Alleen mit hohen weissen Häusern, an integrierte und doch nicht integrierte Türken, an graue Plattenbauten, an Baustellen und leerstehende Ladenlokale, an die vielen Bars und das unspektakuläre Bier, an belanglose Kreuzungen, an U-Bahnstationen mit gelben Schildern, an lange Reisen quer durch Deine Adern. Ich denke an die Enden der Nächte, im Taxi, irgendwo im Dunkeln, mit unbedeutenden Statisten und verschwommenen farbigen Flecken, die im Fahrtwind vorbeiziehen. Berlin, auch ich habe in Dir nach mir gesucht und in der Nähe meiner Freunde Hinweise nach dem Gesuchten gefunden. Dafür danke ich Dir.

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