Bergen, 2012

Der Gegensatz zu Geilo hätte nicht grösser sein können. Früh morgens war ich aufgestanden, um noch einmal in die Bergenbahn einzusteigen. Die Fahrt durch Schnee und Eis war phänomenal. Da gab es Weiss und nicht viel mehr. Glück ist, wenn die Gedanken fehlen. Weiterfahren. Weiterfahren. (Um den Überblick nicht zu verlieren, werden die kontrollierten Gäste vom Schaffner auf einer Liste abgestrichen - in der Schweiz weiss man ja nie genau, wie sich die Zugchefinnen und Zugchefs die Gesichter eines vollen Intercitys merken können). Nach vier Stunden weissem Rauschen war ich in einer bunten Märchenwelt angelangt. In Bergen fühlt man sich, als würde man sich in einem Eisenbahnmodell bewegen. Man läuft bergauf und bergab, an den Bergen bilden sich Mooslandschaften, Nebelschwaden ziehen auf, ohne zu regnen, bunte Holzhäuschen säumen die kurzen Spaziergänge. Wenn es ein Städtchen auf dieser Welt gibt, auf den der Begriff “pittoresk” zutrifft, dann muss es dieses sein. Zur kleinen Fantasiewelt passt das familiengeführte historisch anmutendem Gasthaus, in dem ich logiere. Das Internet ist schrecklich langsam und lädt jedes Mal meine unabgerufenen Mails neu in den elektronischen Briefkasten, dafür gibt es im Salon stets Kaffee, Tee und hausgemachten Kuchen.

Die niedrigen Häuschen sind in allen denkbaren Pastellfarben gehalten. Ich glaube die Bewohner müssen ihr Zuhause farbig bemalen, um sich von den witterungsbedingten grau in grau Tönen abzuheben und nicht in deren Tristesse verloren zu gehen. Bergen ist eine dieser Städte, an denen es jeden Tag regnen könnte (bisher hat es jeden Tag geregnet) und wenn es nicht regnet, dann nieselt es. Ich mag dieses Wetter, das so beruhigend, so melancholisch ist. Auf die Frage, ob es hier jeden Tag nieselt, gab man mir zur Antwort, dass ich Glück hätte, dass es heute nicht regnen würde, “fantastic wheather”. In der Nacht dringt der kalte Regen wie Nadeln in mein Gesicht ein. Ich gehe durch das Dunkel, erkenne die Lebendigkeit meines Leibes wieder und wie ich die sich heranschleichenden Tentakel einer grundlosen Traurigkeit gerade noch rechtzeitig abschütteln kann. Es ist gefährlich hier, die Übersichtlichkeit der Ortschaft verpflichtet zur selbstinitiierten Aktivität. Aber eingesperrte Pinguine bedauern, mag ich nicht. Aber mit Touristen auf einem Boot durch den Regen fahren, mag ich nicht. Aber durch mehrere Museen an einem Tag streichen, mag ich nicht.

Statt mich zu überfordern, gebe ich mich mit ein paar Stunden Aktivität pro Tag zufrieden. Es besteht aus bescheidenen Aktivitäten wie mit einer Zahnradbahn auf einen Berg zu fahren, durch die Stadt zu wandern und ein paar Fotos zu schiessen oder das kleine Museum für modernde Kunst zu besuchen. Zu den Aktivitäten gehört das Auftreiben von Nahrung. Was ich in Oslo versäumt habe, hole ich nun nach: Sushi, jeden Tag Sushi. Man sollte ja zwar keinen Fisch mehr essen, aber die Versuchung ist gross und die zwei frittierte Zuchtgarnelen für ein paar Makis im kalifornischen Stil werden wohl nicht die entscheidenden gewesen sein. Zum Sushi-Erlebnis gehört das Beobachten deren Herstellung. Das war heute besonders interessant, weil die fabrizierende Thailänderin zu ihrer Arbeit ziemlich falsch die unverkennbaren Hits am Radio mitsang, wohlgemerkt mit entsprechendem Akzent - “I’m not a girl, not yet a woman”… Weil es das liebevolle Frühstück nur bis um 09.30 gibt, muss ich zu alltagsgerechten Zeiten aufstehen, die fehlenden Stunden Schlaf hole ich am Nachmittag nach, um dann in den ersten Stunden des kommenden Tages zu Bett zu gehen. Nach erfolgter Siesta setze ich mich in die Lobby, trinke Schwarzee und mampfe Brownies, bis sich ein Völlegefühl einstellt und ich für ein paar Stunden Lesen, Denken und Schreiben bereit bin. Ich habe es längst aufgegeben, jeden Tag das Abenteuer meines Lebens zu suchen und versuche mich mit einem Ferienkonzept zufrieden zu geben, das einen grossen Teil Alltag zu lässt. Mit etwas Wehmut stelle ich fest, dass dies halt zu mir passt.

Wenn eine gute Freundin, ein guter Freund hier wäre, man könnte sich hier so wunderbar betrinken. Das Wetter und die vielen Bars laden zum bierigen Verweilen ein. Ja, man könnte sich hier so gottsjämmerlich betrinken, durch den Nebel ziehen und die Absurdität der Nacht sich entfalten lassen. So aber verhielt ich mich eine Spur zu kontrolliert. Den einzigen Ausgang, den ich mir gegönnt habe, war der cineastische Rückblick auf die Iron Lady. Vermutlich hätte ich den Artikel in Wikipedia vorher nicht überfliegen sollen, vielmehr als das dort Festgehaltene wurde leider nicht erzählt. Ich fühlte mich wie ein Streber, der den Unterricht etwas zu gut vorbereitet hatte. Der Film thematisiert das Älterwerden mehr als das Wirken von Miss Thatcher. Dies allerdings auf eine interessante Art und Weise, tritt doch ihr verstorbener Ehemann immer wieder in Form von Halluzinationen auf - wobei man nicht darum herum, kommt einen anderen Blick auf das Altern, das Vergessen und die Alterskrankheiten Alzheimer und Demenz zu werfen.

Nun bin reif für die Inseln. Mehr dazu in einer Woche, kurz vor meiner Rückkehr.

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