Bergamo, 2013

In St.Gallen war es mir zu eng geworden. Ich hatte mich in Sehnsucht und Sorgen um die Zukunft verirrt. Im Sinne der Burnout-Prävention war ich besonnen genug zu handeln. In der Vergangenheit hatte ich mir immer wieder gesagt, dass ich die Freiheiten der Selbständigkeit besser nutzen müsse – um Energie zu danken, Freiräume zu schaffen, Kreativität am Leben zu erhalten. Nur so wird es mir gelingen, dem Druck und der Unsicherheit der Selbstständigkeit stand zu halten. Deshalb habe ich gestern die Flucht ergriffen und die Verfolgung eines im Internet entdeckten Tätowierers aufgenommen. Ich hatte entdeckt, dass Bergamo, sein Domizil, nicht weit von der Schweiz entfernt lag und die Fotos des Städtchens auf Wikipedia sahen vielversprechend aus. Ich dachte mir, das muss passen und es passt auch.

Bergamo, das sind drei Städte in einem, die man über die Hügel empor steigende Strassen oder bequemer durch die Funiculari erreichen kann. Je weiter man steigt, desto mehr sieht man auf die gesamte Stadt hinunter. Mit jeder erklummenen Terasse entgeht man dem Städtischen mehr, desto weiter sieht man in die Ferne, in die Po-Ebene, die jenseits des Hügels liegt. Nur wenige Stunden vergingen, bis ich das Flair von Ferien in mir aufgenommen hatte. Die veränderte Stimmung ist dem Tempo, dem Licht, der Architektur der Stadt geschuldet. Man wähnt sich im südlichen Frieden, in einer Simulation des Glücks, wie ich das andernorts schreiben würde. Ich verbringe diese kurzen Tage indem ich ziellos durch die Strassen laufe, ein paar Szenen fotographisch feshalte und mich einer inneren Zufriedenheit erfreue, die sich durch das ziellose Treiben einstellt. Nicht müssen, nur dürfen.

Am zweiten Tag nach dem Tätowieren kippte meine Stimmung – wie so oft nach dem Tätowieren. Die Verfärbung der Haut ist nicht ganz so gelungen wie erhofft. Der Tätowierer schien lieblos und hastig bei seiner Arbeit, weit entfernt von einem Künstler, wie ich sie auch schon getroffen habe. Das Tätowieren wurde zu einem Konsumakt und verpasste es, das intime Erlebnis, die Selbstreinigung, den Einblick in die Kultur der fremden Stadt zu sein. Und wie immer frage ich mich beim Anblick in den Spiegel: musste das sein? Was soll dieses Kinderbild auf meinem Körper, dessen Tinte erst noch ausläuft - Blow out. WTF. Aber ich weiss, dass bald eine Gleichgültigkeit gegenüber der farbigen Haut einkehren wird und ich anerkennen werde, dass der Prozess wichtiger als das Ergebnis ist, dass es also wichtiger ist, dass ich mich selbst überwunden habe und dass die Farbe den inneren Schmerz nach aussen getragen und damit gelindert hat.

Aber ich möchte nicht in eine Gehirnwixerei verfallen, wie ich sie heute beim Lesen eines kleinen Büchleins bei einem anderen Schreiberling festgestellt hat. Ich möchte ja einen Reisebericht und weder eine psychologische Analyse entwickeln noch eine soziologische Diagnose stellen. Obwohl sich diese Ebenen in meinen Berichten wohl immer vermischen. Beim Nachtessen im Garten des Hotels gewann ich meine Freiheit zurück. Mein Liebling, den ich seit einem Monat kenne, hat mir per Telefon etwas nettes geschickt; worauf ich gewohnt übertrieben etwas von wegen Hochzeit geantwortet habe. Es kam keine Antwort mehr, dafür führten meine Tischnachbarinnen aus England - das Gespräch mit mir fort, während ich olivengesüsste Crevettenschwänze ass. Como sei ebenso schön in Venedig, die Mutter in der Entwicklung für Lehrkräfte und die Tochter an einer Kunstschule eingeschrieben (was sonst?). Bald ward mir der Smalltalk genug und ich stieg auf mein Zimmer, um diesen Text fertig zu schreiben.

Auch diese Reise und auch diese Tätowierungen werden mein einverleibte Schwere nicht abschütteln. Der Defekt, der Mangel, die Unruhe, die Sehnsucht bleiben bestehen. Und doch habe ich ein Stück Leichtigkeit zurück gewonnen. Aussteigen, durchatmen und wieder einsteigen.

Seoul 2015 Seto 2015 Kurashiki 2015 Archiv