Baku, 2013

Es fühlt sich an, als wäre man zu früh auf der Party aufgekreuzt. Die leckeren Häppchen stehen zwar herum, aber die Gastgeberin hatte noch keine Zeit, um sich umzuziehen und das nicht mehr gebrauchte Mise en Place steht auch noch unpassend in der Küche herum. Hypermoderne Statusbauten wechseln sich ab mit nicht fertiggestellten oder nicht mehr gebrauchten Ruinen. Als ich vor zwei Tagen am Flughafen von Baku meine Aserbaidschan begonnen habe, wurde man beim Taxiing quasi gezwungen, den prächtigen Terminal zu bestaunen – der sich dann in seinem Inneren von seiner weniger schönen Seite zeigen sollte. Es ist dieses sich ständig wiederholende Muster, dieser Kontrast zwischen Schein und Sein, zwischen Oberfläche und Tatsache, der das Land bisher für mich am besten charakterisiert. Gleichzeitig wechselt die Stimmung, die man als Fremder empfindet. Offene, weltoffene, geschäftstüchtige Gastgeber folgen auf misstrauische, unfreundliche, letztlich unsichere Verteidiger.

Es ist dieses sich ständig wiederholende Muster, dieser Kontrast zwischen Schein und Sein, zwischen Oberfläche und Tatsache, der das Land bisher für mich am besten charakterisiert.

Mit dem Eurovision Songcontest 2012 wurde Europa dafür sensibilisiert, dass es weit aussen am kaspischen Meer auch noch einen Staat gibt, der die Zugehörigkeit zu Europa reklamiert. Vor Ort stellt sich die Frage, was denn das Europäische ausmacht und wieweit etwas von dieser Definition abweichen darf, um dann immer noch dazuzugehören. Bevor andere über diese Definition diskutieren, ist das Land selbst mit seinem Identitätsproblem konfrontiert. Zwischen Europa und Asien gelegen, an den nahen Osten angrenzend, stellt sich die Frage, wer man ist oder wer man sein will. Eine Antwort zu finden ist nicht ganz einfach, wenn man immer wieder erobert und beherrscht wurde und erst seit gut 20 Jahren unabhängig ist. Man steht zwischen politischen Blöcken, zwischen religiösen Ansätzen und mitten in der Digitalisierung, die alles auf den Kopf stellt, neue Codes und neue Grenzen schafft. Aserbaidschan: Feuerland sagen sie selbst, Zwischenland die anderen.

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In den Strassen trifft man auf Gesichter, die man nicht kennt, die auch keinen ähneln, die wohl die seit Jahrhunderten andauernde Immigration spiegeln. Scheu sind sie, zuvorkommend dort, wo westliche Codes eingezogen sind. Dort ist das Internet ebenso präsent wie der globale Electropop. Leicht irritiert hört man die Hits von Calvin Harris, Jessie J oder David Guetta. Das Internet und die Smartphones sind bei den Jungen präsent und interessanterweise ist weniger zensiert als in der eben besuchten Türkei. Das Land ist muslimisch, aber die Moscheen scheinen auf ersten Blick nicht viel besser besucht als unsere Kirchen. In den Touristenzonen sprechen die Jungen englisch, den Besuchern begegnen sie neugierig und hilfsbereit. Andernorts weiss man nicht so recht was tun, mit so einem Touristen. Wie im Hamam, wo die schnurrbärtigen Herren den tätowierten Jüngling erstaunt ansehen und dabei misstrauisch murren. Der Gastgeber aber manövriert mich souverän durch die Badeprozedur, die nur dann ins Stocken gerät, wenn ich nicht weiss, was alles man jetzt noch anbehalten darf.

Das Setzkastenartige passt zu den in den letzten Jahren aus dem Boden geschossenen Bauten, die mich an Dubai oder Super Mario Land erinnern.

Es ist nicht so einfach, sich die Zeit in Baku zu vertreiben. Viele Orte sind offensichtlich so gehalten, dass Touristen nicht erwünscht sind. Man fühlt sich nicht bedroht, aber auch nicht willkommen. Die zahlreichen Autos lassen Aggressionen aufkommen, zumal es keine Fussgängerstreifen gibt und man die zum Teil 8-spurigen Hauptstrassen mutig im richtigen Moment überqueren muss. Das Ignorieren der Touristen wechselt sich mit dem etwas leidigen Versuch ab, durch eine künstliche Inflation von den Touristen zu profitieren. Den Taxichauffer, der mir am Flughafen schon beim Gepäckband auflauerte, konnte ich noch mehr oder weniger heruntermärten, nicht aber den zweiten, der mich aus dem Nirgendwo rettete und in 2 Minuten für ein horrendes Honorar an den gesuchten Ort brachte. Überhaupt ist man mehr als anderswo auf die Hilfe der Einheimischen angewiesen – nicht nur weil der Service Public wenig ausgebaut ist, sondern auch weil das digitale Spiegelbild noch wenig exakt ist. In diesem Zusammenhang musste ich mir heute die Frage stellen, ob mir häufig nicht Maschinen lieber als Menschen sind.

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Umgekehrt sind die anderen Orte so offensichtlich für Touristen gehalten, dass sie langweilig sind. Die Altstadt ist nicht viel mehr als ein Museum, das zwar auf eine reiche Geschichte verweist aber jegliche Authentizität eingebüsst hat. Dabei gebe es jenseits der abgeschlossenen Altstadt zahlreiche wunderbare gelbe Sandsteinbauten, die in verschiedenen Epochen durch den Reichtum des Öls ermöglicht wurden und deren Inszenierung sich lohnen würde. Das Setzkastenartige passt zu den in den letzten Jahren aus dem Boden geschossenen Bauten, die mich an Dubai oder Super Mario Land erinnern. Trotzdem ist deren Anblick manchmal atemberaubend und ich bin sich sicher, dass die Schweiz nie den Mut hätte, solche Gebäude entstehen zu lassen. Die jungen Rezeptionisten erzählen, dass Baku vor 5 Jahren noch völlig anders ausgehen habe. Man glaubt ihnen und fragt sich, wo der Weg dieses so jungen Staates und doch so alten Raumes hinführen wird.

Der Songcontest wird bald nach Baku zurückkehren. Nicht nur weil das Geld für die Interessen der Mächtigen aufgrund der Öl- und Gasreserven unbeschränkt scheint, sondern auch weil die Azeri ein musikalisches Volk sind, das sich meinem Eindruck nach zu Europa und nicht zu Asien oder zum nahen Osten hingezogen fühlt. Es wird Gelegenheiten nutzen und einfordern, um diese Schwärmerei kundzutun.

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