Augsburg, 2012

Augsburg ist einer dieser Städte, für die es eigentlich keinen Grund gibt, um sie zu besuchen. Die Stadt kennt keine weltbekannten Sehenswürdigkeiten und streng genommen kenne ich die Stadt auch nur, weil ihre Fussballmannschaft dieses Jahr in der ersten Bundesliga spielen durfte. Aber manchmal verschlägt uns das Leben an solche Orte und man erhält die Gelegenheit Dinge zu entdecken, auf die man im normalen Verlauf der Dinge niemals gestossen wäre. Überrascht stellt man fest, welche Gemütlichkeit sich ausserhalb unserer dominierenden Zentren einstellen kann. Die Stadt ist keine Schönheit und trotzdem haben wir als Reisegruppe eine schöne Zeit erlebt. Das Gefühlte ist wichtiger als das Gesehene.

Das Berichtschreiben fällt schwerer, als wenn ich alleine unterwegs war. Es fällt noch schwerer, wenn ich eigentlich beschlossen hatte, keinen Bericht zu schreiben und diese Idee erst auf der Rückfahrt durch die Voten der Mitreisenden Gestalt annimmt. Vermutlich bereite ich auf meinen einsamen Streifzügen die Reiseberichte nach und nach vor. Sehe schreibend, erforsche fotografierend. In der Gruppe ist dies anders, ich konzentriere mich auf den Moment und es bleibt wenig Zeit, um das Erlebte im selben Moment zu reflektieren. Dazu kommt, dass die Abende in einer Reisegruppe eine andere Gestalt annehmen. Bin ich in der Gruppe, sind die Abende gesellig und durch den Alkohol gezeichnet. Bin ich alleine unterwegs, so verweile ich nüchtern und habe vor dem Einschlafen viel Zeit, um die Tage Revue passieren zu lassen. In der Gruppe gibt es keine Flucht in die Digitalität, kein Suhlen in der Einsamkeit.

Zurück zum Anfang: Eine Diesellock brachte uns zusammen mit zehn gröhlenden Männern von Schaffhausen nach Ulm. Sie assen Wurst, tranken Bier und lachten dabei so laut, dass es mir in den Ohren weh tat. Noch nicht ganz wach, wiederholte sich die Beobachtung, dass ich mit zunehmendem Alter immer lärmempfindlicher werde. Als wir in Friedrichshafen hielten, wurde mir der grosse Umweg bewusst, den ich von St.Gallen aus gemacht hatte. Bei der Rückkehr würde ich die Gelegenheit wahrnehmen, eine meiner geliebten Schifffahrten zu machen. (Sie sollte kalt und windig werden und ich musste mich anstrengen, nicht von einer Person entdeckt zu werden, die ich zu diesem Zeitpunkt nicht sehen wollte). Das Reisen mit dem Zug ist verlangsamt, unhektisch und lässt Zeit für das Verfolgen der Landschaftsfetzen, Raum für Diskussionen. Über das Fliegen, den Vegetarismus und den Neo-Konservatismus.

In Augsburg angekommen, war ich als Folge der Reservationsverantwortung für den Weg vom Bahnhof zum Hotel zuständig. Aber ich hatte nur auf dem kleinen Bildschirm des Smartphones Zugang zum Stadtplan und hatte mich überhaupt zu wenig auf die Reise vorbereitet. In der Gruppe droht man die Dinge an die anderen zu delegieren, für die man als Einzeltourist selbst in der Verantwortung steht. Der Weg führte uns durch die Hitze und ein paar Strassen zu viel. Leicht verunsichert im Hotel angekommen, fand die Rezeptionistin unsere Reservation nicht gleich, was man meine Nervosität noch einmal stiegen liess. Ich eilte an den Rechner in der Lobby, um die Bestätigung zu drucken, ohne Erfolg, der Computer stürzte ab.

Meine Freunde erlösten mich von der Qual und die Nervosität war für die kommenden Tage beendet. Die folgenden Momente waren allesamt von einer grossen Gemütlichkeit und Gelassenheit gezeichnet. In der Gruppe durch eine deutsche Stadt zu reisen, ist weniger anstrengend, als sich in einer fremdschriftigen Stadt seinen Weg zu erkämpfen. Wir streiften durch die Gassen, besuchten ein Kloster, stöberten in einer Buchhandlung, machten immer wieder in einem Restaurant oder einem Biergarten halt und ernährten uns von lokalen bayrischen Spezialitäten. Obwohl ich Tag für Tag, um einen Flammenkuchen bat, gab es diesen erst in einem ungeduldig aufgespürten Konzept-Restaurant kurz vor der Abreise. Augsburg ist unaufgeregt und das färbt ab. Man fühlt sich nicht gedrungen, eine Sehenswürdigkeit nach dem anderen heimzusuchen und sich selbst etwas zu beweisen. Das ist erleichternd.

Vielleicht hatten wir gehofft, in der Nacht völlig im Absurden aufzugehen. Vielleicht hatten wir gehofft, dass diese Nächte länger und emotionaler, ihre Diskussionen härter und intimer werden würden. Es mag am Alter oder an der Hitze gelegen haben, dass dem nicht so gewesen war. Wir hatten es versucht, waren aber zu müde und strandeten schliesslich in einem Jugendzentrum, wo der Dubstep so laut gespielt wurde, dass er einem das Trommelfell aus den Ohren dröhnte. Wie die Tage, waren auch die Nächte unaufgeregt. Gut möglich, dass gerade darin die wahre Qualität in der mit Freunden verbrachten Zeit liegt. Es ist ein gemeinsames Entdecken, bei dem man versucht, auf die gegenseitigen Eigenarten Rücksicht zu nehmen. Man lebt im gerade entdeckten Neuen und gleichzeitig in all dem Alten, das man bereits zusammen erlebt hat. Ich war sorgenlos, ungenervt und fühlte diese Nähe, die mir an einsamen Winternächten in St.Gallen fehlt. Für diese Momente danke ich Euch.

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