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Die Radieschen von unten betrachten, Digitales Wissensatelier 8, 14. Januar 2021

Wir sind bequeme Tiere. Doch manchmal zwingt uns das Leben, neue Perspektiven einzunehmen. Am einschneidendsten wirkt der Tod. Er nimmt für immer weg, befreit aber vielleicht auch. Weil er bedroht und beendet, verstärkt er Innovation. Einmal unter der Erde liegend, werden wir alle gleich und den Tieren zum Frass vorgesetzt sein.

Am Atelier 8 sehen wir uns zusammen die Radieschen von unten an. Verkehrte Perspektiven sollen im Zentrum stehen. Wir sprechen über Innovationen, die der Tod mit sich bringt. Wir entdecken Tiere, welche die Menschen bedrohen und Menschen, die sich närrisch für Pflanzen begeisterten. Wir prüfen, ob Samen oder DNA-Stränge die wichtigeren Datenspeicher der Zukunft sind. Vielleicht erkennen wir zwischen den Radieschen die Dinge, von denen wir uns endlich verabschieden sollten, um das Neue zu beginnen.


Ausgangsthesen

Die Angst vor dem Tod ist ein mächtiger Innovationstreiber. Er lädt uns ein, unser Verhalten zu verändern – als Individuum, Unternehmen und Spezies.

Der Animal Turn verschiebt unser Innovationsverständnis – zum Beispiel durch One Health, We Health, Veganismus, Tierrechte oder Tiere in der Rolle von Trendscouts.

Man könnte von zirkulärer Innovation sprechen. Sie verknüpft Mensch, Tier, Pflanze und Maschine, Zukunft und Vergangenheit, Ressourcen und Abfälle sowie die wissenschaftlichen Disziplinen.

Zirkuläre Innovation verlangt einen besseren Zugriff sowohl auf unsere Vergangenheit wie auch auf unsere Zukünfte –entscheidend sind beispielsweise neue Speichertechnologien, Datenkompetenz und Zeitreisen.

Neben der digitalen Transformation prägt die grüne Transformation das von Volkswirtschaften und Unternehmen der Zukunft verlangte Skillset.

Referierende

Speichern und Sterben aus Sicht von Zoonosen
Jakob Zinsstag
Professor für “One Health”, Swiss Tropical and Public Health Institute (TPH) in Basel

Speichern und Sterben aus Sicht der Samendatenbank
Beate Schierscher Viret
Samenarchiv Agroscope

Sorten «sterben», aber nicht ganz. Wir erhalten sie als Samen für die Zukunft. Sie werden uns überleben, keine Frage

Speichern und Sterben aus Sicht der Rechtsmedizin
Antje Rindlisbacher
Rechtsmedizinerin Universität Bern

Als Rechtsmedizinerin begegne ich dem Tod täglich und beschäftige mich mit der Frage, wie jemand gestorben ist. Die Toten können nicht mehr erzählen, was ihnen widerfahren ist. Es ist meine Aufgabe, dies herauszufinden. Ich sehe meine Arbeit als eine Art letzten Dienst für die Verstorbenen.

Speichern und Sterben aus Sicht Daten & Neuer Technologien
Ina Schiering
Professorin für Information Engineering

Welche digitalen Spuren hinterlassen wir kommenden Generationen? Wie werden diese Spuren aufbewahrt und welches Bild unserer Gesellschaft bleibt erhalten.


Zusammenfassung

Von der Tragödie der Allmende (Tragedy of the commons) zur Komödie der Allmende Die gemeinsame Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen wird zu einer Komödie – nicht im Sinne eines komischen Spiels, sondern im Sinne eines Spiels mit glücklichem Ausgang. Das Nutzen gemeinsamer Ressourcen und damit die Realisierung von gesellschaftlichem Nutzen bedingt systemisches Denken. Es zeigt sich in einer engen Zusammenarbeit der Disziplinen, durch das Verbinden von akademischem und nichtakademischem Wissen, durch die intensivierte Kommunikation von Behörden, Wirtschaft, Bevölkerung und Wissenschaft.

Vier Beine gut, zwei Beine gut Die Tiere zu ignorieren, heisst wie in der Farm der Tiere zu denken: vier Beine gut, zwei Beine schlecht. Den Tieren mehr Aufmerksamkeit zu schenken heisst nicht wie heute häufig nach der Maxime zu handeln: vier Beine schon gut, aber zwei Beine besser. Den Animal Turn ernst zu nehmen, heisst nach einem Denken zu streben, das die Perspektiven von Mensch und Tier integriert. Dann lassen wir anthropozentrische Weltbilder hinter uns in denen Tiere dem Menschen dienen und ausgebeutet werden. Wir verhalten uns dann nicht mehr wie Parasiten, sondern wie angepasste Wesen – in Verbundenheit mit der Umwelt, den Tieren, den Pflanzen.

Back to the future – forward to the past Fortschritt verläuft über Rückschläge, Stillstand und erneute Beschleunigung. Vor diesem Hintergrund werden Zeitreisen wichtiger. Pannen und Parasiten treten an unterschiedlichen Orten der Welt zu unterschiedlichen Zeiten auf. Wie die Samen in der Samenbank darauf warten, wieder zum Leben erweckt zu werden, warten viele weitere Schätze entdeckt zu werden – Lösungen, Hilfsmittel, Denk- und Herangehensweisen. Um in Zukunft den Blick in die Vergangenheit zu vermöglichen, müssen diese Schätze gespeichert, dokumentiert und zugänglich gemacht werden.

Jekami wird zu Jesomi Jede/r kann mitmachen – jede/r soll mitmachen. Durch die digitale Transformation schaffen wir einen neuen Organismus – doch was entsteht überhaupt? Wer bestimmt was entsteht? Wir sollten diese Frage nicht den Informatiker*innen überlassen. Wir brauchen verschiedene Sichtweisen, sollten verschiedene Szenarien auch für verschiedene Stakeholder berücksichtigen. Für die Demokratisierung der Transformation braucht es gesunden Menschenverstand um zu erkennen was Sinn macht. Ziel ist, dass es auch hier eine Allmende gibt, dass viele verschiedene Perspektiven an einem Tisch vereint werden, um eine verantwortungsvolle digitale Transformation zu ermöglichen.

Memento Mori Sei dir der Sterblichkeit bewusst und zwar immer wieder, täglich! Auf den ersten Blick klingt das wie eine schreckliche Idee: Wir geben Kontrolle ab, es wird uns was weggenommen. Das löst Angst aus – was bei Umbrüchen, auch in der digitalen Transformation, häufig ein Hemmnis ist. Aber die Auseinandersetzung mit dem Tod kann ein Schlüssel sein, um das Leben in vollen Zügen zu leben, es als kostbares, begrenztes Gut zu sehen, den Moment zu geniessen, sich nicht über Kleinlichkeiten aufzuregen. Das Bewusstsein der Sterblichkeit, hilft uns, Dinge zurücklassen schenkt uns die Freiheiet nicht alles zu speichern und gar Dinge eingehen zu lassen. Wir erkennen, dass nicht alles repetierbar ist und sein muss.

Bisherige Ateliers


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