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Wie Tiere unsere Zukunft formen | Teil 2: Risiken

Im ersten Teil der Animal Turn-Serie wurden die Rollen beleuchtet, in denen Tiere unsere Zukunft formen. Der zweite Teil ist düsterer. Es geht es um die Reflexion der Risiken, die in der neuen Perspektive auf die Tätigkeit des Managements sichtbar werden. Je brisanter die Gefahren erscheinen, desto grösser wird das Innovationspotenzial – für die Land- und Forstwirtschaft, die Ernährungs- und Verpackungsindustrie, den Detailhandel sowie natürlich die Tier- und Humanmedizin. Diese Innovationen werden abschliessend im dritten Teil der Serie vorgestellt.

Illustration von Eugen U. Fleckenstein


Emerging Diseases – Wenn kranke Tiere Menschen krank machen

Noch Ende der 1980er waren die Epidemiologinnen zuversichtlich, die lästigen Seuchen endlich losgeworden zu sein. Ein wichtiger Grund für ihre Zuversicht waren die entdeckten Antibiotika. Seit 1942 war Penicillin erhältlich. Man hatte sich zu früh gefreut. Zwischen 1973 und 1997 traten mindestens 28 neue Krankheiten auf. 1997 hielt uns H5N1 in Atem, 2012 SARS, ab 2014 Ebola, nun Covid-19. Die Zoonose ist kein Einzelfall. Mehr als drei Viertel der menschlichen Infektionskrankheiten haben einen tierischen Ursprung. Entsprechend intensiv werden die möglichen Nachfolgerinnen von Corona diskutiert. Die Wissenschaft geht von 40 Erregern mit ähnlichem Pandemie-Potenzial wie Covid-19 aus. Zoonosen häufen sich, weil wir die Lebensräume wilder Tiere schlechter und kleiner machen. Das zwingt sie, ihren natürlichen Lebensräume zu verlassen. Diese durch Urbanisierung, Abholzung und der Klimawandel verstärkte Tiermigration ist gefährlich, weil Fledermäuse & Co häufig Reservoire von gefährlichen Erregern bilden – unsere Abwehr aber nicht mit deren Immunsystem mithalten kann.

Doch Zoonosen entstehen nicht nur in der Wildnis. Im Gegenteil geht die Hälfte der Infekte auf Nutztiere zurück. In drei Vierteln der 60 global grössten Fleisch-, Fisch- und Molkereikonzernen gibt es gemäss einer aktuellen FAIRR-Studie ein „sehr hohes Risiko“ für neue Zoonosen. Gefährlich sind vor allem die riesigen Produktionsstandorte von Eiern und Hühnerfleisch - und allgemein die Fleischproduktion, wo viele Tiere auf engem Raum gehalten werden. Man lernt erschreckende Grössendimensionen kennen. Als die Schlachthöfe von Tönnies im Juni /Juli 2020 geschlossen waren, konnten 70.000 bis 100.000 Schweine pro Woche nicht geschlachtet werden. Im letzten September ertranken vor der Küste Japans 5800 Rinder, die sich per Frachter von Neuseeland auf den Weg nach China gemacht hatten. In den Niederlanden tötete man über eine halbe Million covid-kranke Nerze. In einer der Pelzfarmen lebten 12.000 Muttertiere. Wenigstens in den Niederlande hat das Leiden der Nerze ein Ende. Im Juni 2020 beschloss das Parlament sämtliche Farmen zu schliessen. Gezüchtete Pelztiere sind nicht nur Träger des Virus. Christian Drosten brachte sie auch als Ausgangspunkt der Pandemie in Spiel.


Anthropozänische Rückstände – Wenn Menschen natürliche Kreisläufe stören

Die übermässige Beleuchtung der Nacht bringt die biologischen Rhythmen durcheinander, auch unsere. Wir schlafen weniger gut, die Produktion von Melatonin wird gestört. Unsere Organe erholen sich nicht. Das Immunsystem hat Mühe, Entzündungen zu hemmen. Astronomen stören sich an den Tausenden Satelliten des Elon Musk. Werden wir statt Sternen künstliche Himmelskörper bewundern? Medikamentenrückstände verschmutzen das Abwasser: Schmerzmittel, Blutdrucksenker, Antibiotika, Röntgenkontrastmittel. Hormone der Antibabypille verweiblichen männliche Frösche, sie beeinflussen das Wachstum der Pflanzen. In Internetforen preist man sie als Grow-Doping für Balkonpflanzen und Cannabisplantagen. Auch die Fäkalien der Nutztiere beeinträchtigen die Kreisläufe. Sie werden auf die Felder geschüttet – inklusive Medikamentenrückständen und Amoniak, das die Artenvielfalt reduziert. In den USA wird die Amoniak-Belastung durch Tierfabriken 130-mal so hoch wie die Verunreinigungen durch Menschen beziffert. 80 Prozent unseres Plastiks landen statt im Recycling in Müllhalden oder im Ozean. Man weist es in der Luft und im Schnee nach, im Trinkwasser, in Nahrungsmitteln, Böden oder Fischmägen nach.

Durch Nanoplastik geht Salat ein, Rüben ändern ihre Physiologie. Tiere verwechseln Plastik mit Nahrung. Jedes Jahr sterben 100.000 Meerestiere, eine Million Seevögel. Menschen nehmen wöchentlich fünf Gramm Plastik zu sich, das Gewicht einer Kreditkarte. Ob dies dem Körper schadet, ist schlecht erforscht. Es gibt Hinweise auf Entzündungen, Ansammlungen in Lymphknoten des Darms und Fortpflanzungsprobleme. Unsere anthropozänischen Spuren senken die Biodiversität. Seit 1900 schwindet sie auch in der Schweiz kontinuierlich. Laut Bundesamt für Umwelt ist die Hälfte der Lebensräume und ein Drittel der Arten bedroht. 40 Prozent der gefährdeten Pflanzen sind in den letzten Jahren verschwunden. Wir gefährden das Trinkwasser, unsere Nahrung, Rohstoffe sowie unseren natürlichen Infektionsschutz. Eine geringe Vielfalt im Ökosystem vereinfacht es den Erregern, ihren Wirt zu wechseln.. Zudem behindern gestörte Ökosystem die Arbeit der Tiere – zum Beispiel schrumpft das Gebiet, in dem Vögel die Samen von Regenwaldbäumen verbreiten..


Überholte Innovation – Wenn Chancen zu Gefahren werden

Veraltete Innovationen gefährden die Gesundheit von Mensch und Tier. Was früher eine innovative Chance war, wird durch Nebenwirkungen zur Gefahr. Problematisch sind aus einer One Health Perspektive insbesondere Antibiotika. 80 Prozent ihres Einsatzes entfällt auf die industriellen Tierzucht. Tierärzte generieren mit Antibiotika bis zur Hälfte ihres Umsatzes. Sie schützen die Tiere nicht nur vor Krankheit. Sie «helfen», Nahrung besser aufzunehmen, machen sie schneller schlachtreif. Je mehr Tiere auf einem Hof leben, desto schlechter sind die Lebensbedingungen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass ertragssteigernde Medikamenten eingesetzt werden. Notfalls beziehen sie die Bauern auf dem Schwarzmarkt. 2018 flog ein französischer Veterinär als Medikamentenschmuggler auf. Auf dessen Laptop fand man 27.000 Rechnungen an Kunden – mit Beträgen über bis zu 11.000 Franken. Entwickeln die Nutztiere Resistenzen, werden die Medikamente wirkungslos. Infektionsherde alter Krankheiten drohen aufzuflackern. Um neue einzudämmen, fehlen die Hilfsmittel. Zwar ging der Verbrauch von Antibiotika in der Schweiz Tiermedizin von 2008 bis 2017 von 70 auf 29 Tonnen pro Jahr zurück.

Jedoch wurden mehr Reserve-Antibotika eingesetzt, “die in Spitälern für Menschen benutzt werden, wenn die gängigen Antibiotika nicht mehr helfen”. Superbugs, multiresistente Keime verbreiten sich. Gemäss Bundesamt für Gesundheit findet man im rohen Fleisch dieselben resistenten Bakterienstämme wie bei Patientinnen und Patienten im Spital. 2014 entdeckte der Basler Kantonschemiker in neun von zehn Poulets antibiotikaresistente Bakterien. FAIRR stuft die BELL Food Group als Hochrisikobetrieb ein. Bis 2050 – die Behandlung von Covid-19 noch nicht berücksichtigt – rechnet das European Centre for Disease, Prevention and Control jährlich mit weltweit zehn Millionen Todesfällen durch Superbugs, bereits heute sind es 700.000. In diesem Szenario streben 2050 mehr Menschen an Superbugs denn an Karzinomen . Denselben Innovationsverfall gibt es bei Pflanzen, wenn Insektizide und Herbizide den Schädlingen nicht mehr gefährlich werden.


Gefährliche Chimären – Wenn die Kombinatorik ausser Kontrolle gerät

Um unsere Leben zu verlängern, missbrauchen wir die Körper der Tiere. Zum Beispiel lassen wir in ihnen menschliche Ersatzorgane wachsen. Neue Lungen, neue Herzklappen, neue Nieren. Nicht nur in Japan experimentiert man mit humanen Stammzellen in Mäusen, Schweinen und Affen. Entwickeln sich daraus Chimären, Tier-Mensch-Wesen? Was passiert, wenn ein Schweinegehirn aus fünf, zehn oder vierzig Prozent menschlichen Zellen besteht? Wird sein Verhalten menschlich? Wandelt sich das schweinische Bewusstsein, die schweinische Intelligenz?. Der Direktor von Swisstransplant wettet eher auf Xenotransplantation, auf implantierte tierische Organe. Mischwesen gibt es öfters, als man denkt – zum Beispiel Pizzlys, aus den Ehen von Eis- und Grizzly-Bären. In anderen Fällen wird aus ökonomischen Interessen absurd gekreuzt. Das Cama – als Mischling von Lama und Dromedar – soll so viel Wolle wie ein Lama produzieren und gleichzeitig so gesellig wie ein Dromedar sein.

Eine neue Dimension des Bio-Engineerings verspricht die Genschere CRISPR. Entdeckt wurde die Gen-Editierung bei Bakterien. In der Not zerschneiden diese die DNA von eindringenden Viren. Für uns Menschen ist die Technologie von Nutzen, um Erbgut einfach und mit höchster Präzision zu verändern. CRISPR könnte neue Tiere hervorbringen (zum Beispiel hornlose Kühen, die Fortpflanzungen der Arten regulieren (zum Beispiel der Malariamücke oder Ausgestorbene wie das Mammut zurückbringen.Werden Einhörner und Dinosaurier durch die Parks der Multimilliardäre streifen? In die Wildnis entlassen, sabotieren sie natürliche Rangordnungen und Ökosysteme. Es gibt auch religiös motiviert Kritik an der Gen-Editierung: Der Mensch soll nicht Gott spielen. Dieser moralische Anspruch formulieren andere menschennaher – als Forderung das genetische Erbe der Erde nicht zu verändern. Mediziner fürchten die Aktivierung von Krebsgenen, Politikerinnen genetische Selektion.


Overengineering – Wenn wir dem Natürlichen keinen Spielraum lassen

Eingriffe in die geo- und biogeochemischen Kreisläufe Gaias sollen das Klima hacken. Schon in den 1960er-Jahren entstand die Idee des Geo-Engineerings, um die Probleme alter Innovationen rückgängig machen: die Erwärmung, die C02-Konzentration der Atmosphäre, die sauren Meere. Ins Auge fassen ambitionierte Ingenieure zum Beispiel stratosphärische Schwefelinjektionen, gedüngte Ozeane, das Wolkenimpfen oder Sonnensegel im Weltraum. Doch nicht nur bleiben durch solche Eingriffe Verhaltensveränderungen im Sinne der Nachhaltigkeit aus. Geo-Engineering produziert auch Risiken. Es könnte geopolitische Auswirkungen haben, die Produktivität von Solaranlagen reduzieren, Pflanzen und insbesondere Bäumen schaden, den Monsun “umprogrammieren”. In Snowpiercer erfriert der Planet, die Menschen überleben in den künstlich angelegten Ökosystemen eines Zugs. Ein ganz anderes Over-Engineering ist der hinausgezögerte Tod. Unsere Sehnsucht nach Langlebigkeit bezahlen wir mit einem zusätzlichen Bedarf an Rohstoffen, Nahrungsmitteln und Medikamenten.

Nach Gian-Domenico Borasio, einem renommierten Palliativ-Mediziner, bewirkt das Übertherapieren der einen die Untertherapie der anderen. Am stärksten betroffen seien Hochbetagte und Unterprivilegierte. Wenn wir so weitermachen, bestehe die Gefahr, dass wir bald nur noch über- und unterversorgte Patienten im System haben. Als überambitionierte Innovation führt Over-Engineering zu überzüchteten Menschen, Tieren und Pflanzen, zu einem schrumpfenden Genpool, zu einem unnatürlichen Gedeihen, zu Fortpflanzung ohne Zufall. Wir kennen die Probleme von hochgezüchteten Hunde und Katzen. Viele Zierblüten sind zwar eine Augenweide, den Insekten bringen sie aber gar nichts. George Church, Genetiker an der Harvard University plant zum Beispiel eine Dating-App mit Gentests um Erbkrankheiten zu vermeiden. Wie glücklich werden wir sein – in einer Zukunft, in der sich niemand mehr ohne Algorithmen kennenlernt und kein Baby ohne CRISPR zur Welt kommt?


Gaia-Ignoranz – Wenn das Mindest für die Zukunft fehlt

Das vielleicht grösste Risiko für unsere Gesundheit ist Gaia-Ignoranz. In der griechischen Mythologie bezeichnet Gaia die personifizierte Erde. Die Popularität des Begriffs geht auf James E. Lovelock zurück. Zusammen mit Lynn Margulis führte er Mitte der 1970er-Jahre die Gaia-Hypothese ein. Sie sollte helfen unseren Planeten ganzheitlich zu betrachten. Im durchaus umstrittenen Weltbild formen Böden, Meere und Lüfte zusammen mit Tieren, Pflanzen und Menschen ein einziges Lebewesen, einen Superorganismus. Weil unser Planet kaum noch ohne die Dienste von Robotern, Drohnen und künstlichen Intelligenzen funktioniert, sollten wir auch sie als Teil Gaias verstehen. Analysiert man Covid-19 aus dieser Optik, dann sind weder die Fledermäuse noch die Menschen, sondern der Planet erkrankt. Einige gehen soweit, das Virus als Abwehrmechanismus zu betrachten, um den Schädling Mensch zu dezimieren. Soweit muss man nicht gehen. Doch unterstreicht die Gaia-Perspektive, wie wichtig es ist, Gesundheit von Menschen, Tieren und Pflanzen ganzheitlich zu denken. Wir sind alle Teil desselben Systems.

Gaia-Ignorante wollen und können die Links zwischen der Gesundheit der Menschen Tiere, Pflanzen und Maschinen nicht sehen. Arrogante belächeln die Fürsorge um sie, verspotten den Animal Turn. Profitgeile wollen wegen ein paar Tieren nicht ihre Geschäftspraxis verändern. Renitente wagen nicht, die Zukunft anders als immer schon zu denken. Sie sind in einer Fortschrittslogik der Vergangenheit gefangen. Kurzsichtige schliesslich sehen weder die Märkte noch die sozialen Innovationen, die sich in Gaia verbergen. Umso wichtiger sind Sensoren, das Internet der Dinge und unsere Smartphones, um Verbindungen zwischen Maschinen, Menschen, Tieren und Pflanzen sichtbar zu machen. Doch um Gaia gesund zu halten, reichen neue Technologien und Big Data nicht Ebenso wichtig ist ein neues Mindset. Es orientiert sich an den Abhängigkeiten von Pflanzen, Tieren, Menschen und Technologien. Es vereint Bescheidenheit und Nachhaltigkeit mit der Lust auf technologische Innovation. Es verbindet die grüne mit der digitalen Transformation.


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