putzfisch3.jpeg

Wie Tiere unsere Zukunft formen | Teil 1: Rollen


Wie konnte ich so blind sein?
Wie konnte ich so faul sein?
Wie konnte ich Zukunft so eindimensional denken?

Für viele Wissensproduzierende läuft die Zeit durch Corona langsamer ab. Wir haben etwas mehr Zeit als sonst um nachzudenken. Das sensibilisiert uns für unsere Denkfehler. Mein grösster Fehler bestand in der Annahme, nur wir Menschen würden die Zukunft formen. Wie alle Futuristinnen und Futuristen habe ich abgeschrieben, die Megatrends der anderen reproduziert. In der Regel erfassen sie Trends linear statt exponentiell, ohne Option auf Trendbruch. Sie überschätzen den menschlichen Einfluss auf die Zukunft. Was wenn auch Viren, Pflanzen, Pilze oder Tiere unsere Zukunft mitgestalten?

Animal Turn! In kaum einem Managerkopf sitzen die Tiere auf dem Tron. Doch der Klimwandel, der Green New Deal und Covid-19 könnten unseren Geist neu formatieren. Der Aufstieg der Tiere verändert Entscheidungskriterien und Innovationsideale von Kundinnen, Mitarbeiterinnen, Aktionärinnen und Regulatorinnen. Angebote, Geschäftsmodelle, Geschäftspraktiken, Weiterbildung und Kultur stehen zur Dikussionen. Managerinnen, die nicht von den Tieren überrascht werden wollen, beginnen deshalb jetzt ihre Rollen im Design der Zukunft sowie die Chancen und Risiken des Animal Turns zu prüfen. Diese Überlegungen motivieren, die digitale und grüne Transformation zusammenzuführen.

Am Anfang der dreiteiligen Serie zum Aufstieg der Tiere stehen die Rollen, in denen Tiere unsere Zukunft prägen. Sie sind längst nicht nur Futter der Menschentiere. Wer ihre Rollen kennt, wird in der Folge präziser über die Risiken an der Schnittstelle von Mensch und Tier (Teil 2) sowie damit verbundene Innovationspotenziale nachdenken – zum Beispiel in der Innovations- und Forschungsförderung, der Ernährung und Landwirtschaft, der Verpackungindustrie und Logistik der sozialen Arbeit und Unternehmensberatung.

Illustration von Eugen U. Fleckenstein


Rolle 1 Tiere als Rohstoff-Lieferanten

Am offensichtlichen prägen Tiere unsere Zukunft in ihrer Funktion als Rohstofflieferanten. In Schweinen will man Ersatzorgane züchten. Zu Fleisch verarbeitet, führen Sie Fleischfressern Energie zu. Ihre Häute und Haare verarbeiten wir zu Rucksäcken, Kleidern und Schuhen. Es ist eine Rolle, die durch den Zulauf zum Veganismus unter Druck gerät. Argumente sind Zoonosen durch Massentierhaltung, das Leid durch artungerechte Haltung, das unnötige und leidvolle Töten, die gesunde fleischlose Ernährung, der Ressourcenverbrauch und C02-Emissionen durch Fleischproduktion oder die bessere Energieineffizienz pflanzlicher Ernährung. Tiere verbrauchen 90 Prozent ihrer Energie, um zu atmen, sich zu bewegen und sich zu vermehren. 85 Prozent der Soja-Ernte wird zu Tierfutter verarbeitet. Umgekehrt nutzen wir tierische Rohstoffe wenig konsequent. Immerhin düngen Bauern mit Exkrementen ihre Felder, manchmal stellt man aus Füssen und Sehnen Lehm und Gelatine her. Man könnte noch viel mehr mit dem vermeintlichen Abfall tun. In Sri-Lanka stellt man aus Elefanten-Kot Papier her. Geschlachtete Tiere könnte man im Sinne der Nose to Tail-Bewegung besser verwerten. Statt ihre Knochen zu verbrennen, könnten wir Daten in ihnen speichern, zusammen mit Eierschalen die Wolkenkratzer der Zukunft bauen.

Rolle 2 Tiere als Arbeitskräfte

Ebenso vertraut sind uns Tiere als Arbeitskräfte. Schon lange prägen sie die Landwirtschaft. Sie schleppten, pflügten, transportierten. Schafe sind eine gute Waffe im Kampf gegen Unkraut, zum Beispiel gegen den stumpfblättrigen Ampfer. Fische fressen Algen, die Korallen bedrohen. Im Tausch gegen Süssigkeiten bestäuben Bienen und Hummeln die Blüten, während die Vögel Samen verbreiten. Die durch Covid-19 in Ungnade gefallenen Fledermäuse tun beides: Sie bestäuben, verteilen und vertilgen erst noch Getreideschädlinge. Tiere wandeln Materialien um, Würmer kompostieren Fruchtschalen, Käfer essen Dung und Aas. Auch andere Tiere sind in Upcycling-Kreisläufen engagiert. Die Seidenraupe frisst die Blätter des weissen Maulbeerbaum und verwandelt sie in kostbare Seide. Nach zehn Tagen töten sie die Züchter durch heisses Wasser – in Asien verspeist man die Raupen nach getaner Arbeit. Zibet-Katzen produzieren edle Kaffeebohnen. Gefressene Kaffeekirschen verdauen sie zu hochwertigem Lukaw-Kaffee. In London kostet ein Kännchen Kotkaffe stolze 50 Euro. Seit dem Preisanstieg hält man die Upcycling-Katzen in engen Käfigen. Sie gelten als Ursprung der 2002-SARS-Pandemie. Um Infektionskrankheiten in den Griff zu kriegen könnten schnüffelnde Hunde helfen. An den Flughäfen von Dubai und Helsinki erkennen trainierte Hunde Covid-19-Erkrankte. Wie genau sie das tun, “wisse man schlicht noch nicht”, aber die Trefferquote ist gut. “Nach sieben bis zehn Tagen Training konnten die Tiere unter mehr als 1000 Proben zu 94 Prozent Corona korrekt erkennen”.

Rolle 3 Tiere als unsere Gefährten

Tiere sind nicht nur Objekte, nicht nur anonyme Rohstofflieferanten und Arbeitskräfte. Sie sind auch unsere Freunde. Vor allem Katzen und Hunde leben so intensiv mit uns, dass man ihre Nähe mit jener unserer Mitmenschen vergleichen kann. In der Schweiz leben 1.7 Millionen Katzen, in jedem dritten Haushalt gibt es mindestens einen Stubentiger. In jedem achten Haushalt gibt es einen Hund, in jedem 33-ten ein Aquarium. Katzen wärmen uns, trocknen unsere Tränen. Sie warten, wenn wir nach Hause kommen. Sie beurteilen uns nicht danach, ob wir gut aussehen, aus dem Maul stinken oder im Beruf erfolgreich sind. Besonders offensichtlich sind Blindenhunde Gefährden. Sehbeeinträchtigten helfen sie „selbstbewusster, mobiler und unabhängiger“ zu leben. Auch in psychotherapeutischen Settings kommen Tiere zum Einsatz. Ziel der tiergestützten Therapie ist es körperliche, kognitive und emotionale Funktionen wiederherzustellen und zu erhalten. Durch erfahrene Selbstwirksamkeit stärken sie das Selbstbild. Stress, Angst und Schmerzen werden abgebaut. Neben Hunden kommen Pferde, Lamas, Delphine und Fische zum Einsatz. Tiertherapeutische Studien weisen auf eine verbesserte Lebensqualität, höhere körperliche Aktivität und auf eine deutliche Verbesserung depressiver Symptome hin. Das Tier ist ein aktiver Beziehungspartner, wodurch neue Beziehungsebenen entstehen. Es fördert Lebendigkeit, Spontanität und kann zwischen unterschiedlichen Kindern vermitteln. Besonders grosse Effekte sind bei „Autismus-Spektrum-Störungen“ zu beobachten. Auch in Gefängnissen sind sie präsent. Sie bieten soziales Training, lernen Verantwortung zu übernehmen, bieten ein Gesprächsthema.

Rolle 4 Tiere als Wissenslieferanten

Eine vierte Rolle, in der Tiere unsere Zukunft prägen, ist jene der Informationslieferanten. Es ist eine eigentliche eine alte Rolle, berücksichtigt man das Wissen, das uns Frösche, Affen, Schweine und Nagetiere und viele mehr in mitunter schrecklichen Experimenten seit Jahrhunderten liefern. Im Trend ist die Bionik. Sie verlangt, dass sich der technische Fortschritt an natürlichen Bau- und Designprinzipien orientiert. Zum Beispiel spielt im Deichbau die Wabenstruktur eine wichtige Rolle. Mercedes hat im Januar 2020 ein bionisches Auto präsentiert. Es basiert auf einer Batterien mit organischer Zellchemie. Sie sind kompostierbar, frei von seltenen Erden und Metallen. Der bionische Mercedes kann seitlich im Krebsgang fahren und hat Schuppen auf seinem Rücken, die sich reptilienartig aufstellen. Auch Tierschwärme liefern Wissen - zum Beispiel um das Verhalten wütender Menschengruppen zu antizipieren. In den Publikationen der Trendforscherinnen häufen sich Berichte zu Biohacking. Baupläne und einzelne Gene der Tiere werden auf Maschinen, Pflanzen und unsere Körper übertragen. Mit der Biolumineszenz von Tiefseefischen und Glühwürmchen will man Bäume in der Nacht als natürliche Strassenlampen zum Leuchten bringen. Pilze, die eigentlich weder Tier noch Pflanze, sind liefern weitere Erkenntnisse, insbesondere über Netzwerke – und damit die Mobilität, Computer und Städte der Zukunft. Zum Beispiel erkennen Schleimpilze, wie wir U-bahn-Netzwerke bauen sollten. Gelingt es uns digital mit den Pilzen zu kommunizieren, würden wir sensible Wächter der Veränderung von Ökosystemen gewinnen. Ähnliche Informationen liefern Satellitenbilder. Sie dokumentieren die Migration oder Dezimierung von Tiere, etwa von Murmeltieren, Pinguinen oder Vögeln. Dabei gilt, dass Tiere vermutlich sensibler und schneller als wir auf Umweltveränderungen reagieren.

[Insekten]

Eine letzte beleuchtete Rolle von Tieren für unsere Zukunft liegt in der Verbindung von Ökosystemen. Sie tun dies zunächst durch Nahrungsketten. Man frisst und wird gefressen. Insekten stehen auf dem Speisezettel von Mäusen, diese werden von Schlangen gefressen und dienen wiederum Raubvögeln als Nahrungsquelle. Als Links zwischen Ökosystemen wirken die Tiere zudem wenn sie in ihrer Tätigkeit in der Landwirtschaft Samen und Sporen verteilen. Wie gesehen transportieren Tiere auch Informationen. Sie erfüllen diese Aufgabe nicht nur für Menschen. Verschiedene Fischarten tauschen durch “soziale Netzwerke” Informationen über Futterplätze und Gefahren aus. Vögel spielen Securitas für Nashörner. Dunkel wird der Informationstausch der Tiere, wenn sie die Baupläne für Krankheiten von einem Lebewesen zum nächsten tragen. Fledermäuse und Nagetiere scheinen bei einem überdurchschnittlichen Immunsystem ein besonders gutes Reservoire für die Tiere zu sein. Tiere transportieren nicht nur, sie migrieren und werden von den Menschen miggriert. Verlassen sie ihre Heimat und wandern klimabedingt oder als blinde Passagiere in menschlichen Transportwege in Ökosysteme ein, kann es zu Verteilungskämpfen kommen. In den USA sind Silberkarpfen ein Problem, die einst bewusst aus China importiert wurden um Algen zu fressen. Jetzt aber bedrohen sie einheimische Muscheln und Fische.


Fazit Zukunftsforschung mit und für Tiere

Die fünf Rollen der Tiere machen zwei Dinge deutlich. Einerseits sollten Futuristen, ich inklusive, davon wegkommen, die Zukunft nur aus Sicht der Menschen zu denken. Wir sind nicht die einzigen Lebewesen, die sie hervorbringen. Zudem sind Tiere direkt davon betroffen, wie wir unsere Zukunft planen. Entsprechend verändert sich unsere Zukunft,

Weil wir durch unsere Nahrungsketten, unsere Gesundheit und das gemeinsam bewohnte Territorium für immer miteinander verbunden sind, sollten wir Zukunftsforschung für die Tiere machen. Dabei sollten wir im Sinne von Co-Creation viel enger zusammenarbeiten und quasi gemeinsam Informationen über die Zukunft generieren. Damit ist nicht gemeint auf Wetterfrösche und Oktopusse zu setzen, welche die Fussballergebnisse vorhersagen können. Vielmehr sollten wir unsere neuen Technologien dafür einsetzen, besser die Tiere präziser zu beobachten und die Botschaften zu entschlüsseln, die sich durch ihr Verhalten bereit halten. Sie betreffen insbesondere die Gesundheit von Ökosystemen, die Folgen des Klimawandels.

Tieren sollten wir nur Lebens- und Arbeitsbedingungen zumuten, die wir auch uns zumuten würden. Tun wir dies nicht, könnte sich das rächen. Diese Risiken stehen im Fokus des zweiten Beitrags zum Animal Turns.


Hier für den Newsletter der Wissensfabrik anmelden

Bald hörst Du von mir.