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Covid19 – Warum alles gleich bleibt

Es gibt ein Szenario, das wesentlich schlimmer als die Wiederholung des Lockdowns wäre: Wenn sich durch Covid19 nichts verändert. Dann sitzen wir noch für Jahrzehnte im Wartesaal der Zukunft – voll unerfüllter Hoffnungen auf nachhaltigen, sinn- und lustvollen Fortschritt.

Noch bevor der Bundesrat die ausserordentliche Lage verkündet hatte, schrieb mir eine Kollegin eine SMS: Ich fragte mich immer, ob ich den Begriff der Disruption wirklich verstanden habe… Ist nicht der Covid DAS Disruptionsding? Wie auch immer… hoffe dir geht's gut. Machen wir nächste Woche ein Skypedinner? Spontan dachte ich, sie hat vollkommen recht. Das Virus kreierte Kulissen, die wir nur aus Netflix-Serien kannten. Es zwang uns Arbeitswelten und Universitäten neu zu denken, die Digitalisierung zu forcieren, lockte uns aus der unerträglich oft zitierten Komfortzone. Veränderungen wurden möglich, wo vorher Dutzende von Workshops ohne Wirkung blieben.

Sechs Wochen später sehe ich die Sache nüchterner, pessimistischer. Überall lesen wir, die Schweiz, die Welt, werde nach Covid19 eine andere sein. Ich sehe die Toten, die drohende tiefe Rezession, die unfassbar vielen Arbeitslosen in den USA, das Home Office für alle Wissensarbeitenden, die Einsicht, wie systemrelevant Verkäuferinnen und Pflegerinnen sind, die Aussicht auf mehr Nüchternheit in Digitalisierungsvorhaben, die isolierten Risikogruppen. Trotzdem halte ich die Wahrscheinlichkeit eines langfristigen Covid19-Disruptors für klein. Realistischer scheint mir das Szenario, bald wieder in der Wirklichkeit des Dezembers 2019 aufzutauchen.

Folglich stellt sich die Frage, ob Covid19 ein genügend grosser Schock ist, um Fortschritt und Innovation aus der Bondage der Vergangenheit zu lösen. Oder ob alles gleich bleibt. Sieben Gründe sprechen zugunsten der Fesseln der Vergangenheit.

Illustration von Karsten Petrat


Erstens lässt Covid19 unsere Entscheidungsgremien unberührt

Covid19 ist ein vergleichsweise gnädiges Virus. Es tötet nur wenige Menschen, die in der Blüte ihres Lebens stehen. Der Altersmedian der Verstorbenen liegt in der Schweiz und Liechtenstein bei 84 – bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 81,7 Jahren für Männer und 85,4 Jahren für Frauen. 98 Prozent der Verstorbenen litten unter mindestens einer Vorerkrankung. In China waren 82 Prozent der Toten übergewichtig. Anders als der Schwarze Tod, der keine Alterspräferenzen kannte, bewirkt das Virus kein Machtvakuum. Elite und Entscheidungsträger bleiben an ihren Positionen. Niemand rückt in freigewordene Stellen, Villen und teure Kleidung nach. In ein paar Wochen oder 2022, wenn Covid19 vorbei ist, werden die strategischen Gremien genau dieselben wie vorher sein. Sie sind alt, männlich, weiss, heterosexuell und bürgerlich. Unternehmen, die im Lockdown durch digitale Versäumnisse unnötig leiden, müssten diese eigentlich sofort neu besetzen. Doch Covid19 krempelt ebenso wenig die Entscheidungsgremien um, welche die Entscheidungsgremien berufen. Leider leidet auch das löblicherweise vom Bund eingesetzte Board unter dem typisch schweizerischen Diversitätsmangel. Eine Frau hat es ins Gremium geschafft, doppelt so viele Expertengruppen werden von Männern geleitet, eine Stimme aus dem Ausland sucht man vergebens. Dass die Bewältigung der Pandemie die Start-up-Szene, unseren Umgang mit älteren Menschen und langfristig unsere Ernährung und Landwirtschaft betrifft, spiegelt die Taskforce kaum.

Zweitens braucht digitale Transformation Zeit

Es braucht wenig Mut zu behaupten, dass Covid19 die digitale Transformation intensivieren wird. Mehr Mut braucht, wer überraschende Kooperationen eingeht, um die Krise zu bewältigen. KMUs, Verwaltung, Bibliotheken und Universitäten sollten den Weg in eine digitalere Zukunft nicht alleine gehen. Es wäre schade, wenn digitale Anfänger die Fehler wiederholen, die digitale Profis vor ein paar Jahren selbst gemacht haben. Zumal die Erwartungen an digitale Lösungen in der Schweiz sehr hoch sind. Wir haben eine Smartphone-Abdeckung von nahezu 100 Prozent. Wir alle wissen, wie gute Interfaces und tolle Datenvisualisierungen aussehen, surfen täglich auf fancy Internetseiten. Durch Kooperation teilt man Kosten, Know-how und Erfahrung. Braucht wirklich jeder Kanton eine eigene Steuersoftware, jede Uni eine andere E-Learning-Umgebung? Wer sich jetzt auf Teufel komm raus zum digitalen Profi wandeln will, sollte dafür Monate, wenn nicht Jahre kalkulieren. Hardware und Software zu beschaffen, Datenmodelle zu definieren oder rechtliche und ethische Aspekte Digitaliens zu diskutieren, braucht unheimlich viel Zeit. Menschen sind keine Maschinen, entsprechend führt Digitalisierung zu Lern- und Aushandlungsprozessen. Soll Innovation nicht vorgeschrieben werden, sind Investitionen in die Unternehmenskultur unumgänglich. Die letzten zehn Jahre zeigten, wie skeptisch, ängstlich, misstrauisch viele Schweizer dem Digitalen gegenüberstehen – und wie sehr es in Digitalisierungsprojekten um Macht geht.

Drittens bleiben die Showrunner der digitalen Transformation in ihrer Komfortzone

Das Virus offenbarte, für alle sichtbar, wer seine Hausaufgaben der digitalen Transformation versiffte. Tatsächlich ist es bedenklich, wie viele Unternehmen ihren Betrieb deshalb nicht weiterführen konnten und schmerzhafte Einbussen erlitten. Digitale Souveränität von Behörden sieht ebenfalls anders aus. Das Datenmanagement des BAG wirkte amateurhaft, die Sozialversicherungen agierten vor-digital. Sie handelten bemerkenswert schnell – aber ohne Portallösung, mit PDFs statt Webformularen, um Erwerbsersatz anzumelden. Offenbar nutzten weder der Bund noch die Sozialversicherungen die 2010er Jahre, um digitale Expertinnen einzustellen. Die forcierte Remote-Nutzung von Bibliotheken zeigte, wie dürftig das Angebot an E-Büchern ist, wie wenig nutzerfreundlich diese gestaltet sind und wie teuer die Zugänge für wissenschaftliche Zeitschriften sind. Dagegen waren die zwecks Innovation angeheuerten Agile Coaches, Disruptionsflüsterer und Digital Officers seit Jahren auf ein Covid-Szenario vorbereitet. Sie kennen das Arbeiten im Home Office, streamen und skypen täglich, bestellen seit Jahren online, fordern seit Jahren mehr Digitalisierung. Diese Showrunner der digitalen Transformation erhalten durch Covid19 viele Angebote aber kaum Anreize, ihre Denkmuster zu hinterfragen. Im Gegenteil können sie einfach ihre Konzepte aus der Schublade ziehen. Wenn aber weder Executives noch Showrunner als Schlüsselfiguren der Unternehmensentwicklung ausgetauscht werden – wie wahrscheinlich ist dann noch eine neue Innovationslogik?

Viertens leiden wir unter erlernter Hilflosigkeit

Gravierender als der Erhalt von Hierarchien und damit starren Organisationsformen ist unsere erlernte Hilflosigkeit. Mitarbeitende agieren passiv, arbeiten Befehle ab. Weiter zu denken ist nicht erwünscht, nicht möglich. Eine Vorgesetzte, ein Gremium muss entscheiden. Dieser Chef kann ein ganz hohes Tier sein: der CEO, der VRP, das Valley oder der Markt höchstpersönlich. Als Covid19 zahlreichen Wissensarbeiterinnen unverhofft Freiräume eröffnete (in Zürich waren 60 Prozent im Home-Office, bei Einkommen über 130.000 CHF waren es 75 Prozent) schluckten viele leer, statt vor Ideen zu sprudeln. Offenbar wusste man nicht, was man zu Hause tun sollte, ging trotz Verboten ins Büro, war nicht fähig, seine Arbeit selbst zu definieren. Wer sich jahrelang in einer fremddefinierten Rolle versteckte, liess Eigeninitiative, Kreativität und alternative Wirklichkeiten verkümmern. Streben wir tatsächlich eine neue Zukunft an, sollten wir unsere Unternehmen von ihrer Überadministration befreien. Heutige Hilfsmittel der Arbeitsorganisation müssten wir dekonstruieren – die Hierarchien, die Stellenbeschreibungen, die Büros, die Unternehmensgrenzen. Im Gedankenspiel muss Wirtschaft im unendlichen Corona-Loop möglich sein. Leicht wie ein Schwarm bewegen wir uns in neue Formationen. In Wochenfrist werden Flugbegleiter zu Erntehelfern, Konditoreien zu Home-Delivery-Anbietern, Zahnärztinnen zu Hygiene-Expertinnen. Nicht mehr Unternehmenszugehörigkeiten sind entscheidend, sondern unsere Kompetenzen. Ein solch liberales Szenario ist nur unter der Voraussetzung finanzieller Sicherheit zu haben.

Fünftens thematisieren wir das Virus nicht in seinen Ursachen

Covid19 wird als Krise des Gesundheitswesens, der wirtschaftlichen Prosperität, als Digitalisierungs- und Datenkrise definiert. Was durch seinen Ursprung in Fledermäusen eigentlich zur Diskussion steht, ist unser Umgang mit Tieren. Rückblickend traten Pandemien nicht zufällig auf – und wir alle tragen Schuld an Covid19. Unsere Symptomfixierung entspricht dem Gestressten, der seine Kopfschmerzen täglich mit einer Pille killt. Natürlich können wir Wirtschaft und Medizin updaten und auf weitere Pandemien vorbereiten. Wir werden ein ausgeklügeltes Warnsystem bauen, das bedrohliche Viren, Pilzen, Bakterien und wichtig: Medikamentenresistenzen trackt. Infektionsherde können wir schneller erkennen, manchmal unterbinden. Doch werden wir neue Zoonosen ebenso wenig durch digitales Hochrüsten unterdrücken wie Terrorismus. Intelligenter wäre es, künftige Ausbrüche zu verhindern. Das verlangte, die Wahrscheinlichkeit zu minimieren, dass Viren auf Menschen überspringen. Wilde Tiere brauchen mehr Platz, wir sollten ihre natürlichen Lebensräume schützen. Wildjäger benötigen andere Einnahmequellen – zum Beispiel für die Blutentnahme bei wilden Tieren zu Forschungszwecken. Auch Monokulturen in Land- und Viehwirtschaft sind gefährlich. All diese Mängel sind nicht mit einer App zu lösen. Es sind hartnäckige, multidimensionale Missstände, die anspruchsvoll zu beheben sind. Sie verlangen zudem mehr, nicht weniger Globalisierung, keine abgeschotteten Staaten. Nur Kompetenzkooperationen, der Wettstreit der Ideen und Wissenschaftlerinnen, die sich widersprechen und um Lösungen ringen, können sie beheben.

Sechstens verstärkt Covid19 die Schalldichtung unserer Echokammern

Wohlmöglich haben sich durch Covid19 die digitalen und analogen Mauern unserer Teilgemeinschaften gar verstärkt. Wir geben uns solidarisch – aber wie lange hält unsere Hilfsbereitschaft, unsere Grosszügigkeit an, wenn der Alltag zurück ist, mit seinen vollen Agenden, den Deadlines, dem Pendlerverkehr? Das Lesen digitaler Zeitungen soll während der Covid19-Zeit ebenso zugenommen haben wie das Streamen von Serien. Digitale Aktivitäten verschaffen unserem digitalen Schatten täglich mehr Relief, trotz regelmässiger Kritik an der Theorie der Echokammern werden Information und Unterhaltung künftig noch personalisierter. Sie färben unser Weltbild. Corona-Erzählungen, denen wir glauben, festigen sie. Wer vorher einen starken Staat wollte, wird es nun umso mehr wollen. Wer für freie Märkte und einen schlanken Staat plädierte, ebenso. Auch wer gegen die Globalisierung, gegen China und 5G war, fühlt sich bestätigt. Die digitalen Informationsmaschinerien beeinflussen das Analoge. In England brannten Verschwörungstheoretiker 5G-Sendemasten ab. Das Virus bricht keine Strukturen auf, verbindet keine Echokammern. Innovation und Fortschritt werden nach dem Ausnahmezustand in den exakt gleichen Communities diskutiert. Dieses kleine Denken hat eine globale Dimension. In Afrika gibt es 40 Covid-Testzentren, in Mali für 19 Millionen Menschen fünf Beatmungsgeräte. Wir kennen die Relationen, doch wir sind gefangen in unseren Bubbles, unseren goldenen Käfigen. Die Karten werden nicht neu gemischt. Es entstehen keine neuen Teams, keine neuen Argumente. Wir sind keine agile Gesellschaft.

Siebtens getrauen wir uns nicht den Normalzustand neu zu denken

Es ist nicht lange her, dass wir Längen, Breiten und Höhen überall auf der Welt anders massen. Erst 1799 wurde der Urmeter definiert – als zehnmillionster Teil der Strecke von einem Pol bis zum Äquator. Seither ist es normal, die Grösse von Menschen, Joggingstrecken und Möbeln mit Metern auszumessen. Misst Du noch mit dem Berner Steinbrecher Fuss? Wenn jetzt Politik und Medien den Normalzustand fordern, zeugt dies von fehlender Bereitschaft, normal neu zu definieren. Muss es wirklich wieder normal werden, sich die Hände zu schütteln? Ist es normal, den Normalzustand daran zu messen, dass wir jemanden dafür zu bezahlen, für uns zu kochen? Ist es notwendig, sich im Analogen zu treffen, um sich kurz abzusprechen? Ist es normal im Büro zu warten bis fünf ist? Könnte es in Ordnung sein, dass einige von uns erst um 10 ihren ersten Kaffee trinken? Sollte es nicht OK sein, jeden Tag aufzustehen und selber zu definieren, was heute Arbeit ist? Sollte es also Standard sein, dass die Maschinen die mühsame, langweilige und nervige Arbeit erledigen? Es könnte normal sein, nur noch 3 Tage in der Woche oder nur noch 9 Monate pro Jahr zu arbeiten. Es könnte normal sein, dass kein Mensch mehr als eine Milliarde, tausend Millionen besitzen darf. Es könnte nicht normal sein, dass es fast keine weiblichen CEOs gibt. Wir könnten den Normalzustand anders als an Konsummöglichkeiten messen. Wir könnten sagen, es ist nicht normal für weniger als 100 Franken in ein Flugzeug zu steigen – und für denselben Betrag zehn Pouletbrüstchen zu kaufen. Normal könnte so viel anders sein.


Wollen wir Fortschritt, der Lust macht, nachhaltig ist, sinnvoll erscheint, uns allen zugutekommt und soll das Geschwätz über eine andere Schweiz, eine andere Zukunft mehr als eine Medienblase gewesen sein, ist es an der Zeit, uns aus der Bondage der Vergangenheit zu befreien. Sie führen zu gesellschaftlichen Verletzlichkeiten, die das Virus eindrücklich entblösst hat. Sie finden sich dort,

Entsprechend wäre die Rezeptur zu mixen, um uns zu befreien und die Blessuren des Virus zu heilen. Statt die antizipierten sechs Prozent Wohlstandseinbussen so schnell wie möglich wett zu machen, könnten wir unser Betriebssystem updaten. Wir könnten überlegen, ob wir mit sechs Prozent weniger Lohn genauso glücklich wären. Wir müssten prüfen, ob die ungleiche Verteilung der Kuchenstücke und nicht der kleiner gewordene Kuchen das eigentliche Problem ist. Wir sollten uns getrauen, den Normalzustand neu zu denken. Wohlstand hiesse in Zukunft, die Lebensräume wilder Tiere zu schützen. Innovation bedingte die Diversität von Entscheidung- und Beratungsgremien zu erhöhen. Arbeit bedeute, Möglichkeiten zur freien Beschäftigung mit einem Thema, einer Idee, einer Vision zu erhalten – und diese auch zu nutzen.


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